Endlich angekommen: ein neues Zuhause
für Tobias

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

Als der 13 Monate alte Tobias* 2009 von seiner suchtkranken Mutter in die Obhut von SOS-Kinderdorf gegeben wurde, waren die drei älteren Geschwister bereits dort. Einen präsenten leiblichen Vater gab es nie – und so sah die verzweifelte Frau auch bei ihrem vierten Kind keinen anderen Ausweg. Sie kannte SOS-Kinderdorf bereits durch ihre älteren Kinder und wusste, dass auch Tobias bei seinen Geschwistern gut untergebracht sein wird.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

Obwohl Tobias damals noch so klein war, merkte man ihm die emotionale Belastung an: Er wirkte kraft- und teilnahmslos, manchmal fast apathisch. Dieser Zustand besserte sich erst, nachdem er ein stabiles und liebevolles Umfeld gefunden hatte. Im SOS-Kinderdorf bekam Tobias von Anfang an die so dringend benötigte Fürsorge und Zuwendung. Auch Dank der Nähe zu den Geschwistern, die in derselben Kinderdorffamilie aufwuchsen, wurde aus dem verschlossenen Kleinkind bald ein aufgeweckter Junge.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

Der Kontakt zur leiblichen Mutter, die nach wie vor im selben Stadtteil lebt, gestaltet sich bis heute schwierig. Manchmal sehen die Kinder sie zufällig im Bus oder auf der Straße, doch meist ist sie in keiner guten Verfassung. „Solche Situationen sind immer hart für alle Beteiligten“, weiß die Kinderdorfmutter. Ein wichtiger Ankerpunkt ist und bleibt die Oma. Sie kümmert sich, soweit es ihre Zeit zulässt, mit viel Hingabe um ihre Enkel, organisiert Ausflüge und kommt zu Geburts- oder Feiertagen ins SOS-Kinderdorf.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

In die Schule nimmt der Zehnjährige inzwischen gute Laune mit, schließlich läuft es dort nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser. Von den Lehrern gibt es positive Rückmeldungen und er ist bestens in die Klassengemeinschaft integriert.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

Zuhause ist Tobias ein echter Tüftler. Das erkennt man spätestens, wenn man sich im Kinderzimmer des Zehnjährigen umsieht: Hier ein Seilbagger, dort ein aufwendig zusammengesetztes Star-Wars-Raumschiff.

Behutsam befestigt er das letzte Rädchen an seinem Lego-Technik-Kran, an dem er seit Tagen mit bewundernswerter Ausdauer herumbastelt. Ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht. All die Legoteile verstaut er sorgsam in „Kramkisten“, wie sie Tobias Kinderdorfmutter liebevoll nennt.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Ricarda Schueller

„Ich kann manchmal kaum glauben, dass er dabei nie den Überblick verliert“, bemerkt die 52-Jährige schmunzelnd. Zugleich schwingt in ihren Worten auch eine gehörige Portion Freude mit – Freude über die erstaunliche Entwicklung, die dieser Junge im städtischen Kinderdorf durchlaufen hat. Sie wirkt mindestens genauso glücklich wie ihr Schützling: „Für Tobias ist die Kinderdorf-Familie das Selbstverständlichste auf der Welt. Er weiß einfach, dass er bei uns einen sicheren Ort hat.“ Er weiß, dass er zu Hause ist.

*Name, biographische Details und Abbildungen zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

SOS-Kinderdorf
geht in die Großstadt

Ein neues Konzept macht Schule: SOS-Kinderdörfer in der Großstadt. Ausgehend von bereits bestehenden Familien- oder Stadtteilzentren, baut der Verein seine Standorte im urbanen Raum aus. Kinder und Jugendliche aus belasteten Familien können so ihr persönliches Umfeld in Schule, Freundeskreis oder Sportverein beibehalten.


SOS-Kinderdorf geht dorthin, wo Familien wirklich Hilfe brauchen
In Städten kommen viele Problemlagen für Familien zusammen: Enge Wohnverhältnisse, anonyme Nachbarschaften, hohe Arbeitslosigkeit. Jetzt schon nutzen täglich mehrere Hundert Menschen jeweils die Angebote der SOS-Familienzentren, wie in Berlin-Moabit oder im Mehrgenerationenhaus Düsseldorf-Garath. Sie besuchen Ernährungsworkshops und Erziehungsberatungen, profitieren vom Mittagstisch oder nehmen Musikunterricht. Das Café mit Familientreff und die Kindertagesstätten sind ebenfalls wichtige Anlaufstellen. Und die Kinderdörfer geben Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihrem Elternhaus aufwachsen können, ein geborgenes Zuhause mitten in der Stadt.

Kinderarmut in
deutschen Städten

Spenden werden zum Beispiel für Folgendes eingesetzt:

Unterstützen Sie
SOS-Kinderdorf.
Für mehr Chancengerechtigkeit
in Deutschland.

Ein neues Zuhause für Tobias

„Die meisten
Kinder wären in ihrer
Entwicklung gefährdet“

Interview mit der Erzieherin & Koordinatorin Melanie Patten von SOS-Kinderdorf

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Mika Volkmann

1. Frage:

Frau Patten, Sie kümmern sich im Düsseldorfer Stadtteil Garath um Babies und Kleinkinder im Alter von bis zu drei Jahren. Was ist das Besondere an dieser Tagespflege von SOS-Kinderdorf?

Unsere Kinder kommen aus einem Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit. Etwa 90 Prozent der Eltern, die ihre Kinder bei uns in die Tagespflege geben, haben keine dauerhafte Arbeit.

2. Frage:

Warum wird dann eine Ganztages-Betreuung angeboten?

Viele Familien sind sozial benachteiligt. Zur Langzeitarbeitslosigkeit mit Hartz-IV-Bezug kommen häufig die Probleme von Alleinerziehenden. Auch chronische Krankheiten, Alkoholismus und andere Suchtprobleme sind ein Thema. Im Ergebnis leiden die Kinder Mangel. Die meisten wären in ihrer Entwicklung gefährdet, wenn sie den ganzen Tag im Elternhaus verbrächten.

3. Frage:

Das ist ein trauriges Fazit. Können Sie es erläutern?

Der Mangel in den Familien ist zunächst mal praktischer Natur. Das Geld ist knapp, am Monatsende fehlt es am Nötigsten. Das sehen wir an den Frühstücksdosen, die die Kinder in die Einrichtung mitbringen. Leider herrscht aber oft auch ein Mangel an Einfühlungsvermögen und an Wissen. Was tut einer Zweijährigen gut, was nicht? Da müssen wir öfter nachhaken und ein Auge drauf haben.

4. Frage:

Fallen Ihnen praktische Beispiele ein?

Als eher harmlose Anekdote fallen mir die Eltern ein, die ihrem Kind ein besonders gesundes Frühstück mitgeben wollten. Also hatte es ein paar schöne große Möhren dabei. Roh. Damit konnte das Baby, das erst über zwei oder vier Zähnchen verfügte, leider nicht viel anfangen. In vielen Familien laufen die Kinder „nebenher“. Niemand schaut mit ihnen Bilderbücher an oder liest vor, oft kommen sie kaum an die frische Luft. Die Eltern verbringen ja selbst zu viel Zeit im Internet oder vorm Fernsehen. Wenn wir mit den Kindern in den Garather Schlosspark gehen, wo es Pferde gibt, ist das ein echtes Highlight. Obwohl der Park ganz in der Nähe ist, sind viele Kinder dort noch nie mit ihren Eltern gewesen.

5. Frage:

Wie erreichen Sie die Eltern, damit die es besser machen?

Durch Geduld und viele Gespräche, die meist stattfinden, wenn die Kinder gebracht und abgeholt werden. Die meisten wollen ihrem Nachwuchs ja gut, aber die Scham der Eltern über ihre soziale Randlage ist groß. Oft wird viel Energie investiert, um Probleme zu verbergen. Wenn allerdings Kindeswohlgefährdung im Raum steht, handeln wir offensiv. Notfalls auch in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt.

6. Frage:

Das klingt dramatisch.

Einmal hatten wir eine Mutter, die uns amüsiert davon berichtete, dass ihr Kind wieder „aus dem Aschenbecher genascht“ habe. Sie wusste nicht, dass der Verzehr von Tabak für ein Kleinkind lebensgefährlich sein kann. Auch dass in der ganzen Wohnung geraucht wurde, fand sie in Ordnung. Wir konnten sie in intensiven Gesprächen davon überzeugen, dass sie ihr Kind besser schützen muss. Hätte sie sich nicht so einsichtig gezeigt, wären wir drastischere Schritte gegangen.

Pinar Atalay ist SOS-Botschafterin
für das Kinderdorf Hamburg:

© NDR / Thorsten Jander

„Chancengerechtigkeit ist heute ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Es gibt viele Kinder, die nicht das Glück haben, in einer Familie aufzuwachsen, die die finanziellen Möglichkeiten hat, sie bestmöglich zu fördern. Wie kann man die Chancengerechtigkeit für Kinder stärken? Der eigene Weg sollte nicht vorgezeichnet sein, es sollte nicht überraschen, dass eine Journalistin aus einer Arbeiterfamilie kommt. Oder, dass ein Kind, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, jetzt mit deutscher Sprache arbeitet. Warum nicht? Bildung selbst ist immer förderungswürdig, ein sehr wichtiger Faktor für unser Land, in dem es noch mehr Chancengerechtigkeit geben kann. Es darf nicht zählen, wo ich herkomme, sondern was ich daraus machen kann.“

„Es gibt viele Kinder, die nicht das Glück haben, in einer Familie aufzuwachsen, die die finanziellen Möglichkeiten hat, sie bestmöglich zu fördern. Der eigene Weg sollte nicht vorgezeichnet sein, es sollte nicht überraschen, dass eine Journalistin aus einer Arbeiterfamilie kommt. Es darf nicht zählen, wo ich herkomme, sondern was ich daraus machen kann.“

Spenden Sie für einen fairen Start ins Leben

Viele Familien haben immer weniger finanzielle Mittel, um an dem Leben teilzuhaben, das um sie herum stattfindet. SOS-Kinderdorf sorgt mit Ihrer Unterstützung für benachteiligte Kinder.

*Name, biographische Details und Abbildungen zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Copyright Headerbild: © SOS-Kinderdorf e.V. / Ricarda Schueller