Vanessa liegt auf dem Sofa und starrt ins Nichts.
Verletzte Seelen

Wenn Kindern die Liebe fehlt

Demütigungen, Vorwürfe, Beschimpfungen – die 13-jährige Vanessa* erlebt das täglich. Statt Zuneigung und Fürsorge erfährt das Mädchen von ihren Eltern emotionale Kälte und Distanz. In der Erziehungs- und Familienberatung von SOS-Kinderdorf findet sie zum ersten Mal wirklich Gehör und Menschen, die sich ihrer Probleme annehmen.
„Du machst alles falsch“. Diesen Satz muss sich Vanessa beinahe täglich anhören. Nichts kann das Mädchen ihrer Mutter recht machen. Regelmäßig lässt sie Vorwürfe und Beschimpfungen über sich ergehen. Immer dann, wenn sich die 13-Jährige nach Ansicht der Mutter nicht wunschgemäß verhält, richtet diese ihre eigene Unzufriedenheit willkürlich an ihre Tochter: Wenn Vanessa vergisst, die Spülmaschine auszuräumen, ihre Schuhe im Flur im Weg sind oder sie ihr Zimmer nicht nach den Vorstellungen der Mutter aufgeräumt hat. Dann stürmt die Mutter ohne anzuklopfen in das Zimmer der 13-Jährigen. Sie beschwert sich, wertet das junge Mädchen ab und verletzt sie damit seelisch.

Folgen fehlender Zuneigung: Depressionen und Wut

Vanessa nimmt die Demütigungen und verbalen Angriffe fast teilnahmslos hin. Doch innerlich fühlt sie sich von ihrer Familie im Stich gelassen. Der Vater streitet sich zwar oft mit der Mutter über deren Verhalten, kann sich aber nicht durchsetzen und schützend vor seine Tochter stellen. Das Mädchen rutscht in die Depressivität.
Um ihrem seelischen Leid freien Lauf zu lassen, wird Vanessa manchmal wütend und laut. Sie fügt sich dann selbst Schmerzen zu und beißt sich heftig in den Arm. Doch anstatt ihrer Tochter beizustehen und die Probleme in Angriff zu nehmen, verlässt die Mutter schließlich Deutschland, ohne sich um den Verbleib ihrer Familie zu sorgen. Obwohl die täglichen Attacken damit ausbleiben, verbessert sich die Situation für Vanessa kaum. Die Wunden sitzen zu tief und der Vater verschließt weiter die Augen vor dem Kummer seiner Tochter.

Erziehungs- und Familienberatung von SOS-Kinderdorf

Als die Wutausbrüche der 13-Jährigen jedoch anhalten, begleitet der Vater seine Tochter schließlich zur nahe gelegenen Erziehungs- und Familienberatung von SOS-Kinderdorf. Dem SOS-Mitarbeiter wird schnell klar, dass Vanessas Verhalten aus der angespannten Familiensituation hervorgeht. Das Mädchen ist schüchtern und sehr zurückhaltend. In den Sprechstunden gibt sie wenig von sich preis und sitzt mit verschränkten Armen und verhüllt in ihre Jacke vor dem Pädagogen. Vanessa will gesehen und verstanden werden, doch es fällt ihr sehr schwer, sich zu öffnen. Das Desinteresse der eigenen Familie gibt dem Mädchen das Gefühl: „Egal, was ich tue, es hat keinen Zweck. Meine Meinung ist sowieso nichts wert.“
Nach vielen Stunden kann der SOS-Pädagoge Vanessa schließlich klar machen, dass sie selbst Opfer von Missständen ist und nicht die Ursache für die Probleme der Familie. Vanessa kann so ihre Wutausbrüche lindern. Dennoch ist es noch ein weiter Weg für das Mädchen. Nur wenn die 13-Jährige sich weiter öffnet und ihre Sorgen mit dem Vater bespricht, kann sich etwas ändern.
Der SOS-Mitarbeiter versucht die Kommunikation zwischen Vater und Tochter Schritt für Schritt zu verbessern. Vanessa schreibt gemeinsam mit ihm einen Brief an den Vater und schildert darin ihre Gefühlslage. Erst wenn Vanessas Bedürfnisse und Gefühle vom Vater gehört und anerkannt werden, ist die Arbeit von SOS-Kinderdorf getan.
* Namen, biografische Details und Abbildungen wurden zum Schutz der Personen verändert.

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