Pascal und Tim
Zurück in die Familie

Nicht ohne meine Kinder

Es ist der schönste Tag der Woche für Tim (6)* und seinen Bruder Pascal (9)*. Jeden Sonntag machen sie einen kleinen Ausflug mit ihrer Mutter. Sie gehen in den Tierpark, besuchen eine benachbarte Stadt oder fahren im Sommer zum Badesee. Die Geschwister genießen die gemeinsamen Stunden. Denn solche fröhlichen Erlebnisse waren lange selten. Tim und Pascal wurden zeitweise aus der Familie genommen. Der Weg zurück zur Mutter war weit und schmerzhaft.
Die Mutter lächelt, als der kleine Affe dem großen das Futter wegschnappt. Der neunjährige Pascal* beobachtet seine Mutter und ist glücklich über ihre Fröhlichkeit. Es sind schöne Momente hier im Tierpark, die er in guter Erinnerung behalten wird. Manchmal schieben sich für einen kurzen Augenblick aber auch andere Bilder dazwischen. Dann sieht Pascal seine Mutter weinen, sie wirkt unendlich traurig. Die Mutter von Tim* und Pascal litt lange unter Depressionen und Panikattacken. Die Kinder erlebten hautnah, wie sie innerlich fast zerbrach. Die Frau bekam Schweißausbrüche, zitterte am ganzen Körper und schnappte nach Luft. Zu sehen, wie schlecht es ihr ging, war für die Jungen traumatisch. Die Gründe für die Krankheit der Mutter liegen in ihrer eigenen Kindheit. Ihr Vater verließ die Familie, als sie klein war, ihre Mutter konnte ihr keine Fürsorge schenken. Aufgrund der eigenen Traumata schaffte es die Mutter nicht, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern, ihnen Halt zu geben oder körperliche Nähe zuzulassen, – obwohl sie sie sehr liebt. Ihren Vater lernen die beiden Jungen nie kennen. 

Pflegefamilie für Pascal und Tim

Fehlende Stabilität und Rückhalt hinterließen auch bei den beiden Jungen ihre Spuren. Pascal zettelte in der Schule häufig Streit an und beschimpfte seine Mitschüler. Und auch der heute sechsjährige Tim reagierte im Kindergarten oft gereizt. Die alleinerziehende Mutter war zunehmend mit der Situation überfordert. Als sich ihr Zustand weiter verschlechterte, wandte sie sich an das zuständige Jugendamt. Schnell wurde klar, dass eine stationäre Therapie der Mutter unvermeidbar war. Damit sich die Frau gänzlich auf ihre Genesung konzentrieren konnte, kümmerte sich das Amt um eine Pflegefamilie für Tim und Pascal. Die Mutter ließ sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln, um bald wieder alleine für ihre Söhne sorgen zu können. Die Familie hielt in dieser Zeit zwar telefonisch Kontakt, doch die Jungen plagte die Ungewissheit, wann und ob sie ihre Mutter wieder sehen würden.

„Ich möchte meine Kinder zurück“

Als die Frau Monate später die Behandlung abschloss, hatte sie nur ein Ziel vor Augen: „Ich möchte meine Kinder zurück.“ Sie wollte für Tim und Pascal kämpfen. Nur wenn die Mutter ihre Probleme in den Griff bekam und das Familiengericht einer Rückführung zustimmte, durften Tim und Pascal wieder bei ihr leben. Auf Anraten eines Anwalts suchte die Mutter die ambulanten Hilfen von SOS-Kinderdorf auf. Ein Sozialpädagoge bereitete sie Schritt für Schritt auf eine Rückführung vor. Was braucht die Frau, um stabil zu sein? Und wie kann sie angemessen auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen? Die Mutter lernte Hilfe an- und Verantwortung zu übernehmen, um ihre Kinder versorgen und ihnen die Liebe geben zu können, die sie verdienen. Aufgrund ihrer Fortschritte, gab das Gericht dem Antrag statt. Anfangs verbrachten Pascal und Tim einzeln die Wochenenden bei der Mutter, um sich langsam wieder an die Situation zu gewöhnen. Der Sozialpädagoge aus den ambulanten Hilfen von SOS-Kinderdorf stand der Familie dabei weiter zur Seite. Die Kinder lernten, wie sie ihre Wut durch Bewegung und Sport besser kontrollieren können. Der SOS-Mitarbeiter legte der Familie zudem nahe, gemeinsame Gespräche als Abendritual zu führen, sodass Pascal und Tim ihren Ärger und ihre Verlustgefühle mit der Mutter besprechen können. Der Mutter empfahl er einen Kindertherapeuten, damit Pascal und Tim das Geschehene langfristig verarbeiten können. Nach einem Jahr kehrten die beiden Jungen schließlich komplett in die Familie zurück. Seitdem haben sich Tim und Pascal gut entwickelt und sind ausgeglichener in der Schule. Einmal die Woche verbringt jeder Junge alleine Zeit mit der Mutter. Mutter und Sohn gehen dann gemeinsam auf den Fußballplatz oder besuchen die Großmutter. Pascal und Tim erleben ihre Mutter noch immer in depressiven Phasen. Doch durch die Hilfe von SOS-Kinderdorf hat die Familie gelernt Krisensituationen zu bewältigen und aufeinander Acht zu geben. 
* Namen, biografische Details und Abbildungen wurden zum Schutz der Personen verändert.

Kurz erklärt: ambulante Hilfen