Junge sitzt mit gesenktem Kopf an einer Wand gelehnt auf der Straße

„Einigen fehlt es schon jetzt am nötigsten“

Inflation, Preisanstiege, hohe Energiekosten: Themen, die derzeit viele Menschen bewegen. Doch wie gehen jene, bei denen es schon vor der Krise finanziell eng war, mit der momentanen Situation um?
Sabine Maurer leitet den Bereich Ausbildungsvorbereitung im SOS-Kinderdorf Saarbrücken. Die verschiedenen Programme helfen Jugendlichen bei der Berufsorientierung, ermöglichen den Start in eine Ausbildung und sind für jene da, denen es im Alltag am familiären Rückhalt fehlt. Auch Angebote für wohnungslose junge Menschen gibt es bei SOS-Kinderdorf Saarbrücken. Geld im Überfluss hat keiner der hier Betreuten. Im Interview erzählt Sabine Maurer, wie es den Jugendlichen derzeit geht und wie SOS-Kinderdorf sie auf dem Weg durch die Krise begleitet. 

Frau Maurer, wie zeigen sich die gestiegenen Lebenshaltungskosten in den Angeboten Ihres Bereichs?

Wir merken, dass die Jugendlichen viele unserer Angebote, die sie finanziell entlasten, stärker nutzen. Unsere Essensangebote werden zum Beispiel öfter besucht und wir bekommen mehr Bitten nach Sachspenden. Beim Jugenddienst, unserem Angebot für wohnungslose Jugendliche, sind auch die Beratungsanfragen sehr stark gestiegen. Es kommen deutlich mehr Jugendliche, um sich mit Arbeitslosengeld II oder Schulden helfen zu lassen. Erst kürzlich erwähnte eine Kollegin aus dem Jugenddienst auch, sie bräuchten mehr Unterwäsche und Socken für junge Männer. Das zeigt ganz gut, dass es einigen jetzt schon am nötigsten fehlt. 

Für so etwas gibt es doch eigentlich Sozialleistungen.

Das stimmt, aber nicht alle Jugendlichen, die zu uns kommen, bekommen die. Manche haben nicht mal Arbeitslosengeld II beantragt. Das liegt zum Beispiel daran, dass sie sich in dem dazugehörigen System nicht zurechtfinden oder das Thema Amt für sie negativ besetzt ist. Aber auch die, die Geld bekommen, können nicht alle gut damit umgehen. Jetzt, wo alles teurer wird, sind sie dann erst Recht damit überfordert mit ihrem Geld zu haushalten. 

Was belastet die Jugendlichen derzeit mehr: die Lebensmittelpreise oder die Angst vor den Energiekosten?

An den Lebensmittelpreisen merken sie es jetzt schon ganz konkret, die Energiepreise sind für sie noch nicht so sichtbar. Das wird aber sicher noch Thema, wenn die Heizperiode beginnt und die Jugendlichen, die eigene Wohnungen haben, schauen müssen, wie sie klarkommen.

Wie gehen die Jugendlichen damit um?

Viele haben Angst, auch wenn sie gar nicht richtig benennen können, wovor. Aber was sie lesen und hören verunsichert sie, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Es gibt natürlich auch die, die sich weniger für Nachrichten und Politik interessieren. Das waren auch die, die sich während Corona nicht so sehr informiert haben. Die haben eher geschaut, dass sie irgendwie durchkommen und nur wenn sie konkret Hilfe gebraucht haben, standen sie bei uns vor der Tür. 

Erst Corona, dann der Krieg in der Ukraine, jetzt finanzielle Sorgen: Merken Sie, dass die Jugendlichen unter der Häufung der Krisen leiden?

Definitiv. Die Batterien sind bei einigen einfach leer. Das merken wir zum Beispiel an psychischen Auffälligkeiten. Einige ziehen sich sehr zurück und werden depressiv. Bei anderen wird die Frustrationstoleranz immer geringer. Dann kann sich der Druck auch mal in aggressives Verhalten entladen. Da müssen auch wir aufpassen. Wir haben im Team erst kürzlich besprochen, dass bei manchen jungen Leuten immer zwei Kollegen oder Kolleginnen vor Ort sein sollten. Einfach, weil diese Jugendlichen sehr unberechenbar sind. Dass Jugendliche so sind, das gab es schon immer, aber nicht in dieser Häufung.

Wie kann SOS-Kinderdorf Saarbrücken den Jugendlichen in dieser Situation helfen?

Eigentlich mit dem, was wir schon immer tun. Wir versuchen mit Beratungsangeboten den ersten Druck zu nehmen. Also aus einem großen Berg an Problemen kleinere Stapel zu machen, zu sortieren, welche davon am wichtigsten sind und dann ganz konkret unterstützen. Wir können helfen, Anträge auszufüllen oder auch zu Terminen mit Ämtern begleiten. Daneben bieten wir die anfangs schon erwähnten Essensmöglichkeiten an und haben Sport- und Freizeitaktivitäten, die den Jugendlichen helfen können, Luft rauszulassen. Hier ergeben sich oft auch Themen, die mit den Finanzen der Jugendlichen zusammenhängen. Da können wir dann in lockerer Runde Tipps geben und Unterstützungsangebote machen. 

Und wie können Sie helfen, sollten die Energiepreise noch mehr Jugendliche in finanzielle Schwierigkeiten bringen?

Wir nennen das Vermittlungsaufgaben. Also wir können zum Beispiel mit dem Energieversorger in Verhandlung gehen, damit mögliche Schulden in Raten abgezahlt oder gestundet werden können. Oder wir klären mit dem Jobcenter, ob es im Einzelfall eine Beihilfemöglichkeit gibt. Eine Stromsperre soll keiner unserer Jugendlichen erleben müssen.  

Gibt es aufgrund der aktuellen Situation schon Pläne für weitere Maßnahmen?

Noch stehen wir am Anfang, aber wir überlegen, ob es zum Beispiel für den Jugenddienst sinnvoll wäre, einen Notfalltopf zu haben. Mit dem könnten wir dann ganz schnell und unbürokratisch unterstützen, falls es bei dem ein oder anderen wirklich ganz eng wird. Das wäre für ganz akute Notsituationen sicher sehr gut.