Inflation belastet Familien
Die steigenden Lebenshaltungskosten bringen auch in Deutschland etliche Familien in prekäre finanzielle Lagen. SOS-Kinderdorf begleitet betroffene Eltern, Kinder und junge Menschen mit ganz unterschiedlichen Methoden durch die Krise.
Im Herbst 2022 beherrschen vor allem zwei Worte die deutschen Nachrichten: Inflation und Energiekrise. Die Preise steigen, Unternehmen befürchten Umsatzeinbußen und Politiker eine Rezession. Und auch bei SOS-Kinderdorf macht man sich Sorgen. Denn bedrohlich ist die wirtschaftliche Entwicklung vor allem für diejenigen, bei denen es schon vor der Krise finanziell eng war. Und besonders betroffen sind Familien mit Kindern. So zeigt eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung beispielsweise, dass Familien mit niedrigem Einkommen am meisten unter den steigenden Preisen leiden. Bei ihnen schlagen die Teuerungen deutlicher zu Buche als beispielsweise bei Kinderlosen oder Familien mit höherem Einkommen.
Das spürt man auch im SOS-Kinderdorf Hamburg. In Dulsberg, dem Stadtteil, in dem SOS-Kinderdorf 2021 mit dem „Hafen für Familien“ eine große Anlaufstelle für alle familiären Lebenslagen eröffnet hat, kennt man das Thema Armut. Im Viertel leben überdurchschnittlich viele Familien von HartzIV, der Anteil an Alleinerziehenden ist hoch. „Daran, mit wenig auszukommen, sind die Leute hier gewöhnt“, so Torsten Rebbe, Leiter des SOS-Kinderdorfs Hamburg. Doch die Sorge, dass das Geld bald trotzdem nicht mehr reicht, wächst: „In Gesprächen mit den Leuten geht es derzeit oft um die Angst vor dem, was da noch kommen könnte“, so Rebbe.
Für die Familien aus der Gegend hat der „Hafen für Familien“ einiges im Programm. Im Erdgeschoss lädt das Familiencafé zum Verweilen ein, in den oberen Stockwerken können Kinder und Eltern beispielsweise eine Eltern-AG, eine Musikgruppe für Kinder und Hausaufgabenhilfe besuchen. Seitdem bei vielen Familien das Thema Geld dringlicher wird, sind einige dieser Angebote gefragter denn je. Besonders der Second-Hand-Laden für Kinderkleidung „Klecks“ habe derzeit besonders viele Kunden, schildert Rebbe: „Mittlerweile kommen auch Leute, die sonst nicht bei uns eingekauft haben.“
Steigende Preise, leere Einkaufskörbe
So auch Alyson: Die 38-jährige Mutter ist heute in den „Hafen“ gekommen, um im Second-Hand-Laden nach Kleidung für die achtjährige Allegra und den sechsjährigen Adriel zu suchen. SOS-Kinderdorf Hamburg lernte Alyson kennen, als Tochter Allegra ein Jahr alt war und sie mit ihr zum ersten Mal die Babygruppe, damals noch im alten Familienzentrum in Dulsberg, besuchte. Drei weitere Kinder hat Alyson seitdem bekommen und mit jedem von ihnen verschiedene SOS-Angebote genutzt. „Bei SOS-Kinderdorf habe ich mich von Anfang an wohlgefühlt“, erzählt sie.
Doch in letzter Zeit kommt sie noch häufiger in das Familienzentrum, denn seitdem alles teurer geworden ist, sitzen auch Alyson und ihrer Familie „Geldsorgen im Nacken“, wie sie sagt. Die gelernte Einzelhandelskauffrau und Visagistin ist derzeit in Elternzeit, ihr Mann arbeitet als Lieferant. „Eigentlich haben wir genug, um uns und die Kinder zu ernähren und uns nicht zu beklagen“, erzählt sie.
Doch besonders die gestiegenen Lebensmittelpreise machen der sechsköpfigen Familie zu schaffen: „Früher konnte ich mit 50 Euro einkaufen gehen und hatte den Korb voll. Jetzt reicht das Geld nur noch für die Hälfte“, schildert sie. Inzwischen bleiben deshalb auch mal Wünsche auf der Strecke. „Ich sage jetzt öfter nein zu den Kindern als früher“. Und auch sonst spart die 38-Jährige, wo sie kann, geht seltener mit ihren Freundinnen aus und kauft Lebensmittel vor allem beim Discounter. Auch ein Haushaltsbuch führt die gebürtige Nigerianerin seit Kurzem. So gelingt es ihr sogar, am Ende des Monats etwas Geld auf die Seite zu legen. Damit hat Alyson einen Notvorrat für unvorhergesehene Ausgaben und die gestiegenen Energiepreise angelegt. „Denn Schulden machen möchte ich auf keinen Fall.“
Eine Anlaufstelle für alle
Einrichtungsleiter Torsten Rebbe war es schon immer wichtig, dass der „Hafen“ allen offensteht. Doch gerade jetzt, wo Armut noch mehr Menschen in die soziale Isolation treiben könnte, sei das entscheidend. „Hier vermitteln wir den Leuten, dass sie nicht alleine sind und dass wir es gemeinsam schaffen“, so Rebbe.
Bei Mutter Alyson scheint das Konzept aufgegangen zu sein. Sie kommt gerne ins Familienzentrum. „Im Moment bin ich zwei- bis dreimal die Woche hier“, erzählt die 38-Jährige. Denn im Hafen für Familien gibt es neben Freizeitangeboten für die Kinder auch einen preiswerten Mittagstisch. „Mittlerweile treffe ich mich hier auch mit meinen Freundinnen und deren Kindern“, erzählt Alyson.
Und auch der Second-Hand-Laden „Klecks“ hilft Alyson beim Geld sparen. Erst im Sommer ist der sechsjährige Adriel eingeschult worden. „Da habe ich seine Materialliste im Klecks gezeigt und Schulranzen, Federmappe und Hausschuhe bekommen – viel günstiger als neu im Laden“, erzählt Alyson. Und auch heute wird sie fündig. Zwei Jacken und ein paar Schuhe suchen sich Allegra und Adriel im Second-Hand-Laden aus. „Und das nur für acht Euro“, freut sich Mama Alyson.
