Bodenmosaik mit dem Wort Freiheit
Fachthema

Extremismusprävention in der Kinder- und Jugendhilfe

Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Menschenwürde … Aus Sorge um unsere Grundrechte und demokratischen Werte, gegen Hass, Spaltung und Extremismus strömten hundertausende Bürger*innen auf die Straßen. Denn Extremismus gefährdet die Demokratie. Und menschen- und demokratiefeindliche Einstellungen nehmen in Deutschland tendenziell zu (Zick et al. 2023, Decker et al. 2022, 12). Nun zeigen erste Analysen nach der Europawahl 2024: Populistische, verfassungsfeindliche und extremistische Botschaften finden auch bei jungen Menschen Anschluss und insbesondere in den sozialen Medien große Echoräume.  
Aber welche Bedeutung hat Extremismus in der nicht im Fokus der breiten Öffentlichkeit stehenden Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere der offenen Jugendarbeit?
  • Welche Erfahrungen machen (vulnerable) Kinder und Jugendliche sowie Fachkräfte damit?
  • Was begünstigt die Hinwendung zu extremistischen und gewaltbefördernden Ideologien und Gruppierungen? 
  • Wie lassen sich junge Menschen gegenüber antidemokratischen Einstellungen und Ungleichwertigkeitsideologien stärken und an demokratische Prozesse heranführen?  

Extremismusprävention

Unterschiedliche Extremismen, vielfältige Angebote

Extremismusprävention ist ein breit gefächertes Arbeitsfeld. Es umfasst den gesamten politischen Extremismus, aber auch unpolitische Ebenen, z.B. Hooligans in der Fußballszene, sowie den religiös begründeten Extremismus. In allen Bundesländern gibt es vielfältige Präventions-, Distanzierungs- und Ausstiegsangebote. Diese werden durch die sogenannten
„Landes-Demokratiezentren“
entwickelt und koordiniert sowie durch regionale Fach- und Beratungsstellen vor Ort umgesetzt. Zielgruppen sind Personen, die bereits radikalisiert sind, deren Bezugs- und Umfeldpersonen (z.B. Eltern, Fachkräfte, Lehrer*innen etc.) sowie von Extremismus und Rassismus direkt Betroffene. Die Förderung erfolgt im Rahmen des Bundesprogrammes
"Demokratie leben!"
bzw. aus Landesmitteln. 

Identitätsarbeit, Ambiguitätstoleranz und Mitbestimmung stärken

Grundsätzlich sind alle Menschen manipulierbar; vulnerable junge Menschen haben jedoch ein potentiell erhöhtes Grundrisiko für Radikalisierungsprozesse. Weil extremistische Szenen und ihre „Eindeutigkeitsangebote“ insbesondere dann verlockend sind, wenn individuelle (emotionale) Bedürfnisse, z.B. nach Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit, Identität, Orientierung oder Selbstwirksamkeit, nicht erfüllt sind.
  • Wenn junge Menschen im Umgang mit eigenen biografischen Belastungen und unsicheren Lebensphasen, aber auch mit Widersprüchen und Konflikten unterstützt werden, stärkt dies auch ihre Resilienz gegenüber autoritären und antidemokratischen Haltungen bzw. Radikalisierung.  
  • Zudem stärken lebendige Demokratie- und Partizipationserfahrungen den Prozess der Mündigkeit junger Menschen und tragen dazu bei, alternative Zugänge zu Gemeinschaft, Anerkennung, Identität, Orientierung und Selbstwirksamkeit zu schaffen.  
  • Ebenfalls wichtig: Aufmerksame Bezugspersonen, die demokratische Werte und Grundhaltungen authentisch vorleben und menschenfeindliche Aussagen klar benennen.   

Ziele der Extremismusprävention

Demokratiebildung und Beteiligung

Prinzipien der Demokratie und demokratische Werte vermitteln sowie durch Partizipationserfahrungen demokratische Verhaltensweisen verankern

Persönlichkeitsentwicklung

Ambiguitätstoleranz und personale Kompetenzen stärken: den Umgang mit Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten, Widersprüchen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikten

Medienbildung

Digitale Medienkompetenz stärken, um Informationen kritisch und reflektiert zu hinterfragen und Fake News zu erkennen, auch durch niedrigschwellige Angebote in den sozialen Medien

Demokratiebildung

Kompetenzen für eine pluralistische Gesellschaft stärken

Im Rahmen der Jugendarbeit (§ 11, SGB VIII Jugendarbeit) haben junge Menschen das Recht auf Demokratiebildung, indem die Angebote an den „Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen“ sollen. 
Insbesondere die offene Jugendarbeit ist von gesellschaftlicher Vielfalt und damit auch von Meinungsvielfalt geprägt. In diesem Setting kann eine kontinuierliche demokratische Bildung zusammen mit lebendigen Partizipationserfahrungen wirksam dazu beitragen, alternative Zugänge zu Anerkennung, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Etwa dadurch, dass junge Menschen pädagogische Angebote aktiv mitbestimmen und gestalten oder Austausch- und Erfahrungsräume geschaffen werden für neue soziale Beziehungen, eine offene Debattenkultur sowie Ambiguitätstoleranz
Denn: Demokratie ist eine schützenswerte, aber insbesondere in individualisierten Gesellschaften auch eine nicht immer einfach auszuhaltende Lebenspraxis. Junge Menschen in Krisenzeiten sowohl für ihre Bedeutung als auch für demokratische „Defizite“ und Zumutungen zu sensibilisieren, ist eine herausfordernde gesamtgesellschaftliche Aufgabe.  

Extremismusprävention und Demokratiebildung: externe Unterstützungsangebote für Fachkräfte

Für den Umgang mit extremistisch orientierten Kindern und Jugendlichen, aber auch zur eigenen Schulung und Wissensschärfung gibt es insbesondere über die Landes-Demokratiezentren sowie deren Kooperationspartner vor Ort 
vielfältige Unterstützungs- und Beratungsangebote
die auch Fachkräfte in Anspruch nehmen können. In Zeiten des Fachkräftemangels tragen sie dazu bei, Extremismusprävention und Demokratiebildung in der pädagogischen Arbeit und in allen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe ─ auch in den stationären Erziehungshilfen ─ besser umsetzen zu können. 
Quellen:
Zick, Andreas/Küpper, Beate/Mokros, Nico (2023): Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23, Bonn
Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline/Brähler, Elmar (2022): Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Herausforderungen – alte Reaktionen? Leipziger Autoritarismus Studie 2022, Gießen

Weiterführende Literatur & Links (Auswahl)

Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline/Brähler, Elmar (2022): Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Herausforderungen – alte Reaktionen? Leipziger Autoritarismus Studie 2022, Gießen
Nietz, Sina Maria (2024): Phänomenübergreifende Extremismusprävention – 
Ansätze für die Jugendhilfe, in: Welche Jugendhilfe brauchen Jugendliche? ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit 1/2024, S. 32–41
Zick, Andreas/Küpper, Beate/Mokros, Nico (2023): Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23, Bonn
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bmfsfj):
16. Kinder- und Jugendbericht
Bundesprogramm „Demokratie leben!“:
www.demokratie-leben.de
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: 
Demokratische Werte in einer Demokratie (lpb-bw.de)
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)/Infopool Rechtsextremismus: 
Jugendarbeit & Soziale Arbeit
Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung: 
Demokratie und Vielfalt – Alle inklusive? Der KiTa-Podcast | duvk
Modellprojekt „Extremismus Prävention Online“: 
ExPo2: Extremismus Pr@vention Online
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR):
mbr-berlin.de