Familiale Betreuung im institutionellen Gefüge ─ ein Spannungsfeld
Familial leben, professionell handeln: In der familialen Betreuung wird das Spannungsfeld von „öffentlicher Erziehung“ und „privatem Familienleben“ besonders deutlich.
- Wie lassen sich in diesem speziellen Gefüge institutionelle und familiale, professionelle und private Anteile unterscheiden, aber auch gut miteinander verbinden?
- Wie lassen sich im Alltag Nähe und Distanz, Unmittelbarkeit und Fachlichkeit, Berufung und Beruf gut ausbalancieren?
SOS-Kinderdorffamilie: komplexe Aufgaben- und Rollenvielfalt für Fachkräfte
Mehr Zeit, mehr Zuwendung – vor allem für junge Kinder in bindungssensiblen Phasen: Das Leben und Arbeiten in einem
kleinen, familialen Rahmen wie bspw. in der
Kinderdorffamilie stellt an die
Fachkräfte hohe Anforderungen, um förderliche emotionale Bedingungen wie Nähe, Kontinuität, Zugehörigkeit, Sicherheit und Überschaubarkeit, aber auch die notwendige professionelle pädagogische Begleitung zu gewährleisten.
Grundsätzlich, aber auch tagtäglich stellt das besondere Setting der familialen Betreuung, insbesondere in der verdichteten Form der
Kinderdorffamilie, für Betreuende eine
komplexe und zugleich herausfordernde Rollenvielfalt dar – mit Auswirkungen auch auf das berufliche Selbstverständnis sowie das private Leben der pädagogischen Fachkräfte und insbesondere der Kinderdorfmütter und -väter.
- Ein hohes Maß an Professionalität und Fachlichkeit ist erforderlich, um sich in diesem vielschichtigen Beziehungsgefüge handlungssicher zu bewegen.
- Hierzu gehört auch der reflexive Umgang mit inneren Ressourcen (z.B. der eigenen Motivation und Identifikation mit dem als sinnhaft empfundenen Arbeitsumfeld), aber auch mit Stressoren und Belastungen (z.B. mit Paradoxen, Überforderung oder Unzufriedenheit).
Gute strukturelle Rahmenbedingungen sind entscheidend
Familialität in der stationären Betreuung kann ein ganz besonderes Qualitätsmerkmal sein ─ und jungen Menschen, die nicht bei ihren Herkunftsfamilien leben können, ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen. Erforderlich ist hierfür ein entsprechend ausgestatteter Organisationsrahmen, der
- umfangreiche Unterstützung und Begleitung, Wertschätzung und Mitbestimmungsmöglichkeiten
- ebenso wie einen guten Personalschlüssel sowie angemessene und möglichst flexible Arbeitsbedingungen sicherstellt (z.B. individuelle Lösungen für Auszeiten und Unterstützung, die zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und persönlicher Lebensplanung beitragen).
Hierzu gehört auch die Ausgestaltung der Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie. Bei entsprechender Perspektivklärung kann bspw. die aktive Einbindung der leiblichen Eltern oder anderer Familienangehörige im stationären Setting z.B. durch „Erziehungspartnerschaften“ (Parenting) angestrebt werden.
Kinderschutz und Beteiligung sicherstellen
Wenn Kinder in einem familialen Angebot der stationären Erziehungshilfe aufwachsen, ist ein besonders sensibler Umgang mit Kinderschutz- und Beteiligungsthemen erforderlich. Die größere Privatheit eines kleineren familialen Rahmens kann das Risiko eines „geschlossenen Systems“ erhöhen ─ Öffnungen nach und Zugänge von außen sind daher als Gegengewicht immer sicherzustellen.
- Systematisierte Schutzkonzepte und -prozesse müssen zur Basis des pädagogischen Alltags gehören – und darin auch gelebt werden.
- Ebenso wichtig sind altersgerechte und immer wieder nachjustierbare Beschwerde- und Beteiligungsmöglichkeiten.
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