Mit Widersprüchen umgehen, Gemeinschaftsverständnis stärken
Rolf Huttelmaier: In krisenhaften Zeiten braucht es mehr denn je ein Forum, um in Dialog zu kommen. Denn in Krisen bricht oft hervor, was zuvor verdeckt war. Das haben wir einmal mehr gemerkt, als im Mai 2021 unser Kindergarten abgebrannt wurde. Das war eine spezielle Krise, die unter den Mitarbeitenden große Angst und eine enorme Verunsicherung, auch was pädagogische Fragen anging, hervorgerufen hat.
Raum für Dialog und kreative Prozesse schaffen
Wir haben darauf reagiert, indem wir einen externen Organisationsberater beauftragt und eine interne Steuerungsgruppe formiert haben. Wir hatten dann drei große Organisationsentwicklungstreffen mit allen Mitarbeitenden, die entbehrlich waren; denn die Menschen mussten die Chance bekommen, gehört zu werden und ihre Vorwürfe und Ängste auszusprechen. Im Anschluss haben wir uns gefragt: Was gibt uns Kraft? Was gibt uns Handlungssicherheit im Alltag? Wie stehen wir diese interne Krise gemeinsam jetzt durch? Nach nur wenigen Treffen war dieses Thema gut aufgearbeitet. Wir haben dann auch unsere bestehenden Dorfregeln, den sogenannten „Wohlfühlkodex“, genauer angeschaut. Passt der noch? Und auch da war die Erfahrung:
„Es braucht ein Forum, dass Menschen sich mitteilen können.“
Bei einer anderen Verunsicherung, der Angst vor einem möglichen Blackout, haben wir wiederum versucht, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. In meinem Empfinden ist uns auch da gelungen, trotz unterschiedlicher Haltungen einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir haben uns mit Widersprüchen und Polarisierungen auseinandergesetzt und dann gemeinsam Vorsorge getroffen. Für dieses Szenario wären wir gewappnet gewesen mit einfachen Maßnahmen, z.B. einem großen Trinkwasserbehälter, Camping-Toiletten sowie Diesel- und Gasvorrat. Denn die Vorstellung, dass ein Kinderdorf in dieses Szenario reinfährt, war für einige unserer Mitarbeitenden im subjektiven Empfinden eine ganz große Bedrohung. Auch bei dieser Krise hat die große Bereitschaft und das hohe Verantwortungsgefühl der Mitarbeitenden einen kreativen Prozess ausgelöst, der letztendlich wieder zu Handlungssicherheit geführt hat.
Volker Grimm: Noch ein weiteres Beispiel: Auch mit unseren Kommunikationsregeln versuchen wir bewusst gegenseitige Fürsorge und Wertschätzung herzustellen. Trotz unterschiedlicher Haltungen haben wir uns auf eine gemeinsame Grundlage verständigt.
„Denn dass sich Mitarbeiter*innen nicht zuschütten mit völlig unnötigen E-Mails, ist eben auch ein Herstellen von Achtsamkeit und gegenseitiger Fürsorge.“
Und wir haben weitere Kommunikationsregeln gemeinsam erarbeitet, die wir die Sieben goldene Regeln für verträglichen Tratsch nennen. Im Alltag des Miteinanders gehört Tratsch auch mal dazu, aber er sollte sozialverträglich bleiben. Diese Regeln haben wir bereits vor Corona gemeinsam erarbeitet, sie sind jedoch aktueller denn je.
Rolf Huttelmaier: Ich bin sehr froh darüber, dass wir hier im Kinderdorf diesen offenen und gemeinschaftlichen Weg gehen. Und dass wir inmitten von Widersprüchen und Krisen einen guten Umgang im Alltag miteinander gefunden haben, der sich stärkend auf unsere Gemeinschaft ausgewirkt hat. Aber es ist auch klar: Regeln sind nicht in Stein gemeißelt, man muss sie nach einer gewissen Zeit auch wieder überdenken. Denn Beteiligung ist lebendig und entwickelt sich stetig weiter.
Volker Grimm: Beteiligung ist bei uns ein gelebtes Gut, keine Alibiform. Es ist ein ernsthaftes Angebot an die Mitarbeiter*innenschaft − egal, in welcher Rolle die Menschen bei uns arbeiten. Beteiligung kostet Zeit, und Beteiligung ist auch nicht immer einfach. Aber Beteiligung ist wichtig und stärkt nicht nur den Einzelnen, sondern eben auch die Gemeinschaft!
Interview: Juni 2023
Titelfoto: andrey-fo/photocase.de