„Es gibt keinen Kinderschutz ohne Kontrolle.“

Barbara Mühlenhoff-Wirth über die Kultur der Achtsamkeit

Frau Mühlenhoff-Wirth, Sie leiten die Stabsstelle Kinder- und Betreutenschutz, die direkt dem Vorstand unterstellt ist. Wie sehen Ihre täglichen Aufgaben aus?
Ich bin für alles rund um den Kinder- und Betreuungsschutz und für alle 38 Kinderschutz- und Betreutenschutzfachkräfte, die fachlich bei mir angebunden sind, zuständig. Jede Einrichtung schreibt gerade Schutzkonzepte verschiedenster Art, wenn Fragen aufkommen, bin ich Ansprechpartnerin. Dabei kann es zum Beispiel um verbindliche Verfahrenswege, Arbeitshilfen oder andere Fragen zu Kinderschutz gehen.
„Ich habe alle Prozesse des Vereins rund um den Kinder- und Betreutenschutz im Blick. Ich informiere, berate und unterstütze.“
Zur Stabsstelle zählt neben Ihnen eine weitere Kollegin. Perspektivisch sollen weitere Mitarbeitende dazukommen. Was ist das langfristige Ziel der Stabsstelle?
Wir agieren als zentrales Kinder- und Betreutenschutzteam. Die Stabsstelle bündelt fachlich alle Dokumente zum Kinder- und Betreutenschutz im Verein. Wir entwickeln Dokumente mit Richtlinienkompetenz und rollen sie dann aus, immer in enger Zusammenarbeit mit den Fachkräften aus der Praxis und den entsprechenden Fachbereichen, wie beispielsweise der Personalabteilung. Die Stabsstelle ist zudem sehr eng mit den lokalen Kinder- und Betreutenschutzteams vernetzt, sodass wir deutschlandweit immer im Blick haben, was gerade in den Einrichtungen passiert. Wie weit ist die Entwicklung der Schutzkonzepte? Was brauchen die Fachkräfte vor Ort? Wir kümmern uns auch um die Einarbeitung der Kinder- und Betreutenschutzfachkräfte. Die Stabsstelle wird gerade erweitert, auf lange Sicht werden wir vier Mitarbeitende werden. Die interne Anlauf- und Meldestelle wird angegliedert werden.
Mit welchen Anliegen wenden sich die Kinder- und Betreutenschutzfachkräfte an Sie?
Das reicht von Bedarfen an Fortbildung bis hin zu alltäglichen Fragen. Was ist meine Rolle? Spreche ich mit einem Kind oder nicht? Die Kinderschutzfachkräfte haben Prozessverantwortung, aber keine Fallverantwortung. Sie sind nicht direkt in Kontakt mit den Betreuten, sondern sind die koordinierende Ebene. Wenn etwas in einer Einrichtung passiert, stellen sie sich oft Fragen wie: Wie gehe ich hier ran? Was tue ich? Aber auch: Wo ist die Grenze? Wo mache ich nicht weiter, sondern gebe es ab? Da geht es viel darum, Rollen und Verfahrenswege klar zu kennen. Manchmal geht es aber auch um praktische Dinge. Wo finde ich welches Dokument? Wen kann ich zu einer bestimmten Sache fragen? Wann macht ihr einen Workshop zum Thema XY? Oder aber es kommen Bedarfe auf, zu dem was wir im Verein noch brauchen, zum Beispiel eine einheitliche Kinderrechtebroschüre. Es ist dann unsere Aufgabe diese Anregungen aufzugreifen und zu entscheiden ob und wie diese umgesetzt werden können.
Was bedeutet für Sie persönlich Kinderschutz?
„Hinsehen, hinhören, achtsam sein und wenn etwas ist, den Mund aufmachen. Kinder brauchen sichere Orte, Geborgenheit und Schutz, um sich gut zu entwickeln.“
Das zu ermöglichen, ist mir wichtig ‒ mit Fachlichkeit, aber auch mit Herz. Und sichere Orte haben für mich nicht nur etwas mit einem guten pädagogischen Konzept zu tun. Wir sollten nicht nur fachlich, sachlich und konzeptionell gut aufgestellt sein, sondern dürfen das Herz und die Wärme dabei nicht verlieren. Kinderschutz ist eine Haltung, wie man den Kindern im Alltag begegnet und was man ausstrahlt. Alle Mitarbeitende sollten diese Grundhaltung haben. Das wünsche ich mir sehr für die Kinder und Jugendlichen, für die wir da sind.
SOS-Kinderdorf hat 2021 den Aktionsplan „Kinder und Jugendliche gemeinsam schützen“ ins Leben gerufen. Eine wichtige Säule im Konzept ist die Kultur der Achtsamkeit. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine Kultur, die dazu beiträgt, dass die Einrichtungen von SOS-Kinderdorf gute und sichere Orte sind. Die Kinder und Jugendlichen sollen und müssen sich jederzeit gehört und sicher fühlen. Es ist keine Kultur des Generalverdachts, sondern eine Kultur des Hinschauens und des Dialogs. Natürlich bieten wir dort, wo es notwendig ist, auch Orientierung und kontrollieren, ob das, was verbindlich gilt auch umgesetzt wird. Es gibt keinen Kinderschutz ohne Kontrolle. Der Fokus liegt immer darauf den größtmöglichen Schutz für alle sicherzustellen und dazu miteinander im Gespräch zu sein. In einer Kultur der Achtsamkeit geht es um eine wertschätzende Haltung und darum, den Blick darauf zu richten, dass Kinder- und Betreutenschutz positiv ist und alle Mitarbeitende gemeinsam die Verantwortung dafür übernehmen.
Wie wird diese Kultur der Achtsamkeit im Alltag gelebt?
Ein Beispiel im pädagogischen Alltag ist der Umgang mit Überlastungssituationen aufgrund von Fachkräftemangel. Wenn jemand den hundertsten Nachtdienst schiebt oder ständig Rufbereitschaft hat, dann kann es passieren, dass er oder sie laut wird oder vielleicht schimpft. Hinter der Kultur der Achtsamkeit steht eine Fehlerfreundlichkeit, aber auch eine Offenheit und Transparenz. Dazu gehört, in diesem Fall dann im nächsten Teammeeting auch sagen zu dürfen: Ich habe da überreagiert. Dazu gehört auch, dass die Person gut aufgefangen wird und nicht sofort arbeitsrechtliche Konsequenzen zu erwarten hat. Andersherum heißt das aber auch nicht, dass man niemals welche zu erwarten hat.
„Wir müssen selbst in unserem Verhalten achtsam sein, aber auch mit dem, was andere tun. Das gilt für alle ‒ Mitarbeitende, aber auch von uns betreute Kinder, Jugendliche und Erwachsene.“

Zur Person

Barbara Mühlenhoff-Wirth
Barbara Mühlenhoff-Wirth ist seit Juni 2023 in der Stabsstelle für Kinder- und Betreutenschutz in der Geschäftsstelle tätig, seit März ist sie dort die Leiterin. Zuvor hat sie zwei Jahre lang als koordinierende Kinder- und Betreutenschutzfachkraft im SOS-Kinderdorf Niederrhein gearbeitet – sie war die zweite Kinderschutzfachkraft in einer Einrichtung bei SOS-Kinderdorf.

Kinder- und Betreutenschutz in Zahlen

2

Mal im Jahr treffen sich die Kinder- und Betreutenschutzfachkräfte in den Regionen.

38

Stellen für Kinder- und Betreutenschutz wurden mit dem Aktionsplan geschaffen.

2021

wurde die erste Kinderschutzfachkraft im Oktober eingestellt.

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