Frauen mit Baby
Krieg in der Ukraine

Hilfe für ukrainische Familien im SOS-Mütterzentrum

Fünf Millionen Menschen, das schätzen die Vereinten Nationen, sind seit Beginn des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine in andere Länder geflohen. Mehr als 800.000 kamen alleine nach Deutschland. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Um hier anzukommen, sind viele von ihnen auf Hilfe angewiesen. Hilfe, wie sie sie zum Beispiel im SOS-Mütterzentrum in Salzgitter finden.

SOS-Mütterzentrum als Anlaufstelle für geflüchtete Frauen und Kinder

Die SOS-Kinderdorf Einrichtung, die auch sonst als Treffpunkt für die Menschen aus der Umgebung dient, hat sich in den vergangenen Monaten zu einer Anlaufstelle für geflohene Ukrainerinnen und ihre Kinder entwickelt. „Wir sind ein offenes Haus. Wir haben Möglichkeiten und wir haben sofort die Menschen zu uns eingeladen“, erzählt Sabine Genther, Leiterin des SOS-Mütterzentrums in der Caféstube der Einrichtung. In dem hellen Raum mit den großen Glasfronten sind die Tische zur Mittagszeit gut gefüllt, man hört Deutsch, Türkisch, Arabisch und viele Kinderstimmen. „Die meisten Ukrainerinnen sind zuerst in unseren Second-Hand-Laden gekommen, in dem wir Spenden wie Kleider oder Alltagsgegenstände ausgeben. Dann kam aber auch recht schnell die Frage nach Deutschkursen und daraus sind dann noch mehr Angebote gewachsen.“
In der Anfangszeit half dabei auch, dass das Mütterzentrum sich schon 2015 für Geflohene engagiert hatte. So sind zum Beispiel viele der Deutschlehrer Ehrenamtliche, die schon vor sieben Jahren im Mütterzentrum Unterricht gegeben hatten. Mittlerweile gibt es neben den Sprachkursen für die Geflohenen unter anderem ein Begegnungscafé, eine stundenweise Kinderbetreuung und die Möglichkeit, im Mütterzentrum an Freizeitaktivitäten teilzunehmen. „Dazu kommen natürlich unglaublich viele Alltagsfragen: Wo kann ich was einkaufen? Wo gibt es ein Bankkonto? Wie funktioniert das hier mit den Behörden?“, erklärt Sabine Genther.

Evelina: Übersetzerin und Vertraute

Gerade zu Anfang gab es dabei vor allem ein Problem: die Sprachbarriere. Denn nur wenige der Geflohenen sprechen Deutsch oder Englisch und auch das beste Übersetzungsprogramm sorgt manchmal für Missverständnisse. Doch dann hatte das Mütterzentrum großes Glück – in Form von Evelina. Die Ukrainerin wohnt schon länger in Deutschland, hat hier einen Mann und zwei Kinder. Doch auch in der Ukraine hat sie noch immer Familie und Freunde. „Ich habe sofort überlegt: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen?“, erzählt Evelina. „Da habe ich mich ans Mütterzentrum erinnert, weil ich schon mal Kleidung meiner Kinder im Second-Hand-Shop abgegeben habe. Ich bin also hin und habe gefragt: Wie kann ich euch unterstützen?“
Im Mütterzentrum überlegt man nicht lange und stellt Evelina an. Offiziell als sogenannte „Sprachmittlerin“, doch ihre Tätigkeit geht weit über die einer Übersetzerin hinaus. Als die ersten Geflohenen in Salzgitter ankommen, gründet Evelina eine Whatsapp-Gruppe, über die sich immer mehr Ukrainer und Ukrainerinnen aus der Gegend vernetzen. Viele kommen so auch ins Mütterzentrum. Evelina ist für sie Ansprechpartnerin, Alltagshelferin und Vertraute in einem. Mittlerweile kommen rund 50 Frauen regelmäßig im Mütterzentrum zusammen. Evelina nennt sie nur „meine Mädels“.

Flucht ohne Ehemänner und Väter

Eine von ihnen ist Valentina. Die Mutter von zwei Kindern kommt aus Melitopol, einer Kleinstadt im Süden der Ukraine, in die die Russen schon wenige Tage nach Kriegsbeginn einmarschierten. Valentina, ihr Mann und ihre Söhne Bogdan (8) und Marian (5) verbrachten die ersten Wochen der Invasion in einem Luftschutzkeller. Dann verbarrikadierten sie sich in ihrer Wohnung. Als die Lage in Melitopol immer bedrohlicher wurde, entschieden Valentina und ihr Mann, dass sie mit den Söhnen ausreisen sollte. Ein Bus brachte Mutter und Kinder über Polen nach Salzgitter, wo sie Bekannte haben. Bei denen kann die Familie wohnen und über sie erfuhr Valentina bald auch von der Whatsapp-Gruppe und den Angeboten für ukrainische Geflohene des SOS-Mütterzentrums.
„SOS-Kinderdorf hat uns geholfen, zumindest einen kleinen Teil der Normalität, die wir früher hatten, wieder herzustellen“

Seitdem kommt sie regelmäßig zum Sprachkurs, aber auch um sich mit anderen Frauen zu treffen. „SOS-Kinderdorf hat uns geholfen, zumindest einen kleinen Teil der Normalität, die wir früher hatten, wieder herzustellen“, sagt sie. Doch die Sorgen bleiben, vor allem um ihren Mann. Denn der musste wegen des Ausreiseverbotes für wehrfähige Männer in der Ukraine bleiben. „Ich habe furchtbare Angst um ihn. Wann immer es geht, telefonieren wir, aber die Leitungen fallen ständig aus“, schildert sie.

Selbsthilfe im Mütterzentrum

Valentinas Schicksal teilen viele der geflohenen Frauen. In der Gruppe aus Ukraineflüchtlingen, die regelmäßig ins Mütterzentrum kommen, gibt es nur einen Vater. Einen Jordanier, der vor dem Krieg mit seiner Frau und seinem Sohn in Kiew lebte. Wegen seiner Staatsangehörigkeit war er vom Ausreiseverbot ausgenommen und konnte mit seiner Familie nach Deutschland fliehen.
Auch Sabine Genther weiß, wie schwierig die Trennung von Ehemännern und anderen in der Ukraine gebliebene Liebsten für die Frauen ist: „Natürlich bedrückt sie das. Aber das Gute am Mütterzentrum ist, dass sie sich hier mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen austauschen können. Das ist auch Teil des Konzepts des Mütterzentrums: Selbsthilfe. Man redet miteinander, davon geht es natürlich nicht weg, aber es geht dann besser.“

Die Zukunft der Familien – ungewiss

Wie es für sie weiter gehen soll, das wissen derzeit nur wenige der ukrainischen Frauen. Einige hoffen, dass sie bald zu ihren Lieben und in die Ukraine zurückkönnen, andere versuchen sich so gut wie möglich mit dem erzwungenen Neustart zu arrangieren. Valentina zum Beispiel kann sich eine Rückkehr in ihre mittlerweile völlig von den Russen besetzte Stadt nicht vorstellen.
Im Mütterzentrum möchte man die Angebote für die Ukrainerinnen auf jeden Fall weiter aufrecht erhalten, wie Sabine Genther erklärt: „So lange die Frauen herkommen wollen, sind sie bei uns willkommen.“  

So hilft das SOS-Mütterzentrum ukrainischen Familien



SOS-Kinderdorf in der Ukraine