„Alles was wir hatten, mussten wir zurücklassen“
Barocke Gebäude, belebte Straßen und viel Grün: Am Anfang des Handyvideos sieht Irynas Heimatstadt noch so aus, wie die 61-Jährige sie in Erinnerung hat. Doch dann ändert sich die Szenerie: An Stelle der Gebäude sieht man Trümmerhaufen, auf den Straßen sind zurückgelassene Autos zu sehen und über das Grün hat sich eine graue Staubschicht gelegt.
Das Video ist ein Zusammenschnitt von Szenen aus der ostukrainischen Stadt Isjum vor und nach Beginn des russischen Angriffskrieges. Iryna hat inzwischen vieler solcher Videos gesehen. Nah gehen sie ihr trotzdem jedes Mal: „Es wurde so viel zerstört und es sind so viele Menschen gestorben. Ich hätte nie gedacht, dass es so heftig und brutal wird“, sagt die 61-Jährige unter Tränen.
Bomben auf Schulen und Krankenhäuser
Irynas Stadt Isjum liegt in der Region Charkiw, einem Teil der Ukraine, in dem die Gefechte seit Beginn der russischen Invasion besonders intensiv waren. Auch Iryna kann davon berichten: „Die Angreifer haben sofort zivile Ziele bombardiert: Schulen, Krankenhäuser und das Rathaus.“
In Isjum ist Irynas ganzes Leben: Ihr Sohn und ihre Tochter leben ebenfalls in der Stadt und stolze Oma ist Iryna ebenfalls. Anfangs hofft Iryna deshalb noch, der russische Angriff würde ein glimpfliches Ende nehmen: „Ich dachte, die Politiker setzen sich zusammen. Wir sind doch ein Volk, meine eigene Mutter ist Russin“, sagt sie und klingt immer noch fassungslos.
Schutz unter ein paar Kissen
Auch Irynas Schwiegertochter, Ilona, versetzte der Beginn der russischen Invasion in eine Schockstarre. „Meine Mutter hat mich geweckt und gesagt, der Krieg habe begonnen, ich sollte sofort alle Dokumente packen“, erinnert sie sich: „Ich bin aufgestanden und habe einige Unterlagen zusammengesucht, aber schnell wieder damit aufgehört. Ich wusste ja gar nicht, was ich damit soll. Wohin sollten wir denn gehen? Wir haben dann erst einmal abgewartet.“
Ihrer fünfjährigen Tochter Milena zuliebe versucht Ilona in den nächsten Tagen ein wenig Normalität aufrecht zu erhalten, während sie den Krieg in den Nachrichten verfolgt. Doch bald zeigt sich, dass Ilonas und Irynas Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konfliktes nicht in Erfüllung gehen werden. „Ich erinnere mich noch, wie einen Kilometer von unserem Haus entfernt eine Bombe eingeschlagen hat. Die Wände unserer Wohnung haben gewackelt, und ich lag mit meiner Mutter und meiner Tochter auf dem Boden“, erzählt die 22-Jährige, „meine Mutter hat Milena und mich mit Kissen abgedeckt, um uns zu beschützen.“
Nach einem Tag mit besonders heftigen Bombardements entscheidet die Familie, gemeinsam zu fliehen. Erst in die Westukraine und als es auch dort zu russischen Angriffen kommt, über Polen nach Deutschland zu Verwandten in Salzgitter. Den Sohn und Ehemann müssen Iryna und Ilona in der Ukraine zurücklassen. Wegen des Ausreiseverbotes für wehrfähige Männer darf er nicht mit ihnen kommen.
Hilfe vom SOS-Mütterzentrum in Salzgitter
In Salzgitter stoßen sie bald auch auf die Angebote des SOS-Mütterzentrums. Mit Beginn des Krieges hat SOS-Kinderdorf hier und an vielen anderen Standorten verschiedene Hilfen für die Ukraine-Flüchtlinge ausgebaut und neu initiiert. Geflohene können so zum Beispiel an Deutschkursen teilnehmen, ihre Kinder stundenweise betreuen lassen und sich im Second-Hand-Laden mit Alltagsgegenständen versorgen. Das Mütterzentrum ist außerdem eine Anlaufstelle, an der sich die Frauen mit anderen Ukrainerinnen vernetzen können. Die Frauen sind über eine Whatsapp-Gruppe in ständigem Kontakt, treffen sich im Mütterzentrum zum Mittagessen und gehen gemeinsamen Freizeitaktivitäten nach.
Für sie ein Stück Alltag in einer ansonsten absoluten Extremsituation. „Alles was wir hatten, mussten wir zurücklassen. Im Mütterzentrum wurde uns von Kleidung bis zu Freundschaften vieles davon zurückgegeben“, sagt Iryna und Ilona ergänzt: „Man hat für uns Sprachkurse organisiert und Milena kann auch herkommen und spielen. Auch bekommen wir hier Antworten auf unsere Fragen und Hilfe mit unseren Papieren.“
Mittlerweile hat die Familie über eine Lehrerin des Sprachkurses auch eine eigene Wohnung im örtlichen Gemeindehaus finden können. Ihre Wohnungen in Isjum, das wissen sie durch Kontakte vor Ort, sind völlig zerstört.
Viele Sorgen bleiben
„Inzwischen bin ich sehr dankbar für die einfachen Dinge: Dass ich ruhig schlafen kann und für ein Dach über dem Kopf“, sagt Iryna. Und auch Ilona ist froh über die Hilfe, die ihre Familie von SOS-Kinderdorf bekommen hat: „Wir haben zum Glück viel Unterstützung erfahren und auch meiner Tochter gefällt es gut hier. Schwierig ist es für sie trotzdem oft. Auf dem Spielplatz zum Beispiel, wenn sie sich mit den anderen Kindern nicht unterhalten kann.“
Mama Ilona und Oma Iryna hoffen nun, dass Milena sich einlebt und auch die schlimmen Eindrücke aus der Ukraine schnell vergessen kann. Denn die gibt es nicht nur in Handyvideos, sondern auch in den Gedanken der Fünfjährigen, erzählt Mama Ilona: „Manchmal fragt sie mich: ,Wenn der Krieg auch hier beginnt, wo fahren wir dann hin?‘ Ganz ruhig, ohne Tränen, ohne Hysterie. Sie fragt einfach: ‚Wo fahren wir dann hin?‘“
