„Der beste Kinderschutz ist, wenn man die Kinderrechte ernst nimmt und umsetzt.“
Susanne Ling zur Förderung von Selbstwirksamkeit bei Kindern
Frau Ling, Sie sind jetzt seit über 1,5 Jahren Koordinatorin für Kinderschutz und Kinderrechte. Was hat Ihnen geholfen, in dieser neu geschaffenen Position anzukommen?
Im ersten halben bis dreiviertel Jahr ging es viel um Rollensortierung. Eine gute Vorbereitung war der Austausch mit meinem Einrichtungsleiter und die Vernetzung mit den Kinder- und Betreutenschutzfachkräften der anderen Einrichtungen und später mit der Leiterin der Stabsstelle Kinder- und Betreutenschutz Barbara Mühlenhoff.
Sie sind also vereinsweit mit allen Kinderschutzfachkräften im Austausch?
Wir sind viel in der gemeinsamen Entwicklung. Was sind unsere Aufgaben? Wie können wir das, was wir haben, möglichst vereinheitlichen? Es ist ein ewiger Qualitätskreislauf: Von der Geschäftsstelle wird etwas entwickelt und in die Einrichtungen zur Weiterentwicklung gegeben, dann wird Feedback aus der Praxis eingeholt und das wird wieder eingebunden. Es geht auch darum, Ressourcen zu bündeln: Wir stellen uns gegenseitig Konzepte und Materialien zur Verfügung, machen uns auf Artikel oder Fortbildungen aufmerksam oder unterstützen durch kollegiale Fallberatungen. Am liebsten aber teilen wir Best-Practices. Es geht viel um Austausch und Vernetzung – über alle Ebenen hinweg.
„Als Koordinatorin kümmere ich mich um die Qualitätssicherung in Kinderschutzprozessen.“
Was gehört noch zu Ihrem Arbeitsalltag im SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein?
Als Koordinatorin sitze ich einerseits im Büro und bearbeite Konzepte und verfeinere Verfahrenswege, andererseits berate ich rund um das Thema Kinderschutz und begleite Kinderschutzprozesse. Ich versuche das, was wir im Verein haben, für den pädagogischen Alltag zu übersetzen – gemeinsam mit den Mitarbeitenden vor Ort. Ich hoffe, ich kann dadurch eine Entlastung schaffen für das Kollegium im Betreuungsalltag. Der nächste Schritt ist die Übersetzung für die Kinder. Die müssen auch wissen, was es hier gibt, wer Ansprechpartner ist und was die Regeln sind. Die Kinder haben ja ein Recht darauf, gut informiert zu sein.
Da wären wir schon bei einem Schwerpunkt Ihrer Stellenbeschreibung, dem Thema Kinderrechte. Was bedeutet Beteiligung im Kontext der Kinderrechte?
Kinderrechte sind die Grundlage unserer Pädagogik. Und in den Kinderrechten steht ganz klar, dass das Wohl des Kindes der Maßstab ist. Auch, dass der Kindeswille berücksichtigt werden muss. Es ist im Jugendhilfeprozess auch gesetzlich festgehalten, dass Kinder mitreden dürfen. Diese Kinder haben schon viel erlebt, sind oft auch fremdbestimmt, fühlen sich den Umständen, dem System ausgeliefert. Gerade da ist es wichtig, dass sie merken: Ich werde gehört. Das ist alles Persönlichkeitsentwicklung – und damit auch ein Kernauftrag unserer Arbeit.
„Als Organisatorin des Kinder- und Jugendrats ist mein Job, mich selbst überflüssig zu machen.“
Sie sind auch Organisatorin des Kinder- und Jugendrats im SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein sowie Beteiligungsmentorin. Wie unterstützen Sie hier die Selbstwirksamkeit der Kinder?
Der Kinder- und Jugendrat ist ein Selbstvertretungsgremium. Das heißt, er ist Ansprechpartner für alle Kinder im Dorf und vertritt deren Wünsche bei den Erwachsenen. Ich bin vor allem Unterstützerin und versuche, die Jugendlichen möglichst selbst ins Tun zu bringen. Ich sage dann: „Klar, ich könnte jetzt zum Einrichtungsleiter gehen. Aber vielleicht magst du ihn ja selbst ansprechen und ihm deinen Vorschlag erklären?“ Also zu ermutigen, eigene Schritte zu machen. Als Beteiligungsmentorin schaue ich, wie wir die Kinder und Jugendlichen noch besser beteiligen können. Zum Beispiel wird bei uns aktuell ein Dorfplatz neu gestaltet. Hier wurden die Kinder ganz konkret gefragt: Was wünscht ihr euch? Wenn dann als Antwort kommt: „15 Ponys“, ist es wichtig, das nicht als Quatsch abzutun, sondern sich zu fragen: Was steckt dahinter? Und wie kann man das übersetzen? Vielleicht tut es ja auch ein Holzpferd? Es ist auch ein wichtiger Teil von Beteiligung, dass wir Erwachsenen transparent machen, wenn etwas nicht geht – und warum. Das ist immer ganz, ganz wichtig: Dass Kinder – so steht es auch im Gesetz – gerade im Jugendhilfeverfahren ihrem Entwicklungsstand entsprechend eingebunden und informiert werden.
„Kinderschutz braucht eine klare Haltung: Kinder sind Experten in ihrer Sache.“
Warum ist es für einen gelingenden Kinderschutz so wichtig, die Beteiligung von Kindern zu stärken?
Weil ein Kind, das lernt, dass es eigentlich gar nichts zu sagen hat, sondern immer das machen muss, was die Erwachsenen sagen, sich nicht schützen kann. Es wird Grenzüberschreitungen und allem Möglichem ausgeliefert sein. Kinder, die einen klaren inneren Kompass haben und wissen „Ich darf etwas sagen! Es ist sogar gut, wenn ich etwas sage. Ich kriege da jetzt keinen Ärger, sondern da hilft mir jemand!“, diese Kinder trauen sich auch etwas zu sagen – und so können wir sie besser schützen.