„Wir müssen unsere Haltung und Werte von Anfang an vorleben.“
Kinderschutzfachkraft Oliver Jäger berichtet aus der Praxis
Herr Jäger, was ist Ihre Aufgabe bei SOS-Kinderdorf?
Bei meiner Stelle geht es um die Koordinierung des Kinder- und Betreutenschutz im SOS-Kinderdorf Nürnberg. Ich erarbeite alle Bestandteile und Bausteine, die zum Schutzkonzept dazu gehören. Ich mache Pläne und erstelle Abläufe zu verschiedenen Themen, wie zum Beispiel Beschwerdemanagement oder sexualpädagogische Konzepte für die stationären Hilfen. Dabei ist die Netzwerkarbeit auch ein wichtiges Thema – nicht nur intern mit anderen Kinderschutzkräften bei SOS-Kinderdorf, sondern natürlich auch mit Jugendämtern, Schulen und anderen Fachberatungsstellen hier vor Ort in Nürnberg. Kinder- und Betreutenschutz lebt davon, dass man von anderen lernt und miteinander im Gespräch bleibt. Ich stehe den Mitarbeitenden, also den Fachkräften vor Ort beratend zur Seite, wenn sie Fragen zum Kinder- und Betreutenschutz oder auch zu konkreten Fällen von Kindeswohlgefährdung haben. Was mache ich, wenn ich einen Verdacht habe? Wann wird die Schweigepflicht aufgehoben? Was sind rechtliche Grenzen? Da unterstütze ich.
Wie sensibilisiert SOS-Kinderdorf Mitarbeitende für das Thema Kinder- und Betreutenschutz?
Das beginnt schon präventiv bei der Personaleinstellung. Wie gehen wir mit Bewerbern um? Wie gestalten wir das Vorstellungsgespräch? Stellen wir gezielt Fragen zu Kinder- und Betreutenschutz? Einerseits vermittelt man so, dass Kinder- und Betreutenschutz bei uns ein wichtiges Thema ist und offen angesprochen und kommuniziert wird. Anderseits versucht man damit auch Tätern erst gar nicht den Schritt in die eigene Einrichtung machen zu lassen. Mit einer Selbstverpflichtungserklärung verpflichten sich die Mitarbeitenden bei ihrer Einstellung die Grenzen und die Privats- und Intimsphäre der Betreuten zu wahren und Fehlverhalten oder Grenzüberschreitungen zu melden.
„Das Wichtigste ist aber, dass wir die Haltung und die Werte von Anfang an vorleben.“
Auf der anderen Seite aber auch, dass wir verschriftlichen, wie wir miteinander umgehen möchten und wie nicht. Kommt jemand neu in ein Team, kann man die Verhaltensampel miteinander durchgehen und so kann auch ein neuer Mitarbeiter diese Haltung schneller verinnerlichen.
Das sogenannte Web Based Training „Gemeinsam aktiv für Kinderschutz” ist für alle SOS-Mitarbeitenden verpflichtend, was hat es damit auf sich?
Das Web Based Training schafft eine Grundlage für das Thema Kinderschutz und Vorgehen bei Kindeswohlgefährdung. Es ist verpflichtend für alle, die neu bei SOS-Kinderdorf anfangen, auch für jene, die nicht im pädagogischen Bereich arbeiten. Zudem hat SOS-Kinderdorf einen vereinsübergreifenden Angebotskatalog mit verschiedenen Fortbildungen zu Kinder- und Betreutenschutz. Ich habe mich beispielsweise für eine zweitägige Schulung im September zum Thema Sexuelle Bildung und digitale Medien angemeldet.
Welche Schulungen bieten Sie zusätzlich im SOS-Kinderdorf Nürnberg für Mitarbeitende an?
Wir haben im April eine Grundlagenschulung zum Thema Kinder- und Betreutenschutz gestartet, die auf dem Web Based Training vom Verein aufbaut. Themen wie sexualisierte Gewalt oder sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen werden hier nochmals genauer behandelt. Wie gehen Täter vor? Was können Folgen sein? Was kann ich präventiv vor Ort tun, um Kinder und Jugendliche zu stärken? Oder akut, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind? Jeder, der im SOS-Kinderdorf Nürnberg neu anfängt, nimmt verpflichtend an dieser Schulung teil. Es war meiner Einrichtungsleitung und mir wichtig, hier eine Handlungssicherheit und Grundsensibilität zu schaffen.
Wir planen beispielweise auch einen Workshop für den stationären Bereich zum Thema Nähe und Distanz mit einer externen Fachberatungsstelle. Warum ist es wichtig, im pädagogischen Alltag eine gewisse Distanz zu wahren? Wir wollen Handlungsstrategien und Standards entwickeln, wie man sich mit einer guten Nähe und Distanz sicher durch den Alltag bewegen kann, ohne dass es für jemanden schräg wird oder man unbewusst an Grenzverletzungen kratzt.
Welche Rolle spielt Supervision für den Kinder- und Betreutenschutz?
Supervision ist ein wichtiger Baustein zur Sicherung der Qualität der eigenen pädagogischen Arbeit und fest vorgesehen bei SOS-Kinderdorf. Auch für die Kinder- und Betreutenschutzfachkräfte. Die Supervision wird vorwiegend von neutralen Personen, die nicht zum Verein gehören, durchgeführt. Ein Blick von außen, der es ermöglicht, die eigenen Handlungen, Prozesse, Strukturen oder manchmal auch einen konkreten Fall zu besprechen und seine eigene Rolle dabei zu reflektieren. Immer auf wertschätzende Art und Weise.
Zum Abschluss noch eine Frage nach Ihrer persönlichen Motivation: Was bedeutet Kinder- und Betreutenschutz für Sie?
Für mich war die präventive Arbeit immer ein Herzensthema. Ich habe Kindern und Jugendlichen vermittelt, welche Rechte sie haben und wie sie sich gegen sexuelle, körperliche und psychische Gewalt wehren können. Ich möchte nicht, dass das Kind in den Brunnen fällt, sondern dass es davor stehen bleiben kann.
„Kinder sind unsere Zukunft und wenn wir sie nicht schützen, was wäre dann?“