„Wenn alle Kinder sicher aufwachsen, wird unsere Gesellschaft eine bessere.“
Pädagoge Michael Breiner über Kinderschutz im Alltag
Herr Breiner, Sie sind seit 30 Jahren im SOS-Familienhilfezentrum in Kaiserslautern tätig, waren lange Leiter der dort angesiedelten Kinderschutzfachstelle und sind nun Einrichtungsleiter. Wie beschäftigt Sie Kinderschutz im Alltag?
Wir bearbeiten in der Fachstelle alle Fragen zu Kinderschutz im familiären Umfeld und in der Gesellschaft – Misshandlungen, Missbrauch, Vernachlässigung. Auf der anderen Seite organisiere ich als Bereichsleiter innerhalb der Einrichtung unseren Kinder- und Betreutenschutz mit. Im stationären Bereich gibt es schon viele gute Grundlagen und Schutzkonzepte, in den ambulanten Diensten ist das etwas herausfordernder. Wir beschäftigen uns immer wieder mit solchen Konstellationsfragen: Wie können wir Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Beratungsalltag umsetzen? Wie gehen wir dort mit den vertraulichen 1:1-Situationen um?
Was liegt Ihnen persönlich am Herzen beim Thema Kinderschutz?
„Kinderschutz ist das zentrale Element in der Kinder- und Jugendhilfe.“
Was mich persönlich bewegt sind Gesellschaftsveränderungen. Misshandlung, Gewalt gegen Kinder oder Missachtung von Beteiligung und von Kinderrechten befördert autoritäre Einstellungen. Wenn Kinder so aufwachsen, dann bleiben wir in einer Gesellschaft hängen, die solche Elemente immer wieder hervorbringt. Natürlich müssen wir uns auch mit Erwachsenen auseinandersetzen, keine Frage.
„Aber wenn wir grundsätzlich etwas verändern wollen, müssen wir früher dahin gucken, wo Kinder in Not sind und Unterstützung anbieten.“
Wir müssen Gewalt gegen Kinder stoppen, gerade wenn bekannt ist, dass Kinder, die misshandelt werden, ein erhöhtes Risiko haben, selbst zu misshandeln. Wenn alle Kinder sicher aufwachsen, wird unsere Gesellschaft eine bessere.
Wann beschäftigte sich SOS-Kinderdorf Kaiserslautern das erste Mal intensiver mit dem Thema Kinderschutz?
1994 waren wir die erste Fachberatungsstelle mit dieser Thematik bei SOS-Kinderdorf. Unsere Aufgabe war die Beratung und Therapie von Kindern und Jugendlichen, die von Gewalt betroffen sind. Richtig Bewegung in das Thema institutioneller Kinderschutz kam aber erst im Jahr 2010, als die Missbrauchsvorfälle im katholischen Canisius-Kolleg Berlin und in der Odenwaldschule bekannt wurden. Die Bundesregierung richtete daraufhin den runden Tisch „Sexueller Missbrauch“ ein. Kurz zuvor hatte sich SOS-Kinderdorf auf den Weg gemacht, das Grundsatzpapier „Kinderschutz geht uns alle an” zu entwickeln. Im Jahr 2014 gab es dann im Verein die verbindlichen Verfahrenswege zum Umgang mit Grenzüberschreitungen.
Ich glaube, das Zentrale ist aber, dass sich in einer Einrichtung das Leitungsteam dafür entscheidet, Kinderschutz anzugehen und die Grundlagen schafft. Das Schutzkonzept wird bei uns jährlich in jeder Mitarbeiterversammlung neu aufgerufen. Wo stehen wir gerade? Was ist gut gelaufen? Der Meilenstein war die Entscheidung, Kinderschutz in die Mitarbeitendenschaft zu tragen und alle ins Boot zu holen. Nicht nur das pädagogische Personal, sondern auch den Hausmeister oder Hauswirtschaftskräfte.
Welche Entscheidungen und Implementierungen haben den Kinderschutz bei SOS-Kinderdorf besonders vorangetrieben?
2012 fand bei uns in Kaiserslautern die erste interinstitutionelle Fortbildung für Mitarbeiter aus den Einrichtungen zu Übergriffen statt. Im gleichen Jahr haben wir auch die erste Mitarbeiterversammlung abgehalten, speziell zu den Themen Schutzkonzept, Risikoanalyse und Grenzüberschreitungen. Daraus haben sich Aktionsgruppen gegründet zu verschiedenen Themen und am Ende war klar, dass wir Beschwerden und Beteiligung stärker in den Blick nehmen wollen. Es wurde eine Handlungsleitlinie zu Beschwerdemanagement umgesetzt. Parallel wurde im Jugendhaus ein Ampelsystem mit den Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Was ist erwünschtes Verhalten, steht also für grün? Was ist gelb, also grenzwertiges oder undeutliches Verhalten und was ist rot, geht also gar nicht?
SOS-Kinderdorf stößt schon lange mit viel Engagement Dinge an für die Einrichtungen und auch umgekehrt übernimmt der Verein aus den Einrichtungen Initiativen, die dann bundesweit ausgerollt werden. Ein Beispiel: Die Beratung bei Unsicherheiten zu Grenzüberschreitungen in der sozialen Arbeit (BUGS), die wir hier in Kaiserslautern gemeinsam mit Saarbrücken entwickelt haben, ist Teil der vereinsweiten verbindlichen Verfahrenswege. Wir wollten unseren Kollegen die Möglichkeiten geben, eine Ansprechperson zu haben außerhalb unserer Einrichtung. Wo sich Mitarbeiter anonym reflektieren können, wenn es um Grenzverletzungen oder merkwürdiges Verhalten von Kollegen geht. Diese externe Anlaufstelle zu schaffen, war für mich ein Meilenstein. Ich kenne keinen Träger in unserer Region, der ähnliches umsetzt.
Welches Resümee ziehen Sie, wenn Sie sich die Entwicklungen im Verein im Kinderschutz anschauen?
Kinderschutz ist eine bewusste Entscheidung. Und man muss sich bewusst sein, dass es auch unbequem werden kann. Es ist mühevoll und herausfordernd, es lohnt sich aber.
„Wenn wir im Beratungsalltag Entscheidungen treffen, dann treffen wir die nicht, ohne vorher mit Kindern und Jugendlichen gesprochen zu haben.“
Ein Beispiel: Wir haben Mitarbeiter, die zuerst mit dem Kind sprechen und dann mit den Eltern. Und bevor ein Austausch mit den Eltern stattfindet, wird sehr ausführlich mit den Kindern darüber gesprochen: Das werde ich jetzt nachher im Gespräch mit den Eltern sagen. Ist es OK für dich? Was wünschst du dir, was wir besprechen? Was soll ich auf keinen Fall sagen? Es entwickelte sich über viele Jahre eine Haltung, das als normal anzunehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas zu machen, ohne vorher mit Kindern und Jugendlichen darüber gesprochen zu haben. Es braucht diesen Anschub, damit sich eine Haltung entwickelt, Kinder und Jugendliche auf Augenhöhe zu beteiligen.
„Ich muss begründen, warum wir bestimmte Dinge tun oder nicht tun, verbieten oder erlauben, sodass es auch ein Achtjähriger versteht. Weil ich dann Beteiligung ernst nehme. Erst wenn das gelingt, dann ist auch der Kinderschutz gelungen.“