„Die Frage ist: Ist auch jeder befähigt, sich zu beteiligen?“

Leonie Grabke zur Partizipation kognitiv beeinträchtigter Menschen

Frau Grabke, wie treiben Sie als koordinierende Fachkraft für den Betreutenschutz die Umsetzung des Gewaltschutzkonzepts voran?
Meine Aufgabe ist es, Strukturen zu prüfen und zu schauen, wo wir wie gut aufgestellt sind. Denn nur wenn wir genau wissen, wo es noch hakt, können wir passgenaue Maßnahmen erarbeiten. Mit dem Bausteinprinzip unseres Gewaltschutzkonzepts haben wir die Inhalte schon gut, konkret und direkt ansteuerbar beschrieben. Dies hilft sehr, es für alle greifbar zu machen und alle mitzunehmen. Am besten interaktiv, zum Beispiel in gemeinsamen Workshops mit der Mitarbeiter- und Bewohnerschaft.
Wie schaffen Sie es, die Beteiligung der Bewohner und Werkstattbeschäftigten zu stärken?
Indem wir gerade auch den Baustein Partizipation mit Leben füllen. Die Handlungsleitlinie dazu haben wir beispielsweise in leichte Sprache übersetzt. Als eines von vielen Dokumenten, die alle lesen und verstehen können sollen. Geprüft wird dies durch unsere Gremien: Werkstattrat, Bewohnervertretung und Frauenbeauftragte. Als Expertinnen und Experten in eigener Sache prüfen sie, ob es für die, an die es sich richtet, verständlich ist – oder ob wir weiter optimieren müssen.
Haben Sie auch Nachholbedarf bei bestimmten Gewaltschutzthemen festgestellt?
Ja, unser Beschwerdemanagement ist noch ausbaufähig. In einem ersten Schritt wurde zum Beispiel unser Beschwerdebogen in Zusammenarbeit mit Mitgliedern unserer Gremien – Werkstattrat, Bewohnervertretung und Frauenbeauftragte – überarbeitet und bebildert. Anschließend haben wir unsere Ergebnisse im Plenum mit einem kleinen Schauspiel präsentiert. Wir haben einen alltagsnahen Konflikt vorgespielt und die Frage gestellt: Was kann ich tun? Die Antwort: Ich habe das Recht mich zu beschweren. Und ich kann dafür zum Beispiel den Beschwerdebogen nutzen. Neben der mündlichen Klärung, die auch wir Mitarbeitende unterstützen, und dem Beschwerdebogen braucht es aber noch weitere Kanäle. Vor allem für Klienten, die nicht so gut lesen und schreiben können.
„Als Klient muss ich wissen, was mit mir gemacht werden darf – und was nicht. Ich muss wissen, was meine Rechte sind. Und dann muss ich befähigt sein, für meine Rechte, die ich hoffentlich kenne, einzustehen.“
Was heißt es, Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu befähigen?
Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Es gibt ein 7-Stufen-Modell für Beteiligung. Je nach Klient und Setting ist ein Blick auf die „passende“ Stufe hilfreich. Die oberste Stufe ist nicht immer die sinnvollste oder die, die sich für die betreffende Person am besten anfühlt. Wir dürfen aber nicht sagen: Für Klient x mit Hilfebedarf y ist mehr als Stufe z nicht möglich. Es bedarf immer wieder eines professionellen Blicks darauf, ob es noch etwas braucht, damit die Person auf der Partizipationsleiter eine Stufe höherklettern kann. Es ist unsere Aufgabe, sie immer wieder individuell zu befähigen.
Haben Sie ein konkretes Beispiel für diesen individuellen Bedarf an Befähigung?
Bockum ist ja nicht gerade urban oder zentral gelegen. Also müssen wir uns immer wieder fragen: Haben wir jeden unserer Bewohner und Werkstattbeschäftigten befähigt, seine Persönlichkeit frei zu entwickeln? Kann jeder in die Gesellschaft eintauchen und sich integrieren – sich „inklusieren“? Oder braucht es noch Mobilitätstraining? Denn der eine braucht vielleicht unterstützte Kommunikation, um die theoretische Führerscheinprüfung zu bestehen, ein anderer braucht eher ein Spezialfahrrad, um sich in seiner Gesellschaft auf dem Hof barrierefrei bewegen zu können.
Welche Ziele im Betreutenschutz haben Sie sich persönlich auf die Fahne geschrieben?
Die sieben Bausteine unseres Gewaltschutzkonzepts weiter mit Leben zu füllen. Und brauchbare Methoden und Orientierungsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden zu entwickeln. Nicht jeder hat im Alltag Zeit, einen 30-seitigen Verfahrensplan zu lesen. Hier braucht es kompaktere Formate vor Ort, die schnell verfügbar sind und sich gut einprägen. Nur dann, wenn das Thema in den Köpfen der Mitarbeiter und Klienten verankert ist, findet eine gemeinsame Auseinandersetzung statt. Und die braucht es, damit Kinder- und Betreutenschutz gelingt und weiter wachsen kann.

Zur Person

Leonie Grabke
Die Sozialpädagogin startete 2013 direkt nach dem Studium in der SOS-Dorfgemeinschaft Bockum. Über sieben Jahre lang engagierte sie sich in der ambulanten Betreuung und in den Außenwohngruppen. Nach ihrer Elternzeit kehrte sie im Februar 2023 nach Bockum zurück und nahm gleich eine neue spannende Herausforderung an: Als koordinierende Fachkraft für den Betreutenschutz gestaltet sie diesen wichtigen Bereich bei SOS-Kinderdorf aktiv mit.

Partizipation in Zahlen

SOS-Dorfgemeinschaften bieten Menschen mit Beeinträchtigungen ein Zuhause, Teilhabe und Inklusion.

Erwachsene lebten 2022 in den SOS-Dorfgemeinschaften für Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf.

Menschen waren 2022 in den Arbeitsbereichen für Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigt.

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