„Die Situation der Kinder ist zunehmend alarmierend“
Seit vier Jahren ist der Krieg in der Ukraine bittere Realität. Das Team von SOS-Kinderdorf Ukraine ist trotzdem jeden Tag für Kinder und ihre Familien da. Inmitten eines Ausnahmezustands und unter ständiger Gefahr. Serhii Lukashov ist Nationaldirektor von SOS-Kinderdorf Ukraine und berichtet von der aktuellen Situation vor Ort, wie es Kindern im Land geht und was sie gerade am dringendsten brauchen.
Wie ist die humanitäre Lage in der Ukraine aktuell?
Ein großes Problem sind aktuell die langanhaltenden Stromausfälle. Nicht nur Kyjiw ist davon betroffen, sondern auch Dnipro, Odesa und Charkiw. Vielen Haushalten fehlen ausreichende Heizung bei der Kälte, Beleuchtung, und lebenswichtige elektrische Geräte können nicht betrieben werden.
Anhaltender Beschuss und Angriffe zwingen Familien weiterhin zu fliehen. Auch wenn Vertreibung nicht mehr das Ausmaß von 2022 erreicht, steigt die Zahl der neu vertriebenen Familien erneut an. Leider bleiben viele Familien auch in hochgefährlichen Gebieten. Es ist wichtig, auch dort weiterhin Hilfe zu leisten. Eigentlich steht unsere nachhaltige Entwicklungsarbeit im Vordergrund. Allerdings müssen wir auf Notsituationen reagieren.
Wie geht es den Kindern in der Ukraine generell? Wie ist ihre Situation?
Die Situation der Kinder ist zunehmend alarmierend. Sie sind emotional erschöpft. Viele sind stark von Trauma, Stress und sozialer Isolation betroffen. Sie wachsen in ständiger Unsicherheit und Angst auf.
Die Auswirkungen wiederholter Vertreibung, unterbrochener Schulbildung sowie eingeschränkter Spiel- und Sozialmöglichkeiten sind tiefgreifend. Kinder aus wirtschaftlich oder sozial besonders benachteiligten Familien, insbesondere in Frontgebieten, sind besonders gefährdet. Sie können gefährliche Regionen oft nicht verlassen und haben nur begrenzten Zugang zu Unterstützung. Vor allem Kinder mit Behinderungen leiden unter der Situation. Ihre Entwicklungs- und Bildungsbedürfnisse werden oft nicht ausreichend erfüllt. Dadurch werden sie noch stärker ausgegrenzt und sind besonders verletzlich.
Wie arbeiten Sie im Alltag mit den betroffenen Kindern und Familien?
Wir bieten Kindern und Familien sowohl kurzfristige Hilfe als auch langfristige Unterstützung. Ziel ist es, dass Kinder nicht nur überleben, sondern auch unter extremen Bedingungen weiter wachsen, lernen und sich entwickeln können.
Schutz und psychosoziale Hilfe: Für Kinder betreiben wir sichere Räume, darunter auch unterirdische Schutzräume. Dort erhalten sie psychologische Unterstützung, Bildungsangebote, strukturierte Spielaktivitäten und die Möglichkeit, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Diese Räume sollen Stabilität und ein Gefühl von Normalität inmitten von Stress und Unsicherheit vermitteln.
Beratung: Für Familien bieten wir direkte Hilfe und Beratung an. Wir unterstützen sie dabei, mit Vertreibung, Verlust sowie finanziellen und emotionalen Belastungen umzugehen. Eltern und Betreuungspersonen begleiten wir mit praktischer Hilfe und wichtigen Informationen.
Mobile Einsätze: Unsere Teams führen mobile Einsätze durch. Damit wollen sie Kinder und Familien in Front- und besetzten Gebieten erreichen. Damit auch unter schwierigsten Bedingungen niemand ohne Unterstützung bleibt. Wir stellen lebenswichtige Hilfsgüter oder psychosoziale Aktivitäten bereit.
Können Sie eine persönliche Erfahrung aus dem Krieg schildern, die Sie besonders bewegt hat?
Was mich tief bewegt, ist der Mut und das Engagement unseres Teams. Vor allem in Cherson, einer Stadt, die unter ständiger Bedrohung lebt. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten dort unter Gefahr durch den täglichen Beschuss und die Drohnenangriffe. Trotz der Risiken gibt es ein kleines Sozialzentrum und zwei unterirdische sichere Räume. Das Team bewegt sich schnell zwischen verschiedenen Orten, passt Zeitpläne und Routen an, unterbricht Aktivitäten, um Schutz zu suchen und dennoch ist es jeden Tag für Kinder und Familien da.
Ich empfinde eine Mischung aus Bewunderung und Schuldgefühl, wenn ich an sie denke. Ihr Einsatz für ihre Gemeinschaft, ihre Stadt und die Kinder ist außergewöhnlich. Sie sind nicht nur Fachkräfte, sondern Menschen, die sich entschieden haben, unter unvorstellbar schwierigen Bedingungen zu bleiben und andere zu unterstützen.
Was ist notwendig, um Kinder und Familien in den betroffenen Gebieten weiterhin zu unterstützen?
Wir brauchen ausreichend finanzielle Mittel, damit wir sichere Räume, Sozialzentren und mobile Programme, besonders in den Frontgebieten, aufrechterhalten und ausbauen können.
Unsere Arbeit hängt von qualifizierten, engagierten Fachkräften ab. Sie müssen die Programme unter extrem schwierigen Bedingungen umsetzen. Wir müssen unsere Mitarbeitenden fortlaufend weiterbilden.
Stabile Kommunikationsmöglichkeiten, Stromversorgung und Internetzugang sind notwendig, um Bildungs- und psychosoziale Angebote sowie die Koordination aufrechtzuerhalten.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Zuallererst wünsche ich mir Sicherheit, Heilung und Stabilität für die Kinder und Familien in der Ukraine. Ich hoffe auf eine Zukunft, in der Kinder wieder eine normale Kindheit erleben können. In der sie wieder zur Schule gehen, ihre Traumata behandelt werden und Familien ihr Leben in Würde wieder aufbauen können. Mein aufrichtiger Wunsch ist: eine Zukunft, die auf Solidarität, geteilter Verantwortung und einem dauerhaften Bekenntnis zur Menschenwürde beruht.
