SOS-Kinderdorf in Haiti
Die Bevölkerung Haitis kämpft seit drei Jahren mit einer zusammenbrechenden Wirtschaft, politischem Stillstand und einer verheerenden Sicherheitslage. Über fünf Millionen Menschen leben in extremer Armut. Die Bandenkriminalität dominiert die Hauptstadt Port-au-Prince. Eine komplizierte Situation, der Faimy Carmelle Loiseau täglich bei ihrer Arbeit ausgesetzt ist. Die Nationaldirektorin von SOS-Kinderdorf in Haiti beschreibt im Interview, wie herausfordernd ihr Alltag in der aktuellen Extremsituation ist und wie sie und ihr Team damit umgehen.
Was benötigen die Menschen in Haiti im Moment am dringendsten?
Die Präsenz bewaffneter Gruppen sowie die wiederkehrende Treibstoffknappheit beeinträchtigen den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig erschwert der Mangel an qualifiziertem Personal aufgrund der Flucht von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen die Situation zusätzlich. Zudem benötigen die Kinder dringend schulische Bildung. Viele Schulen, die bei dem heftigen Erdbeben 2021 zerstört wurden, sind noch nicht wieder aufgebaut worden. Die Bevölkerung benötigt ein stabiles Land, in dem sie sich sicher und zu Hause fühlen kann. Die Menschen benötigen Zugang zu Lebensmitteln, einem funktionierenden Gesundheitssystem und Unterstützung für ihre psychische Gesundheit, um die Spannungen und Krisen bewältigen zu können, mit denen sie konfrontiert sind.
Warum leiden vor allem Kinder unter der Situation im Land?
Viele Familien haben keinen Zugang zu grundlegenden Ressourcen. Dies hat dazu geführt, dass viele Kinder unterernährt sind. Durch die begrenzte Gesundheitsversorgung sind sie einem höheren Risiko von Epidemien ausgesetzt. Kinder leben in ständiger Angst, von bewaffneten Gruppen rekrutiert, verletzt oder getötet zu werden. Zusätzlich leiden die Kinder unter dem Verlust der elterlichen Fürsorge. Viele in den besonders schwierigen Gebieten wurden von ihren Eltern getrennt, sei es durch den Tod der Eltern oder weil diese gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen und die Kinder an einen anderen Ort zu schicken.
Wie hilft SOS-Kinderdorf den Kindern und ihren Familien?
SOS-Kinderdorf bietet Kindern und Familien psychosoziale Unterstützung. Die psychologischen Fachkräfte kommen in die Schulen und besuchen die SOS-Kinderdorffamilien zu Hause. Der Unterricht an der Schule von SOS-Kinderdorf in Santo, einem Stadtteil von Port-au-Prince, findet statt. Dort bekommen die Kinder nicht nur Zugang zu Bildung, sondern auch eine warme Mahlzeit am Tag.Welche Herausforderungen bringt die schwierige Situation im Land für Ihre tägliche Arbeit mit sich?
Ich stehe dabei zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Die Auswirkungen der Inflation und die hohen Preise für Waren auf dem Markt erschweren meine Arbeit. Dadurch ergeben sich für mich zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Beschaffung bestimmter Möbel oder Materialien, die wir für unsere Einrichtungen benötigen. Jeder einzelne Tag ist von Unsicherheit geprägt. Hinzu kommen die politische Instabilität und das Risiko von Naturkatastrophen.
Wie motivieren Sie Ihr Team, trotz aller Schwierigkeiten das Beste zu geben?
Ich betone die Bedeutung des Beitrags jedes und jeder einzelnen Mitarbeitenden und fördere eine positive Arbeitskultur. Dazu organisiere ich regelmäßige Teamsitzungen, um Probleme gemeinsam zu besprechen und Lösungen zu finden. Zudem nehme ich mir auch die Zeit, um persönliche Anliegen meiner Mitarbeitenden anzuhören. Es ist mir wichtig, dass sie sich wertgeschätzt fühlen.
Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?
Ich bin fest davon überzeugt, dass selbst in schweren Zeiten wieder Licht ins Dunkel kommen wird. Unsere Verantwortung ist es, vor allem den Kindern und Jugendlichen, die unsere Zukunft sind, Hoffnung zu schenken. Ich persönlich bewahre mir meinen Mut und glaube daran, dass mein Einsatz positive Auswirkungen auf das Leben der Kinder in unserem Stadtteil hat. Jedes Mal, wenn ich die Kinder in unseren Programmen treffe, spüre ich ihre Freude und Dankbarkeit, Teil von SOS-Kinderdorf zu sein. Diese Begegnungen bestärken mich darin, weiterhin mein Bestes zu geben.

