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Mit Pferden Vertrauen lernen

Wie Reitpädagogik Kinder stärkt

Tiere schaffen das, was Menschen manchmal nicht gelingt. Pferde können wahrnehmen, was oft unausgesprochen bleibt. Im SOS-Kinderdorf Harksheide helfen Pferde Kindern nach belastenden Erfahrungen dabei, wieder Vertrauen aufzubauen. 
Behutsam führt Victoria* Jim Knopf am Strick. Das neunjährige Mädchen läuft langsam voran, der schwarze Wallach folgt ihr ruhig. Die beiden wirken vertraut. Victoria trägt einen Reithelm mit rosa Glitzersteinen, kurze Reitstiefel mit bunten Strümpfen und einen grünen, weiten Pullover. Sie hat das imposante Tier fest im Griff. Jim Knopf schiebt den großen, roten Gymnastikball an und schreitet gemächlich durch zwei Pylonen des aufgebauten Parcours.  
Vor dem nächsten Hindernis im Parcours, einer langen Wippe, bleibt der Wallach stehen. Victoria blickt sich verunsichert um. Eine Frau mit blondem Pferdeschwanz flüstert ihr leise etwas zu. Victoria nickt und steigt mit einem großen Schritt auf die Wippe. Sie schaut jetzt in Jim Knopfs Gesicht. Vorsichtig bewegt sie sich in kleinen Schritten rückwärts. Das Pferd folgt ihr auf die Wippe, Victoria lächelt.  
Victoria nimmt wie jede Woche an der Reitpädagogik „Ross und Racker“ des SOS-Kinderdorfs Harksheide teil. Seit 15 Jahren gibt es das Angebot für Kinder, die sich aufgrund vergangener Erfahrungen nur schwer gegenüber anderen öffnen können.  

Wie Pferde Nähe schaffen 

Neben Victoria versucht sich auch die achtjährige Ida* heute daran, Pferd Harley durch den Parcours zu leiten. Zunächst sträubt sich das große, fast 20 Jahre alte braune Pferd. Mit einigen Tipps von Reitpädagogin Josefine Finck Barboza – „Locker lassen, nicht ziehen“ – gelingt es dann aber doch. Zur Belohnung kraulen Ida und Finck Barboza das Pferd liebevoll am Hals. Auch Harley zeigt Zuneigung. Mit dem Maul imitiert sie die Kraulbewegungen. Vorsichtig stellt sich Ida neben das Pferd und lehnt ihren Kopf an seinem an. „Ist es schön?“, fragt Finck Barboza. „Ja“, bestätigt Ida mit leiser Stimme. 
Die meisten teilnehmenden Kinder leben im etwa eine Autostunde entfernten SOS-Kinderdorf Harksheide in Norderstedt in Wohngruppen oder SOS-Kinderdorffamilien. Zudem kooperiert das Projekt mit dem SOS-Kinderdorf Hamburg. Kinder, die dort ambulante Hilfen in Anspruch nehmen oder im SOS-Kinderdorf leben, kommen ebenfalls auf den Hof. Auch junge Patienten und Patientinnen einer Tagesklinik und Schüler und Schülerinnen, die derzeit nicht regulär beschult werden können, nehmen an der Reitpädagogik teil. 
Viele Kinder haben traumatische Erfahrungen gemacht, die sie bis heute prägen, erklärt Josefine Finck Barboza. Sie ist eine von vier ausgebildeten Reitpädagoginnen, die sich um die Kinder und Tiere kümmern. Sie sagt: 
„Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Kinder hier an einem sicheren Ort sind, keinen schwierigen Erfahrungen ausgesetzt werden und sie grundsätzlich mitentscheiden dürfen.“ 
Viele von ihnen haben in ihrer bisherigen Kindheit statt Liebe und Aufmerksamkeit häufig Abweisung erfahren. Sie wurden emotional oder körperlich vernachlässigt, abgewertet oder beschimpft. Ihr Schicksal war von anderen abhängig, die oft nicht verlässlich waren. Entscheidungen wurden über ihren Kopf hinweg getroffen oder sie mussten früh selbst Verantwortung übernehmen.   
Aus diesem Grund fällt es den Kindern schwer, neue Beziehungen einzugehen. Bei den Pferden können sie sich öffnen und Vertrauen aufbauen, erklärt Finck Barboza. Jedes Kind hat dabei ein festes Partnerpferd, zu dem es über Monate oder Jahre eine enge Bindung entwickelt. Die rhythmische Bewegung des Reitens vermittelt das Gefühl, getragen zu werden und damit Sicherheit und Geborgenheit.  
Viele der Kinder zweifeln an sich selbst und ihren Fähigkeiten. Im Umgang mit den Pferden können sie Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Sie erleben, dass sie etwas bewirken können. Erste Erfolge werden schnell sichtbar. 
„Es ist eine wahnsinnige Leistung, ein so großes Tier zu führen oder sich überhaupt zu trauen, aufzusteigen“,
sagt Finck Barboza.  
Die Kinder erleben ehrlichen und direkten Zuspruch – auch ohne Worte. Pferde handeln immer auf Grundlage ihrer eigenen Bedürfnisse. Da sie nicht angebunden sind, bleiben sie nur, wenn sie sich wirklich wohlfühlen. Die Wertschätzung und die Erfolge lassen die Kinder Mut fassen, auch außerhalb der Reithalle für ihre Belange einzustehen und anderen Grenzen zu setzen.  
Wie wichtig die Tiere für die Kinder werden, zeigen kleine Bemerkungen der Kinder. „Jack macht mein Herz warm“, erinnert sich Pädagogin Lynn Pelz an die Worte eines Kindes. Ein anderes sagte: „Wenn ich weiß, wann ich zu Aramis darf, streite ich mich weniger in der Familie.“ 

Ein Ort ohne Druck 

Ida und Victoria sitzen fest im Sattel, während Harley und Jim Knopf sie langsam über das Gelände des Hofs tragen. Der Ausritt führt sie vorbei an der Reithalle, blühenden Obstbäumen und den Koppeln, auf denen die anderen Pferde grasen. Harley und Jim Knopf schreiten dicht nebeneinanderher. Die beiden Mädchen fassen sich an den Händen. Die Reitpädagoginnen Fenja Ellwitz und Lynn Pelz führen die Pferde am Strick.  
Ida hat mit vier Jahren zum ersten Mal an der tiergestützten Reitpädagogik teilgenommen, Victoria ist seit drei Jahren dabei. Es braucht manchmal bis zu einem halben Jahr bis sich die Kinder öffnen, erklärt Finck Barboza. Insbesondere bei langen Ausritten erzählen die Kinder oft von selbst, was sie beschäftigt. Im Sattel fühlen sie sich sicher und geborgen. 
„Wir haben sehr viel Zeit, genau hinzuschauen. Das ist im Alltag oft nicht möglich“,
sagt sie. Im Alltag fühlen sich viele Kinder schnell überfordert durch Schule, Termine und den Druck von außen. Gerade deshalb haben die Pädagoginnen die Bedürfnisse der Kinder immer im Blick. Wie die Zeit auf dem Hof aussieht, bestimmen sie selbst. „Die Kinder dürfen viel und müssen nichts. Es gibt kaum Regeln, außer dass sie einen Reithelm aufsetzen müssen. Kein Leistungsdruck, sondern sie bestimmen das Tempo“, sagt Finck Barboza.  

Die Pferde als Übersetzer 

Die Pferde tragen in ihrer Arbeit nicht nur die Kinder. Durch ihr Verhalten geben sie den Pädagoginnen oft auch Hinweise darauf, wie es den Kindern geht. Als Herden- und Fluchttiere haben Pferde eine besonders sensible Wahrnehmung. 
„Die Pferde sind für uns eine Art Übersetzer. Sie geben uns Signale, wenn etwas nicht zusammenpasst“,
meint Finck Barboza. Sie erinnert sich an einen Jungen, der in seiner Wohngruppe große Veränderungen erlebte. Als ein neues Pferd auf das Gestüt kam, lehnte er es zuerst kategorisch ab. „Der gehört hier nicht her“, sagte er immer wieder. Ihn beschäftigte die Frage, ob nun vielleicht ein anderes Pferd gehen müsse. Für die Pädagoginnen spiegelte sich darin die Unsicherheit und die Ängste wider, die den Jungen damals beschäftigten.  
Doch nicht nur die Reaktionen der Kinder auf die Tiere erzählen viel. Auch das Verhalten der Pferde spiegelt oft das Befinden der Kinder wider. „Wenn die Kinder nervös sind, dann sind die Pferde es auch“, so die Pädagogin. „Meistens fühlt sich das Pferd nicht wohl, weil das Kind angespannt ist, es gerade Angst hat oder den Druck verspürt, etwas leisten zu müssen.“ Die Kinder erleben, dass ihr eigenes Verhalten Einfluss hat. Werden sie ruhiger, entspannt sich meistens auch das Pferd.  
Oft machen die Kinder deshalb gemeinsam Atemübungen mit dem Pferd, wenn dieses unruhig wird. „Wenn ein Kind später merkt, dass es zum Beispiel wütend wird, erinnert es sich vielleicht daran, wie es mit dem Pferd gemeinsam geschnaubt hat – und kann sich selbst beruhigen“, sagt Finck Barboza. 
Vor der Wippe blieb Jim Knopf stehen. Erst als Victoria selbst den ersten Schritt machte, folgte er ihr. Kleine Reaktionen, die viel erzählen.  
*Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert.  

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