Gesund ins Leben starten
Das SOS-Mütterzentrum in Saarbrücken ist eine beliebte Anlaufstelle bei Frauen und ihren Kindern. Das Projekt „Gesunder Start“ bringt ihnen eine gesunde Lebensweise näher und stärkt die Mutter-Kind-Bindung.
Es ist viel los im SOS-Kinderdorf Saarbrücken. Im zweiten Stock im Mütterzentrum toben Kinder umher, Frauen unterhalten sich angeregt. Gleich geht das Projekt „Gesunder Start“ los. Seit dem Frühjahr 2023 bietet das Mütterzentrum den Kurs für werdende und junge Mütter an. Mit dem Angebot wolle man den Frauen eine gesunde Lebensführung für sich und ihre Familie näherbringen, erklärt Anna-Lena Rehr. Die 24-Jährige plant das pädagogische Programm im Mütterzentrum und kümmert sich um die Organisation des „Gesunden Starts“.
Für das Projekt ist das SOS-Kinderdorf eine Kooperation mit der Volkshochschule in Saarbrücken eingegangen. Finanziert wird es durch die Postcode Lotterie. Jeden Dienstagvormittag treffen sich zwischen fünf und sieben Frauen im Kursraum im Mütterzentrum mit Andrea Schuster, ehrenamtliche Dozentin der VHS. Schuster führt die Frauen durch ausgewählte Themenblöcke, gerade erst haben sie Gesundheit abgeschlossen. Dabei ging es um wesentliche Fragen wie: Welche ärztlichen Fachrichtungen gibt es? Wie äußere ich Beschwerden beim Arzt? Wie mache ich Termine aus oder sage sie ab? Was gehört zu einer gut sortierten Hausapotheke?
Smoothie statt Capri-Sonne
Während die Mütter den Kurs besuchen, werden die Kinder von Rehr und ihren Kolleginnen im Spielraum betreut. Im Zimmer nebenan haben sich die Frauen gemeinsam mit Andrea Schuster zum Unterricht eingefunden. Heute wollen sie sich mit gesunder Ernährung beschäftigen. Welche Lebensmittel sind gut für mich und meine Kinder? Wie viele Kalorien haben bestimmte Lebensmittel? Der Kurs soll den Frauen eine gesunde Lebensweise näherbringen – ohne erhobenen Zeigefinger: „Statt ihnen zu sagen, dass es nicht in Ordnung ist, dass sie diese Woche schon dreimal Capri-Sonne mitgebracht haben, ist es sinnvoller, es spielend zu machen“, erklärt Gesualda Pistone, Bereichsleitung der Ausbildungsangebote im SOS-Kinderdorf Saarbrücken. „‚Wir haben heute einen besonderen Smoothie gemacht. Wollt ihr mal probieren, ob das lecker ist?‘ Das ist weniger belehrend“.
Da die meisten Teilnehmerinnen aus Syrien stammen, steht Deutschlernen ganz oben auf der Kursagenda. Immer wieder hält Dozentin Schuster Karten hoch, auf denen Lebensmittel abgebildet sind. Oliven, Trauben, Äpfel, Birnen. Ein paar Fragen schreibt die ehrenamtliche Mitarbeiterin an die Tafel: Was kostet ein Kilogramm Dinkelmehl? Welche Schokoladensorten gibt es? Im Anschluss will Schuster mit den Frauen einen Markt besuchen, um das Gelernte direkt in der Praxis anzuwenden.
„Gesunder Start“ ergänzt die Angebote im Mütterzentrum. 400 bis 600 Besucher zählt die Anlaufstelle pro Monat. „Das Mütterzentrum soll primär einen Ort der Begegnung darstellen. Die Angebote sind niedrigschwellig. Wir passen sie monatlich bedarfsgerecht an“, erklärt Koordinatorin Rehr. Die Mütter tauschen sich aus, während sich die Kinder im Spiel- und Basteltreff oder bei vielfältigen Kreativ- oder Freizeitangeboten beschäftigen. Zweimal pro Woche können die Besucherinnen Deutsch lernen, außerdem finden ein Frühstückstreff, Beratungen, ein Nähkurs und ein offener Treff statt.
Ein Ort kultureller Vielfalt
Honigmelonen, Granatäpfel, Avocados und weiteres Obst und Gemüse stapeln sich in der Auslage des arabischen Lebensmittelladens. Auch ein grünes, längliches Gemüse, das einer Mischung aus Paprika und Peperoni ähnelt, liegt aus. Eine Okraschote, wie die Frauen Dozentin Andrea Schuster erklären – ein in der arabischen Küche äußerst beliebtes Gemüse. Eine der Kursteilnehmerinnen schwärmt schnell vom traditionellen Gericht Bamya. „Die Okraschote wird mit Knoblauch und Hackfleisch in Tomatensoße angebraten“, meint die junge Frau. „Viel Knoblauch“, ergänzt sie lachend. Schuster und die Frauen wollen das Gericht bald gemeinsam nachkochen. Die Frauen schöpfen Mut aus dem Kulturaustausch und dem Respekt, der ihnen für ihr Herkunftsland entgegengebracht wird. „Das hilft ihnen, sicherer und selbstbewusster durch den Alltag zu gehen‘“, weiß Bereichsleitung Pistone.
Viele Frauen kommen jeden Tag ins Mütterzentrum. „Alle sind sehr freundlich“, findet eine der Besucherinnen. Die Mehrheit flüchtete aus dem arabischen Kulturraum nach Deutschland. SOS-Kinderdorf ist für sie häufig die allererste Anlaufstelle bei Fragen oder Problemen. Die einen interessierten sich für externe Deutschkurse, andere für Ausbildungsmöglichkeiten, wieder andere möchten den Schulabschluss nachholen, meint Koordinatorin Rehr. „Da wir hier gut vernetzt sind, können wir an Bildungsinstitutionen weitervermitteln und die Integration der Besucherinnen fördern.“
Mutter-Kind-Bindung stärken
Drei Monate später: Im Mütterzentrum ist es lauter geworden, einige Besucherinnen haben Nachwuchs bekommen. Das wirkt sich auf das Kursangebot aus. „Wir haben uns in den letzten Wochen sehr auf das Thema Schwangerschaft konzentriert“, erklärt Pädagogin Pistone. Neu im Angebot ist eine Gesprächsrunde, bei der die Frauen in entspannter Atmosphäre von ihren Erlebnissen und Empfindungen während und nach der Schwangerschaft erzählen können.
Der „Gesunde Start“ hat sich vom Projekt zum festen Angebot etabliert. Dafür haben die Mitarbeiterinnen im Mütterzentrum ein Eltern-Kind-Programm auf die Beine gestellt. Um die Bindung zwischen den Müttern und ihren Babys zu festigen, wird es ab Herbst eine Krabbelgruppe, einen Singkreis und einen Kurs zur Frühförderung der Säuglinge geben. Die Themen stimmt Koordinatorin Rehr eng mit den aktuellen Bedürfnissen der Mütter ab – und holt Feedback ein. „Die Mütter sind super motiviert“, meint die 24-Jährige. Mittlerweile haben sie eigene Ideen, sind wissbegierig und wollen sich beteiligen. Man merkt ihnen an, dass es ihnen Spaß macht.”
Bereits im Sommer weiteten Anna-Lena Rehr und ihre Kolleginnen die Angebote des „Gesunden Starts“ auf die körperliche Gesundheit aus, alltägliche Bewegungseinheiten mit den Kindern kamen hinzu: Ballspiele, Fußballturniere oder Spaziergänge an der Saar. Zudem bereiteten die Frauen gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen gesunde Mahlzeiten für die Kinder zu. Und das zeigt Wirkung. „Wir merken, dass sie die gesunde Lebensweise ganz neu für sich definiert haben. Und jetzt freiwillig in ihrem Alltag umsetzen“, beobachtet Rehr. „Bevor wir mit dem "Gesunden Start" angefangen haben, haben die Mütter ihren Kindern Flips, Chips, Schokolade und Gummibärchen mitgegeben. Jetzt bringen sie nur noch Obst, Gemüse oder Knäckebrot mit Frischkäse für ihre Kinder und sich selbst mit.“

