Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich einsam

Dinc Sacik begleitet als Sozialpädagoge viele Jugendliche auf dem Weg in ein selbstständiges Leben. Im Interview erklärt er, wie wichtig die mentale Gesundheit für Kinder und Jugendliche ist und warum sich die Situation seit der Pandemie verschlechtert hat. 

Wie hat sich das Thema mentale Gesundheit bei den von Ihnen betreuten Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren entwickelt? 

Nach meiner Wahrnehmung verlangt die mentale Gesundheit von vielen Kindern und Jugendlichen seit der Corona-Zeit mehr Aufmerksamkeit. Die Lockdowns haben vieles erschwert. Es gab weniger Orte, um Freunde zu treffen, weniger Möglichkeiten Sport zu treiben – dafür wurden mehr digitale Medien und mehr Süßigkeiten konsumiert. Bei vielen Kindern und Jugendlichen hat sich die allgemeine körperliche und psychische Gesundheit verschlechtert. Die Lockdownzeit hat viele schon bestehende Probleme verschärft. Die Kinder und Jugendlichen haben viel Zeit in der eigenen Wohnung verbracht. Soziale Ungleichheit, räumliche Enge, Bildung der Eltern, häusliche Gewalt, psychische Erkrankungen – all das waren Themen, die das Leben von Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit noch mehr als sonst beeinflusst haben. Anstatt die Welt, ihre Mitmenschen und sich selbst besser kennen zu lernen, sich neue Impulse in der Welt zu holen, war Stillstand und Enge bei vielen Kindern und Jugendlichen der Alltag.

Mentale Gesundheit braucht Tagesstruktur, sie braucht angenehme Aktivitäten, sie braucht Bewegung, sie braucht soziale Kontakte, sie braucht Rückzugsmöglichkeiten. All diese Dinge waren zu lange nicht gegeben. Dadurch ist mentale Gesundheit mehr denn je in den Fokus der Sozialen Arbeit gerückt.

Welche Veränderungen nehmen Sie wahr? 

Vor der Pandemie litten schon ein bedeutender Anteil an Kindern und Jugendlichen unter erheblichen psychischen Belastungen wie einer diagnostizierten psychischen Beeinträchtigung oder Angststörungen, Depressionen oder Verhaltensauffälligkeiten. Die Pandemie hat dies nochmals verstärkt. Aufgrund der landesweiten Lockdowns und der pandemiebedingten Einschränkungen haben Kinder prägende Abschnitte ihres Lebens ohne ihre Großeltern oder andere Angehörige, Freunde, Klassenzimmer und Spielmöglichkeiten verbracht. Dies sind Schlüsselelemente einer jeden Kindheit! Die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sind gravierend. Gleichzeitig sind sie nur die Spitze des Eisbergs, denn bereits vor der Pandemie litten viel zu viele Kinder an psychischen Belastungen, die unberücksichtigt blieben. Viele Beziehungen blieben auf der Strecke. Für viele Kinder und Jugendliche ist es schwierig alte Beziehungen wieder aufzubauen oder neue Beziehungen einzugehen. Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich einsam.
Diagnostizierte psychische Störungen wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörungen), Angstzustände, Autismus, bipolare Störungen, Verhaltensstörungen, Depressionen, Essstörungen und Schizophrenie können schwere Folgen für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Sie können auch ihre Lernmöglichkeiten und ihre Fähigkeit, ihr Potenzial zu verwirklichen, beeinträchtigen. Auch ein geringeres Einkommen im Berufsleben kann die Folge sein.

Sollten Kinder und Jugendliche selbst entscheiden können – ohne Zustimmung der Eltern – ob sie eine Therapie brauchen? Warum ist das besonders für stationär untergebrachte Kinder unter 15 Jahren ein relevantes Thema? 

Aus meiner Sicht ist der persönliche Preis, den die betroffenen Kinder und Jugendlichen zahlen, wenn sie keinen Zugang zu Therapiemöglichkeiten haben, nicht zu beziffern. Das Kindeswohl und der Kindeswille sollten hier im Fokus stehen. Die Förderung der psychischen Gesundheit junger Menschen ist kein Luxus, sondern ein wichtiger Beitrag für ihr Wohlbefinden, ihre Entwicklung und ihre Teilhabe am Leben in unserer Gesellschaft. Einen Durchhänger hat jeder einmal. Hin und wieder an sich zu zweifeln, gehört zum Erwachsenwerden dazu. Aber schwierige Phasen sollten nicht ewig dauern.

Gedanken und Gefühle, die einen ständig quälen, machen auf Dauer krank. Jugendliche sind oft skeptisch, wenn sie mit einem Erwachsenen über sich, ihre Gedanken und Gefühle reden sollen. Häufig können Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ihnen weiterhelfen. Sie hören zu. Sie sind wichtig, damit sich Jugendliche mitteilen und beraten lassen könne. Doch manchmal können auch sie nicht weiterhelfen. Dann kann eine Therapie ein Ausweg sein. Ein Psychotherapeut bzw. eine Psychotherapeutin ist so jemand. Sie kennen sich überdurchschnittlich gut mit komplizierten und ausweglosen Situationen aus. Sie kennen sich damit aus, wie man sich fühlen kann, wenn man nicht weiterweiß, enttäuscht oder nicht anerkannt wird. Das Gespräch mit einem Psychotherapeuten bzw. einer Psychotherapeutin ist vertraulich. Durch die Gespräche lernt ein junger Mensch, was für ihn nicht mehr zum Aushalten ist, was schiefläuft und was sich ändern sollte. 

Welche psychischen Belastungen begleiten stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche?

Ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren beeinflusst die mentale Gesundheit von Kindern. Dazu zählen genetische Faktoren, Erfahrungen in der frühen Kindheit, der Umgang und die Erziehung in der Familie, Erfahrungen in der Schule sowie zwischenmenschliche Beziehungen. Belastungen durch Gewalt oder Missbrauch, Diskriminierung, Armut, humanitäre Krisen und gesundheitliche Notlagen wie die Covid-19-Pandemie wirken sich stark auf die psychische Gesundheit aus.

Schutzfaktoren wie liebevolle Bezugspersonen, ein sicheres schulisches Umfeld und positive Beziehungen zu Gleichaltrigen können hingegen dazu beitragen, das Risiko psychischer Beeinträchtigungen und Störungen zu verringern. Allerdings erschweren Vorurteile und Stigmatisierung sowie mangelnde öffentliche Finanzierung von entsprechenden Hilfsangeboten, dass Kinder und Jugendliche die Förderung und Unterstützung erhalten, die sie benötigen.
Dinc Sacik arbeitet als Sozialpädagoge in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe von SOS-Kinderdorf Hamburg. Er begleitet Jugendliche in ihrem Alltag, unterstützt sie auf dem Weg in ein selbstständiges Leben und hilft Familien bei Erziehungsfragen oder familiären Problemen.

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