„Es ist keine Seltenheit, dass Kinder und Jugendliche auf bis zu zehn Wartelisten stehen“

In ihrer Arbeit als Sozialpädagogin nimmt Nelly Kevlishvili eine Veränderung der psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen wahr. Besonders stationär untergebrachte Kinder und Jugendlichen müssen sich mit vielen Themen aus dem Elternhaus auseinandersetzen. Suchen Sie psychologische Unterstützung, bleibt diese aufgrund der langen Wartezeiten aus.

Wie hat sich das Thema mentale Gesundheit bei den von Ihnen betreuten Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren entwickelt?

Der Unterstützungsbedarf bei dem Thema mentale Gesundheit ist bei den von uns betreuten Jugendlichen gleichgeblieben. Auch wenn wir keinen Anstieg von Erkrankungen feststellen können, haben sich die Bedarfe inhaltlich verändert. Bei den Kindern nehmen wir eine Zunahme von multiplen Auffälligkeiten und meist auch einhergehend mit therapeutischem Bedarf wahr. Wir sprechen in diesem Bereich von sozial-emotionalen Störungen, Dissoziationen aber auch von Aggression und sexuell grenzüberschreitenden Verhalten. Jugendliche bleiben vermehrt der Schule fern und sind orientierungslos. Dies geht einher mit depressiven Zügen, Rückzug, Persönlichkeitsstörungen und oft auch selbstverletzendem Verhalten.

Gerade in Lebensphasen nach Fluchterfahrung, Vernachlässigung oder auch in der sexuellen Findungsphase stoßen die Jugendlichen sowohl in ihrem Ursprungsfamilien, als auch im psychologischen und medizinischen Bereich auf unzureichende Unterstützung. Oft nehmen wir die Jugendlichen erst spät in unseren stationären Angeboten auf und es bedarf dann in der täglichen Arbeit sehr viel Geduld, Beziehungsarbeit und Verständnis. Eine zusätzliche Herausforderung im Alltag, sowohl bei den Kindern und auch den Jugendlichen, ist dann die Zusammenarbeit mit externen Helfersystemen. Stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche stehen vor der Herausforderung, dass sie sich mit den vielen Themen aus ihrem Elternhaus auseinandersetzen müssen. Haben Sie dann Vertrauen gefasst und fordern psychologische Hilfe ein, bleibt diese wegen der langen Wartezeiten oft aus.

Welche Veränderungen nehmen Sie wahr?

Es gibt erschreckend wenige Therapieplätze – sowohl ambulant als auch stationär. Aktuell bleiben beispielsweise sieben von neun Bewohnern aus einer der Jugendwohngruppen regelmäßig der Schule fern. Die Jugendlichen sind teilweise komplett orientierungslos, haben oft keine Zukunftsvisionen und auch keinen eigenen Antrieb, um etwas zu verändern und zu bewegen. Dadurch, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrien nicht therapeutisch arbeiten und auf die niedergelassenen Therapeuten verweisen, bleibt bei den Jugendlichen mit hoher Therapiebereitschaft die Hilfe oft sehr lange aus. Es sind einfach zu wenige Therapeuten da – die Wartelisten gehen teilweise weit über ein halbes Jahr hinaus. Dass Kinder und Jugendliche auf bis zu zehn Wartelisten stehen, ist keine Seltenheit.
Auch das Thema Transgender wird noch nicht ausreichend aufgefangen. Es gibt zu wenige Therapeuten, die sich in der Materie auskennen. Wir haben schon die Erfahrung machen müssen, dass die Therapeuten ohne Einverständnis der Eltern oder Sorgeberechtigten die Jugendlichen nicht mal mit ihrem Wunschpronomen ansprechen. Da muss deutlich mehr passieren – diese Erfahrungen führen dazu, dass die Kinder und Jugendlichen mit dieser Thematik noch weiter verunsichert werden.

Sollten Kinder und Jugendliche selbst entscheiden können – ohne Zustimmung der Eltern – ob sie eine Therapie brauchen? Warum ist das besonders für stationär untergebrachte Kinder unter 15 Jahren ein relevantes Thema?

Ja, das sollten sie auf jeden Fall. Wichtig ist dabei, dass es vorab eine therapeutische Abklärung dazu gibt. Wir erleben oft, dass auch schon sehr junge Kinder wissen, dass sie Hilfe und Unterstützung benötigen. Viele Kinder und Jugendliche fordern diese Unterstützung deutlich ein.
Für die Jugendhilfe ist es ein besonders relevantes Thema, weil die Ursprungsfamilien manchmal sehr schlecht zu erreichen sind und oder auch eine zusätzliche Belastung für das Kind oder den Jugendlichen darstellen. Die Erlebnisse aus dem Elternhaus sind oft die Ursache für den Hilfebedarf und die Erfahrungen tragen nicht wirklich zu einer freien Entscheidung bei. Ich möchte aber erwähnen, dass es auch Ausnahmen gibt.

Welche psychischen Belastungen begleiten stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche?

Stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche leiden häufig unter Trennungsängsten, Ängsten im Allgemeinen, sozial-emotionale Störungen, grenzüberschreitendem Verhalten, Distanzlosigkeit, Entwicklungsverzögerungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Und wie oben beschrieben, nehmen depressive Züge und Schulabsentismus zu.
Nelly Kevlishvili ist seit 10 Jahren als Sozialpädagogin bei SOS-Kinderdorf Wilhelmshaven-Friesland tätig. Dort hat sie lange Zeit im ambulanten Team gearbeitet und unterschiedliche Wohngruppen betreut. Seit Mai 2022 ist sie als pädagogische Bereichsleitung für den stationären Bereich und die Integrationsgruppen von Grundschulkindern verantwortlich. In ihrer Freizeit verbringt sie gerne Zeit mit ihren Vierbeinern: zwei Hunde und zwei Katzen.

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