Depressionen, Essstörungen und Ängste nehmen zu

Hannah Landeck arbeitet als Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin in mehreren Praxen für Kinder und Jugendliche in Starnberg und Herrsching in Bayern. Zuvor begleitete sie einige Jahre suchtkranke Kinder und Jugendliche in der geschützten Station der Heckscher Klinik München.

Wie hat sich die Therapiesituation für Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren entwickelt?

Der Therapiebedarf bei Kindern und Jugendlichen steigt seit der Pandemie stetig an. Das merken wir jeden Tag. Die Pandemie, viel Stress, abbauende soziale Strukturen: Das alles addiert sich und lässt den Bedarf steigen. Dadurch wird auch schon wesentlich mehr über psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit gesprochen als vorher. Die Schwierigkeit liegt aber vor allem darin, dass die Wartezeiten mit bis zu sechs Monaten aktuell sehr lang sind. Die Bedarfsplanung für diese Therapieplätze wurde seit vielen Jahren nicht mehr überdacht und angepasst. Dadurch ergibt sich ein Effekt der Übersättigung: Immer mehr Menschen suchen sich Hilfe, weshalb die wenigen vorhandenen Plätze mit steigendem Bedarf natürlich schneller besetzt sind. Die Kapazitäten sind aktuell sehr begrenzt.

Sollten Kinder und Jugendliche selbst entscheiden können – ohne Zustimmung der Eltern – ob sie eine Therapie brauchen?

Das finde ich prinzipiell gut. Insbesondere wenn die Probleme oder Symptome vielleicht auch mit den Eltern eng zusammenhängen. Das sehen wir immer wieder. In diesem Fall befinden sich die Kinder und Jugendlichen in einer Zwickmühle: Sie möchten sich von den Eltern zurückziehen und ihre Probleme mit einem Experten besprechen. Doch der Beginn einer Therapie geht nur mit Zustimmung der Eltern oder erst ab dem 16. Lebensjahr. Wenn es einen familiären Konflikt gibt, ist die selbstbestimmte Entscheidung für die Kinder und Jugendlichen sogar noch wichtiger. Da die Therapie der Schweigepflicht unterliegt, müssen sie nicht befürchten, dass ihre Eltern über die besprochenen Themen informiert werden. Ich muss die Schweigepflicht nur brechen, wenn es um Selbst- oder Fremdgefährdung geht.

Wie schwierig ist es zurzeit für Kinder und Jugendliche einen Therapieplatz zu finden?

Es ist aktuell leider überhaupt nicht leicht. Wir reden hier von Wartezeiten zwischen drei bis sechs Monaten. Allerdings trat eine Reform in Kraft für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die verpflichtend Sprechstunden anbieten müssen. Das ist zwar noch keine reine Psychotherapie, aber diese Stunden können dafür genutzt werden zumindest die aktuellen persönlichen Probleme zu schildern. Dann kann zusammen mit dem Therapeuten angeschaut werden, ob die Probleme überhaupt therapiebedürftig sind. Diese Sprechstunden bieten zumindest die Gelegenheit zum ersten Mal mit einer Fachperson in den Austausch zu treten. Es gibt noch die Möglichkeit der Akutbehandlung. Das ist der Fall, wenn sich in der Sprechstunde herauskristallisiert, dass die Probleme dringend akut behandelt werden müssen. Aber für die eigentliche Psychotherapie mit Antrag haben wir aktuell leider sehr lange Wartezeiten.

Mit welchen besonderen Herausforderungen sehen Sie sich bei geflüchteten Kindern konfrontiert?

Da gibt es zunächst mal die sprachliche Barriere. Das Hinzuziehen eines Dolmetschers ist leider schwierig. Hierfür existieren auch keine Regelungen. Dabei wäre es sehr wünschenswert, weil es doch oft um sehr emotionale Themen geht und die Muttersprache eine sehr große Rolle in der direkten Kommunikation spielt. Eine andere Hürde ist die fehlende Aufenthaltsgenehmigung. Da befinden wir uns oft in einem komplexen rechtlichen Kontext, der uns den Start in eine Therapie sehr erschwert. Dabei haben die betroffenen Kinder und Jugendlichen einen enormen Redebedarf. Sie haben sehr viel erlebt und sind oft traumatisiert. Parallel dazu steht die Frage im Raum, wer diese Therapieansprüche finanziert. Da muss viel mehr Vernetzungsarbeit passieren.

Was kann man als Kind und Jugendlicher machen, wenn man auf die Warteliste kommt?

Jede Psychotherapeutin und jeder Psychotherapeut ist dazu verpflichtet, eine Sprechstunde anzubieten. Das können zehn Sprechstunden mit jeweils 25 Minuten oder fünf Sprechstunden zu jeweils 50 Minuten sein. In diesen Sprechstunden werden dann erstmal die Probleme analysiert. Diese ersten Stunden sind sehr wichtig für die Patienten aber auch für die Therapeuten, denn anhand der erarbeiteten Erkenntnisse und Ergebnisse können dann die nächsten Schritte festgelegt werden. Es gibt auch alternative Therapiemöglichkeiten, die sozusagen als Erste-Hilfe-Lösung direkt in Frage kommen können: Die Kassenärztliche Vereinigung bietet auf Webseiten die Möglichkeit anhand des eigenen Wohnorts die nächsten Therapeuten ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Auch Beratungslehrer und Schulpsychologen haben immer weiterführende Kontakte. Das anonyme Gespräch mit Experten bei der „Nummer gegen Kummer“ kann auch eine schnelle Hilfe sein.

Mit welchen Themen kommen Kinder und Jugendliche denn zu Ihnen?

Die Themen sind sehr vielseitig. Was mir auffällt, ist, dass Ängste in allen möglichen Bereichen zunehmen. Soziale Ängste haben durch die Pandemie stark zugenommen, vor allem die Homeschooling-Phase hat dazu beigetragen. Dadurch finden jetzt viele Kinder und Jugendliche nur schwer in den „normalen“ Alltag zurück. Weitere Krankheitsbilder, die zunehmen, sind Depressionen, Essstörungen und die Angst sich mit dem Coronavirus und anderen Krankheiten zu infizieren. Generell ist die Zunahme von Zwangserkrankungen seit der Pandemie zu beobachten. Die Themen in meinen Therapiesitzungen sind vielseitig: Es gibt Jugendliche, die ein traumatisches Erlebnis hatten oder insgesamt sehr viel Stress in den verschiedensten Lebensbereichen erfahren haben.
Hannah Landeck arbeitet als Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin in mehreren Praxen für Kinder und Jugendliche in Starnberg und Herrsching in Bayern. Sie startet in 2024 voraussichtlich mit einer eigenen Praxis.

Erfahren Sie mehr über die Petition