Familiale Betreuungssettings erproben
SOS-Evaluationsprojekt Familiale Betreuung
Wie lässt sich familiale Betreuung in verschiedenen Settings pädagogisch umsetzen und im Alltag leben? Welche Rahmenbedingungen sind dafür erforderlich? Familiale Betreuung ist ein Kernangebot von SOS-Kinderdorf und die Frage nach der Zukunftsfähigkeit dieses Angebots von großer Bedeutung ─ auch, was die Vielfalt der Kinderdorffamilien betrifft. Das Ressort Pädagogik des SOS-Kinderdorfvereins hat daher das Evaluationsprojekt „Entwicklung und Evaluation Familialer Betreuung in verschiedenen Wohnformen“ aufgesetzt.  

Was ist Familiale Betreuung?

Familiale Betreuungssettings zeichnen sich durch eine besondere Nähe im alltäglichen Miteinander und Zusammenleben der Fachkräfte und jungen Menschen aus. Insbesondere jüngeren Kindern, die mittel- bis langfristig nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können, sollen familiale Unterbringungsformen ein sicheres Zuhause und gute Orte für ihr Aufwachsen sein. Die Fachkräfte übernehmen in diesem Setting familiale Funktionen und fördern die Kinder in allen Lebensbereichen. Zugleich halten sie verlässlich Kontakt zu den Herkunftsfamilien der jungen Menschen. 

Familialität in verschiedenen Betreuungssettings erproben 

Die Relevanz des Themas ergibt sich auch aus der Entwicklung der stationären Erziehungshilfe: Die Anfragen nach Plätzen für junge Kinder sind gleichbleibend hoch, jedoch fehlen speziell für sie entsprechende Angebotsformen. Das Projekt setzt somit am aktuellen Bedarf der Praxis nach einer Ausdifferenzierung des Angebots Familiale Betreuung an – in der Jugendhilfe insgesamt wie auch bei SOS-Kinderdorf. Es ermöglicht die modellhafte Erprobung von Familialität in drei verschiedenen Betreuungssettings.  

Doing Family: die fachliche Basis

Als fachlicher Reflexions- und Handlungsrahmen liegt dem Forschungsprojekt der familiensoziologische Ansatz des „Doing Family“ (vgl. Jurczyk 2014) zugrunde. Diesem Konzept folgend wird Familie nicht als gegeben betrachtet, sondern als ein prozesshaftes Geschehen verstanden. Denn Familie wird im Alltag immer wieder durch bestimmte Praktiken und Aktivitäten, konkrete Handlungen oder Routinen von allen Beteiligten gemeinsam hergestellt. Darüber hinaus dient der Ansatz den Fachkräften dazu, das eigene pädagogische Handeln systematisch zu reflektieren.
Das Evaluationsprojekt nimmt in den Blick, wie die beteiligten Personen im pädagogischen Alltag gemeinsam Familialität herstellen. Es beschreibt, welche familialen Funktionen im Arrangement Kinderdorffamilie oder in einer Familialen Wohngruppe (vorübergehend) übernommen werden können und wie dies geschieht.

Grundlagen und zentrale Fragestellungen

Das SOS-Verbundprojekt zeichnet sich durch die enge Verzahnung von einrichtungsinterner Erprobung in den Kinderdörfern, fachlicher Begleitung durch die Qualitätsentwicklung von SOS-Kinderdorf sowie der Evaluation der sozialpädagogischen Praxis aus.
Die reflektierte Erfahrung der mitwirkenden Einrichtungen, die Erkenntnisse aus dem fachlichen Austausch sowie die Ergebnisse aus der Praxisforschung tragen auch zur Weiterentwicklung der Familialen Angebote des Vereins bei. Im Fokus stehen diese Fragestellungen: 
  • Wie lässt sich Familialität in verschiedenen Wohnformen herstellen? (Prozessqualität) 
  • Welche Rahmenbedingungen sind dafür förderlich? (Strukturqualität) 
  • Wie erleben Kinder und Jugendliche Familialität in ihrem Alltag? (Ergebnisqualität mit Blick auf die verschiedenen Dimensionen von Doing Family) 
  • Wie erleben die Fachkräfte die Umsetzung von Familialität mit Blick auf die Herkunftsfamilie?
  • In welchem Verhältnis stehen Familiale Betreuung und Kinderschutz zueinander?

Durchführung des Verbundprojekts

In den oben skizzierten Teilprojekten werden verschiedene Settings der familialen Betreuung erprobt, fachlich begleitet und evaluiert. Daran beteiligt sind sowohl die Fachkräfte als auch die Kinder und Jugendlichen, die dort leben.

Fachliche Begleitung der Teilprojekte

Die fachliche Begleitung führt das Referat Angebots- und Qualitätsentwicklung von SOS-Kinderdorf e.V. durch. Dadurch sollen rechtzeitig Herausforderungen bei der Erprobung erkannt und passgenaue Unterstützung angeboten werden. Zugleich werden fachliche Grundsätze vermittelt, die für die pädagogische Qualität und gelingende Familialität in den Kinderdorffamilien wichtig sind. Bausteine der fachlichen Begleitung sind u.a.:
  • Einrichtungsübergreifende Workshops und digitale Austauschformate
  • Eine begleitende Beratung der einzelnen Einrichtungen und Unterstützung bei der Reflexion und Weiterentwicklung der strukturellen Rahmenbedingungen und der familialen Prozesse 
  • Entwicklung von Materialien zu Doing Family während der Projektlaufzeit 

Systematische Auswertung der Teilprojekte

Die Evaluierung der Teilprojekte erfolgt durch das
Sozialpädagogische Institut (SPI)
von SOS-Kinderdorf e.V. und das
Neukirchner Jugendhilfe Institut
(Prof. Dirk Nüsken, Evang. Hochschule Bochum). Dabei kommen folgende Erhebungsmethoden zum Einsatz:
  • Leitfadengestützte Interviews mit Fach- und Leitungskräften
  • Gruppendiskussionen mit Fachkräften 
  • Phasen teilnehmender Beobachtung in den unterschiedlichen Settings
  • Gruppenbefragungen mit Kindern und Jugendlichen (teilweise)
In der Evaluation wird die Umsetzung der Familialen Betreuung untersucht: Es wird in den Blick genommen, wie Familialität hergestellt wird und ob die Rahmenbedingungen der Angebote passend sind.
In den einrichtungsübergreifenden Workshops im Rahmen der fachlichen Begleitung werden die jeweiligen Zwischenergebnisse der Evaluation den Fachkräften zurückgespielt und mit ihnen diskutiert. Auf dieser Grundlage können die Konzepte der familialen Betreuung entsprechend weiterentwickelt werden.

Familiale Betreuung: Rahmenbedingungen für Fachkräfte notwendig

Öffentliche Erziehung in familialer Atmosphäre zu gestalten, stellt hohe Anforderungen an das professionelle Handeln der Mitarbeitenden. Deshalb muss sichergestellt werden, dass das Leben und Arbeiten in der familialen Betreuung für die Fachkräfte nicht zu einer andauernden Überforderungssituation wird. Hierfür sind förderliche Rahmenbedingungen und verbindliche Standards notwendig.
  • Die Mitarbeitenden brauchen eine entsprechende Qualifizierung, fachliche Unterstützung durch Leitungskräfte und Fachdienste sowie ausreichend Raum für kollegialen Austausch und Supervision.
  • Angemessene Anstellungsbedingungen und eine bedarfsgerechte personelle Ausstattung sorgen für Entlastung in einem intensiven Betreuungsalltag und machen individuelle Auszeiten möglich, die es zum Kraftschöpfen braucht. 
Nur mit entsprechenden Rahmenbedingungen kann gewährleistet werden, dass es jungen Menschen in der familialen Betreuung gut geht und damit auch der Kinderschutz jederzeit sichergestellt wird.

Den Kinderschutz sicherstellen

Aufgrund des Personalschlüssels und der größeren Privatheit haben familiale Modelle ein grundsätzlich höheres Risiko als andere stationäre Betreuungsformen, zu einem geschlossenen System zu werden. Die für das Aufwachsen von Kindern förderlichen Bedingungen in familialen Settings, wie konstante Bezugspersonen, Überschaubarkeit und Kontinuität, müssen flankiert werden durch Schutzmaßnahmen, die die Unversehrtheit der betreuten Kinder sicherstellen. Daher gehört neben der fachlichen Begleitung sowie der Reflexionsbereitschaft von Fachkräften ein systematisiertes Kinderschutzsystem zur Basis des pädagogischen Alltags. Dazu zählen insbesondere kindgerechte Beteiligungsformen und Beschwerdemöglichkeiten.
Als Träger der Jugendhilfe trägt SOS-Kinderdorf dafür Verantwortung, dass die fachlichen Standards der Kinder- und Jugendhilfe erfüllt werden. Hierzu zählt auch die Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie.
Quellen: 
Jurczyk, Karin/Lange, Andreas/Thiessen, Barbara (Hrsg.) (2014): Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist

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Ihre Ansprechpartnerin

SOS-Kinderdorf e.V.
Ressort Pädagogik
Sozialpädagogisches Institut (SPI)
Dr. Kristin Teuber
Projektleitung
kristin.teuber@sos-kinderdorf.de