Aus aktuellem Anlass: Zum Abschlussbericht der Unabhängigen Aufarbeitungskommission
Jede pädagogische Fachkraft kann in Überforderungssituationen geraten und an eigene Grenzen stoßen. Ein hohes Arbeitsvolumen, steigende Fallzahlen, die Arbeit mit psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen und mit hoch belasteten Familien stellen große Anforderungen an die Mitarbeiter*innen.
Mit Veranstaltungen rund um das Thema Kinderschutz möchte der SOS-Kinderdorfverein Pädagog*innen sensibilisieren und ihnen Handlungssicherheit geben. Mit diesem Ziel bietet das Referat "Angebots- und Qualitätsentwicklung" im Ressort Pädagogik jährlich die Tagung "Umgang mit Überforderung und Grenzüberschreitungen in der pädagogischen Arbeit" an. Björn van den Bruck von den SOS-Kinder- und Jugendhilfen Düsseldorf hat daran teilgenommen. Seit 2010 ist der Diplompädagoge dort in den ambulanten flexiblen Hilfen tätig. Ein persönliches Resümee.
Wie häufig gelangen Sie im Arbeitsalltag an Grenzen?
Ich würde sagen: fast täglich. Man lernt, damit umzugehen, man lernt Strategien, aber in diesem Arbeitsfeld stößt man recht häufig an Grenzen.
Welche Inhalte und Methoden der Tagung haben Sie als hilfreich empfunden?
Ich finde es wertvoll, sich in einem geschützten Rahmen mit Kolleg*innen aus anderen Einrichtungen über ganz ähnliche Probleme austauschen zu können. Hilfreich war es auch, Methoden wie die kollegiale Fallberatung einmal exemplarisch durchzuführen und intensiv einzuüben. Mir gibt es sehr viel Sicherheit, Methoden an die Hand zu bekommen, um meine Arbeit fachlich zu qualifizieren – sei es das Konzept des „sicheren Ortes“ oder auch die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Übertragung: Was macht die Arbeit mit hoch belasteten Systemen mit mir, wie reflektiert muss ich da rangehen, wie kann ich mich selbst schützen? Das ist absolut wichtig.
Welche neuen Erfahrungen haben Sie auf der Veranstaltung gemacht?
Durch diese intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt war ich an einem Abend richtig erschlagen. Es ist ein anstrengender Prozess, sich immer wieder bewusst zu machen, dass man die Arbeit „lebt“, seine Fälle „lebt“; sich zu fragen, warum man sich gerade so und so fühlt, welche Situation das ausgelöst hat. Es erfordert eine große Ehrlichkeit und Offenheit sich selbst und auch den anderen gegenüber, immer wieder in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: „Wo stehe ich, was fühle ich, was sind meine Anteile daran, wo findet Gegenübertragung statt?“ Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen, und auf der Tagung gab es dafür viel Raum.
Was hat Ihnen auf der Tagung das Vertrauen gegeben, so offen über diese persönlichen Erfahrungen sprechen zu können?
Etwas ganz Besonderes war die Doppel-Seminarleitung, die sehr umsichtig mit diesen heiklen Themen umgegangen ist und immer wieder bewusst gemacht hat: „Dies ist ein geschützter Rahmen, es wird nichts nach außen oder auf die Führungsebene getragen, darüber muss sich niemand Sorgen machen. Hier kann man sich einfach auf etwas Neues einlassen.“ Wertvoll war auch, dass die Referent*innen immer wieder geschaut haben: „Wo stehen die Teilnehmer*innen, sind sie bereit für den nächsten Schritt, brodelt es in jemandem, braucht er oder sie noch ein bisschen mehr Unterstützung oder können wir zum nächsten Punkt übergehen?“ Die fachliche Begleitung durch eine externe Psychotherapeutin hat gerade auch in der intensiven Auseinandersetzung mit sehr persönlichen Themen eine große Sicherheit gegeben.
Welche Methoden konnten Sie im Anschluss in die Praxis übertragen?
Nach der Tagung haben wir die kollegiale Fallberatung als festen Bestandteil in unsere Teamsitzungen integriert. Alles andere lasse ich zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst in die Arbeit mit einfließen. Wann immer es möglich ist, nehme ich mir die Zeit, zu reflektieren, was die Situation, aus der ich komme, in mir ausgelöst hat und ob ich schon bereit bin, zum nächsten Klienten zu fahren; ob ich sicher genug bin in dem, was ich vorbereitet habe, oder darin, was ich gerade empfinde. Das gelingt natürlich noch nicht hundertprozentig, aber das mache ich mir viel klarer als vorher. Dieser Bewusstseinsprozess hat eingesetzt und hält auch noch an.
Haben Sie seit der Tagung Krisensituationen erlebt, in denen Sie an Grenzen gekommen sind?
In einem Fall habe ich mit zwei Brüdern außerhalb der Familie Zeit verbracht, und sie sind über ein Spiel aneinander geraten. Das Ganze ist so eskaliert, dass ich den einen richtig festhalten musste, damit er nicht auf seinen Bruder losgeht. Natürlich musste ich handeln und schützen, das war in dem Moment auch meine Pflicht. Aber für mich war das zugleich ein Nähe-Distanz-Problem. Ich habe gemerkt: Ich mache gerade etwas, womit ich mich selbst sehr unsicher fühle. Ich war mir nicht sicher, wie das ausgehen würde, musste aber handeln. Die Situation hat sich dann noch zugespitzt: Als ich den einen Jungen festhielt, ist er völlig ausgerastet und weggerannt. Ich war in dem Dilemma, einen der Jungen zurücklassen zu müssen. Den anderen konnte ich dann einholen, musste ihn aber noch einmal festhalten, damit er nicht weiter wegläuft und um Blickkontakt herzustellen.
In der Situation hatte ich das Gefühl, ich komme an meine Grenzen, und ich weiß auch nicht, wie ich das nächste Mal reagieren würde. Denn das ist immer situationsabhängig, man kann sich noch so gut davor schützen und fachlich darauf vorbereiten, in dem Moment muss man einfach handeln. Da muss man auch mal den Mut haben, innerhalb von Sekunden einer Bauchentscheidung zu folgen.
Welche Gedanken entstehen in solchen Momenten – oder auch im Nachhinein?
Ich habe mir noch lange Gedanken gemacht. Ich musste dazwischengehen, mein Gefühl hat mir in dem Moment gesagt: dieser Impuls ist richtig. Aber ob es der Königsweg war, weiß ich bis heute nicht. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob die Deeskalation nur durch das Festhalten möglich war.
Eine Unsicherheit tritt manchmal auch in Situationen auf, wenn es z.B. nicht eindeutig ist, ob meine Beobachtungen in einer Familie schon auf eine Kindeswohlgefährdung hindeuten. Wenn ich mich frage, ob ich diese Indizien mit einer Kinderschutzbeauftragten durchspielen sollte, oder ob ich Gespenster sehe. In solchen unklaren Fällen stößt man durchaus an seine Grenzen. Es gibt natürlich Kriterien, Checklisten und Handlungsleitlinien. Aber in dem Moment in der Familie ist man erstmal allein, muss mit diesen Gefühlen zurechtkommen und die nächsten Schritte abwägen.
Was brauchen Sie, um mit solchen Situationen gut umgehen zu können?
Was mir sehr hilft, ist das sichere Gefühl, dass ich ein Kollegium und einen Träger hinter mir habe, die mir vertrauen. Ich habe einen Rahmen, der mir Schutz gibt und in dem ich mich austauschen und fortbilden kann.
(Dezember 2013, letzte Aktualisierung Oktober 2024)
