Die Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V., Dr. Kristin Teuber, forscht mit ihrem Team und externen Partner*innen zu inklusiven Schutzkonzepten. Barbara Esser und Anne Malburg* haben mit ihr gesprochen.
Frau Dr. Teuber, das Projekt „Schutzinklusiv“ soll dazu beitragen, mehr Inklusion im Kinderschutz bei SOS zu etablieren. Stoßen Sie mit dem Thema auf offene Ohren?
Wir sind mit dem Projekt inzwischen auf einem guten Weg, aber es wird noch dauern, bis die Bedeutung des Themas in seiner ganzen Breite erkannt ist. Viele Mitarbeitende sind durch die Fachkräftesituation und die Pandemiefolgen bereits sehr gefordert – das hat Einfluss auf die Bereitschaft, sich mit neuen grundlegenden Themen zu befassen. Die Reaktionen sind daher unterschiedlich. Über Jahre hinweg hat der Begriff Integration die pädagogische Arbeit begleitet.
„Wir müssen uns gedanklich und emotional für Inklusion öffnen und überall Vielfaltskompetenz aufbauen.“
Auf welche Weise geht Inklusion darüber hinaus?
Würde man Integration schematisch darstellen, wäre zu sehen, wie sich eine kleinere Gruppe von Menschen in eine bestehende größere Gruppe einpasst. Inklusion dagegen bedeutet, dass jede Gruppe vollkommen gemischt ist: Im Kern geht es um die Annahme von jeglicher Vielfalt, die alle Menschen einschließt und sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben lässt. Wir müssen uns gedanklich und emotional für Inklusion öffnen und überall Vielfaltskompetenz aufbauen.
Sehen Sie da noch Wissens- oder Verständnislücken?
Neben rechtlichen Regelungen geht es vor allem um eine entsprechende innere Haltung – und da sehe ich tatsächlich noch Entwicklungspotenzial. Wir sind – als Einzelne wie als Gesellschaft – noch nicht umfassend bereit, alles in Richtung Inklusion zu denken und zu gestalten. Inklusion ist ein gesellschaftliches Projekt, das alle Lebensbereiche einbezieht. Essenziell ist dabei der Begriff der Teilhabe, also dass alle Menschen umfänglich an der Gesellschaft teilhaben können – unabhängig davon, ob sie eine Beeinträchtigung haben oder nicht.
Rechtliche Vorgaben gibt es bereits zum Teil.
Das stimmt. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt seit 2009 auch in Deutschland. Aber sie ist längst nicht so umgesetzt worden, wie es wünschenswert und notwendig ist, etwa in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt. Auch bei uns nicht. Nun soll die Jugendhilfe inklusiv werden. Im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz gibt es dazu bereits rechtliche Regelungen, etwa für die offene Jugendarbeit oder die Kita. Die Erziehungshilfen werden bald folgen. Für unseren Verein bedeutet das, dass wir in Zukunft mehr junge Menschen mit – auch stärkeren – Beeinträchtigungen betreuen werden. Die Frage ist: Wie gehen die Einrichtungen damit um, fachlich-konzeptionell und im pädagogischen Alltag.
Ketzerische Frage: Wir sind mit der Integration schon gut beschäftigt. Ist Inklusion nicht fast zu viel verlangt?
Natürlich verlangt Inklusion uns als Organisation sehr viel ab. Aber der Weg ist unumkehrbar, übrigens auch für Unternehmen. Bislang konnten sich Betriebe davon „freikaufen“, Menschen mit einer Behinderung anzustellen. Das ändert sich gerade: Bundestag und Bundesrat haben beschlossen, dass sich Unternehmen mehr für Mitarbeitende mit Behinderungen öffnen müssen. Der zunehmende Fachkräftemangel wird diese Entwicklung befördern. Allerdings brauchen Unternehmen dafür auch Unterstützung.
Können sie dabei auch von Institutionen wie SOS-Kinderdorf lernen?
Das glaube ich schon. An manchen Stellen kooperiert SOS-Kinderdorf bereits heute. Einige Einrichtungen stehen vor Ort mit Unternehmen in Kontakt, in denen junge Menschen, die in einer SOS-Einrichtung aufgewachsen sind oder dort eine Ausbildung gemacht haben, arbeiten können. Und es gibt schon einige Beispiele, wie Inklusion am Arbeitsplatz gelingen kann. Fachkräfte mit Behinderung einzustellen, bedeutet allerdings ein Umdenken. Im Vordergrund steht dann die Frage: Was braucht dieser Mensch, um bei uns berufstätig zu sein? Und nicht: Was habe ich anzubieten und wer passt dazu? Schubladendenken funktioniert nicht, wenn wir inklusiv werden wollen.
„Wir alle haben diese Schranken im Kopf. Das gilt es zu reflektieren.“
Dieses Umdenken betrifft uns alle?
Auf jeden Fall. Eine inklusive Praxis kann nur eine reflexive Praxis sein. Sie funktioniert nur, wenn wir uns immer wieder selbst hinterfragen: Wo bin ich mit meinem Denken und Handeln begrenzend oder ausschließend und wo mache ich selbst Zuschreibungen, auch ungewollt? Was traue ich einem Menschen mit einer Behinderung zu – und bin ich dabei vielleicht zu vorschnell mit meinen Bewertungen? Wir alle haben diese Schranken im Kopf. Auch die gängige Zuschreibung qua Diagnostik trägt dazu bei.
Aber ganz ohne Diagnostik geht es auch nicht, oder?
Das ist ein Dilemma. Nehmen wir als Beispiel die Diagnose einer geistigen Behinderung. Da wird die Grenze bei einem IQ von 70 gesetzt: Ab einem IQ von 69 gilt eine Person als geistig behindert. Dieser Wert markiert eine Grenze, aus der dann eine Zuschreibung folgt. Manchmal ist so eine Diagnostik wichtig, zum Beispiel um Hilfen bewilligt zu bekommen. Aber eigentlich müssen wir davon wegkommen und stattdessen schauen, welche Beeinträchtigungen sich aus einer Behinderung ergeben. Voreilige Zuschreibungen grenzen aus, statt zu inkludieren. Die Behindertenbewegung hat es auf den Punkt gebracht: „Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ Das Projekt „Schutzinklusiv“ soll dieses veränderte Verständnis fördern.
Erzählen Sie uns etwas dazu?
Im Projekt „Schutzinklusiv“ ist SOS-Kinderdorf sowohl Praxis- als auch Forschungspartner. Wir entwickeln und erproben gemeinsam mit weiteren Partnern ein inklusives Rahmenschutzkonzept für die stationären Erziehungshilfen. Die Universität Münster widmet sich dem Thema, wie Nähe und Distanz im pädagogischen Alltag geregelt werden und welche Risiken und Potenziale sich daraus ergeben. Fünf SOS-Einrichtungen erproben ein Präventionsprogramm gegen sexuelle Gewalt, das für inklusive Gruppen weiterentwickelt wurde. Dabei geht es um Kommunikation über Sexualität, um ungewollte Berührungen, gute und schlechte Geheimnisse und vieles mehr. Das Programm soll auch die Bereitschaft junger Menschen fördern, sich mitzuteilen, wenn sie bereits Übergriffe erlebt haben. Das Deutsche Jugendinstitut schaut in der Begleitforschung nach den Effekten dieses Programms. Rechtliche Aspekte im inklusiven Kinderschutz analysiert das International Centre for Socio-Legal Studies.
Und die Aufgabe des SPI dabei?
Wir wollen herausfinden, was die Gelingensbedingungen für die Durchführung des Präventionsprogramms sind. Wie ist die Praxis damit zurechtgekommen? Das Referat Angebots- und Qualitätsentwicklung übernimmt die fachliche Begleitung der Beteiligten in den fünf SOS-Einrichtungen und unterstützt sie bei der Umsetzung. Gemeinsam betrachten wir organisationale Lernprozesse auf dem Weg zu inklusiven Schutzkonzepten. Die Erfahrungen und Ergebnisse werden in die Weiterentwicklung einfließen, damit junge Menschen mit Behinderung ausreichend Schutz in den stationären Hilfen finden und die Praxis mehr Handlungssicherheit im pädagogischen Alltag gewinnt.
Fließen auch die Stimmen von Kindern und Jugendlichen mit ein?
Ja, das ist uns wichtig. Das Deutsche Jugendinstitut zum Beispiel befragt die Kinder und Jugendlichen in den teilnehmenden Einrichtungen dazu, ob sich durch den Präventionskurs etwas verändert hat. Auch zu Verfahrenswegen wurden Jugendliche interviewt. Wir wollen diese Perspektiven ganz bewusst einbeziehen.
Wann werden die endgültigen Ergebnisse vorliegen?
Ende 2024. Dann können wir Genaueres sagen und erste Empfehlungen für den Kinderschutz in einer inklusiven Praxis geben. In jedem Fall sollen die Erkenntnisse am Ende der gesamten stationären Erziehungshilfe zur Verfügung stehen: Wir werden sie auch in die Fachöffentlichkeit tragen.
Gibt es eines Tages Inklusionsfachkräfte im Verein, so wie heute schon die Kinderschutzfachkräfte?
Ich finde es überlegenswert, zumindest für die ersten Jahre – auf Trägerebene wie auch in Einrichtungen. Dass einige dafür Sorge tragen, das Thema im Bewusstsein, im Handeln und in den Strukturen sukzessive zu verankern, halte ich für hilfreich.
Was wäre eine Unterstützung für die Praxis?
Inklusion lässt sich nur in multiprofessionellen Teams umsetzen, die ihr Wissen und ihre Kompetenz aus verschiedenen Arbeitsfeldern zusammenbringen. Fachkräfte in der Jugendhilfe sind zum Beispiel nicht im pflegerischen Bereich ausgebildet. Diese Expertise müssen wir also mit reinholen. Die Entwicklung verlangt viel Reflexion, Austausch, Unterstützung und Qualifizierung. Inklusion ist kein Selbstläufer. Wir müssen uns von dem Anspruch befreien, alles perfekt zu können. Es wird lange dauern, bis wir sagen können, dass die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe wirklich inklusiv ist.
„Eine inklusive Praxis ist für alle sehr bereichernd. Davon bin ich trotz aller Herausforderungen fest überzeugt.“
Was gewinnen wir als Institution und als Gesellschaft dabei?
Eine inklusive Praxis ist für alle sehr bereichernd – davon bin ich trotz aller Herausforderungen fest überzeugt. Auch aus persönlicher Erfahrung: Meine älteste Schwester war schwer geistig behindert. Das war manchmal schwierig und für mich als Kind unangenehm, aber es hat unsere Familie sehr verbunden. Viel von dem, was mich ausmacht, hat damit zu tun, dass es sie in meinem Leben gab. Sie war eine von uns. Ich glaube, wir würden alle davon profitieren, wenn wir inklusiver leben und arbeiten würden.
