Interview - Rüdiger Kötter

Sie starten neu in einer sensiblen Schlüsselposition. Welche Haltung ist für Sie im Kinderschutz unverzichtbar?
Einerseits eine aktive verantwortungsbewusste kindzentrierte und reflektierte Grundhaltung, die nicht wegschaut, sondern hinsieht und handelt. Das bedeutet die Kombination aus innerer Einstellung, fachlicher Verantwortung und ethischem Handeln. Respekt gegenüber Kindern und Jugendlichen. Die Selbstverständlichkeit eines aktiven Hinschauens, Handeln und einer Verantwortungsübernahme, die sich in der Arbeit, in der Kinder- und Jugendhilfe konsequent durchziehen muss. Grenzen akzeptieren, eigene Grenzen benennen. Professionelle Distanz und eigene Reflexionsfähigkeit sind unentbehrlich in unserer Arbeit.
Sie beraten Fachkräfte und begleiten Kinderschutzprozesse. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig im Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen?
Für mich ist eine Haltung die Sicherheit, Transparenz und Zusammenarbeit fördert essenziell. Damit einhergehend ist ein wertschätzender und respektvoller Umgang sowie eine klare Struktur unverzichtbar. Das bedeutet unter anderem: Keine Verantwortungsübergabe und „sich damit aus einer vermeintlich schwierigen Situation bringen wollen“, sondern eine gemeinsame Verantwortung und ein „Wir“ im SOS Kinderdorf schaffen. Wir sind eine Verantwortungsgemeinschaft. Entscheidungen werden transparent und gemeinsam getragen, um Sicherheit zu gewährleisten. Natürlich muss sich da auch jemand sprichwörtlich den „Hut“ aufsetzen. Je sicherer sich allerdings alle Mitarbeitenden im SOS Kinderdorf fühlen und je transparenter die Schritte, die gegangen werden müssen, umso sicherer werden wir alle auch beim Aufsetzen des „Verantwortungshutes“, um Entscheidungen zusammen zu gestalten. Ein professioneller Umgang im Kinderschutz gelingt dann gut, wenn Fachkräfte sich sicher fühlen, Verantwortung übernehmen und transparent handeln können. Als beratende Person ist es entscheidend, genau die Rahmenbedingungen aktiv zu stärken und vorzuleben.
Ein zentrales Ziel Ihrer Arbeit ist die Förderung von Selbstwirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen. Warum ist dieses Thema aus Ihrer Sicht so entscheidend für wirksamen Kinderschutz?
Selbstwirksamkeit ist kein „nice to have“ sondern ein zentraler Schutzfaktor.
Kinder und Jugendliche, die erleben“ ich kann etwas bewirken“ sind deutlich besser in der Lage sich selbst zu schützen, Hilfe zu suchen und belastende Situationen zu verarbeiten. Selbstwirksam sein bedeutet unter anderem: Besseres Gefühl von eigenen Bedürfnissen und Grenzen entwickeln. Wie fühlt sich das an? Ist das gut für mich? Selbstwirksame Kinder trauen sich auch Nein zu sagen. Wenn ich erlebe, dass meine Stimme etwas zu bedeuten hat, kann ich in unangenehmen oder übergriffigen Situationen auch schneller „Stopp“ sagen. Kinder mit einem starken Selbstwirksamkeitserleben glauben eher daran, dass es sinnvoll ist, sich einer Person anzuvertrauen und dass ihnen geholfen werden kann. Selbstwirksamkeit ist ein Kernfaktor von Resilienz. Sie gibt innere Stärke, Orientierung und Handlungsmöglichkeiten.

Zur Person

Rüdiger Kötter
Moin! Ich wohne seit Ende 2025 in Schleswig-Holstein. Die Überlegung hier „oben“ zu leben, hatte ich schon länger. Doch irgendwie befand ich mich nach meinem Studium erst mal in Tirol wieder. Dort ein paar Jahre gelebt, wuchs die Überlegung ans Meer zu ziehen. „Von den Bergen ans Meer“, klingt gut. Allerdings schien das Meer trotz Fernblick auf den Bergen, weiter weg – Wahrscheinlich lag es am Weg.
Nichtsdestotrotz nach 5 Jahren Tirol, Koffer gepackt, Tschau gerufen und ab nach… Leipzig. Das war die Mitte. Die Hälfte nach „oben“ und „unten“ würde zur Sicherheit auch gut funktionieren. Schließlich waren mir die Berge ans Herz gewachsen. Somit waren die letzten 10 Jahre in Leipzig wunderbar. Aber nun bin ich hier und darf mich weiter in einem Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe spezialisieren. Vielen Dank für die Möglichkeit.