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„Einen ,Notfallkoffer‘ für die Zukunft packen“

11. Mai 2023

Das SOS-Kinderdorf Niederrhein bietet im Franziskushaus in Kleve Traumahilfe für Geflüchtete aus der Ukraine an
Mit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 kamen die ersten geflüchteten Frauen und ihre Kinder ins SOS-Kinderdorf Niederrhein. Schnell war klar: Das Erlebte muss verarbeitet werden, professionelle Hilfe wird gebraucht. Die Stadt Kleve machte die gleiche Erfahrung. Und so wurde in nur wenigen Wochen das Angebot „Traumahilfe Niederrhein“ erarbeitet, das vom SOS-Kinderdorf Niederrhein jetzt seit rund einem Jahr im Franziskus-Haus in der Klever Unterstadt durchgeführt wird. Die Soziallotterie „Aktion Mensch“ hat für ein Jahr die Finanzierung des Projekts übernommen.

Interview mit Traumafachberaterin Barbara Mühlenhoff

SOS-Mitarbeiterin und diplomierte Traumafachberaterin Barbara Mühlenhoff sorgt für Stabilität, Selbstsicherheit und Lebensmut in neuer Umgebung. Von Anfang war auch Daria Stetsenko als Übersetzerin mit dabei. Sie hat in der Ukraine ihren Abschluss als Psychologin gemacht und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Im Interview berichtet Mühlenhoff über ihre Arbeit, die Veränderungen ihrer Klientinnen und Klienten im Laufe der Zeit und die Notwendigkeit über das Erlebte in der eigenen Muttersprache berichten zu können.
Seit wann bieten Sie die „Traumahilfe Niederrhein“ an und für wen?
Mühlenhoff: Seit Mai 2022 haben wir einen festen Raum im Franziskushaus in der Spyckstraße in Kleve und bieten dort Traumafachberatung an. Bei Bedarf arbeiten wir auch aufsuchend, das heißt bei den Klientinnen und Klienten, die nicht zu uns kommen können, zuhause. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien, die Unterstützung und Stabilisierung brauchen.
Wie alt sind Ihre Klient:innen?
Mühlenhoff: Meistens kommen Eltern mit ihren Kindern im Alter von sechs bis 18 Jahren zu uns; und da wir immer das ganze Lebensumfeld berücksichtigen, kommt es durchaus vor, dass wir zeitweise auch mit den Geschwistern, Eltern oder sogar Großeltern arbeiten.
Wer finanziert die „Traumahilfe Niederrhein“ und wie ist sie organisatorisch aufgestellt?
Mühlenhoff: Die Traumahilfe Niederrhein wird vom SOS-Kinderdorf Niederrhein organisiert. Eine Anschubfinanzierung gab es von der Soziallotterie „Aktion Mensch“.
Mit der Traumahilfe möchten Sie, so steht es auf Ihrem Flyer, „Hilfe für die Seele und im Alltag“ bieten - wie sieht diese Hilfe konkret aus?
Mühlenhoff: Wir unterstützen und helfen da, wo nicht nur Kriegserleben und Flucht, sondern auch vorherige Erlebnisse Spuren hinterlassen haben. Das heißt wir hören immer erst einmal gut zu: Was sind Anlass, Anliegen und Auftrag, warum kommt jemand zu uns? Das alles nehmen wir ernst und es ist meistens so, dass sich im Verlauf noch weitere und vielleicht ganz andere Punkte auftun. Wir erklären und vermitteln Methoden und Techniken zur Stabilisierung, stärken den Lebensmut, erweitern den persönlichen Spielraum und geben Selbstsicherheit.
Können Sie Beispiele nennen, mit welchen Sorgen und Nöten ihre Klient:innen zu Ihnen kommen?
Mühlenhoff: Das ist ganz unterschiedlich: Kinder und Jugendliche im Schulalter leiden manchmal unter Konzentrationsschwierigkeiten, können nicht lernen oder sind tief traurig, weil sie ohne ihr gewohntes Umfeld, ohne Freundinnen und Freunde oder ihre Haustiere hier sind, so dass sie nicht wissen, „wohin“ mit diesen vielen Gefühlen und der hohen Anspannung. Manche können schlecht schlafen, andere hören gar auf zu sprechen, viele haben Probleme mit Nervosität bis hin zu akuten Angstmomenten. Sollte die Angst zur Bedrohung für das eigene Leben werden, handeln wir sofort und vermitteln an entsprechende Stellen. Auch die Erwachsenen müssen hohe Anspannung und Verluste verarbeiten; hier kommt oft noch die Hilflosigkeit hinzu, Arbeit, Wohnen und die Kontrolle über so viele Umstände zeitweise verloren zu haben.
Sie arbeiten nie allein, sondern haben immer eine Übersetzerin mit dabei. Warum ist das so wichtig?
Mühlenhoff: Das ist deshalb so wichtig, weil Daria Stetsenko selbst aus der Ukraine stammt, seit einigen Jahren in Deutschland lebt und so ein Bindeglied zwischen den Kulturen ist. Sie ist zudem in der hiesigen Gemeinschaft der ukrainischen Geflüchteten gut bekannt, sodass bereits ein Vertrauensverhältnis besteht, auf dem wir aufbauen können. Nicht zuletzt ist es sinnvoll, Emotionen und Erlebtes in der Muttersprache berichten zu können, damit alle Facetten im wahrsten Sinne „zur Sprache“ kommen können.
Wie häufig haben Sie mit Ihren Klient:innen zu tun - reicht ein Gespräch oder gibt es mehrere Termine pro Woche?
Mühlenhoff: Grundsätzlich bieten wir jeder Klientin bzw. jedem Klienten einen Termin pro Woche an, manchmal auch im Abstand von zwei Wochen. Bei ganz wenigen reicht ein Erstgespräch um zu merken: Es ist zwar gerade manches schwer, aber ich komme eigentlich gut zurecht, ich habe genug Ressourcen. Andere brauchen bis zu fünf Termine, um ihre ganz aktuellen Themen mit uns zu bearbeiten und stabil zu werden. Einige bleiben schlichtweg solange, wie sie uns brauchen, weil sich im Verlauf so vieles auftut, was vielleicht zu Beginn noch gar nicht klar ist. Da können es auch zehn bis 15 Termine sein.
Wann können Sie die Traumahilfe mit einer Klientin oder einem Klienten beenden? Wann haben Sie „ihr Ziel“ erreicht?
Mühlenhoff: Unser Ziel ist erreicht, wenn wir das, womit die Klient:in bzw. der Klient an uns herangetreten ist, also quasi unseren „Auftrag“, erfüllt haben. Das heißt oft, dass die- oder derjenige so stabil und selbstbemächtigt ist, um mit Problemen und Situationen – auch akuten – gesund umgehen zu können. Wir füllen im Grunde gemeinsam einen „Notfallkoffer“ mit Methoden und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine dauert nun schon über ein Jahr an. Haben sich die Bedürfnisse Ihrer Klient:innen im Verlauf der letzten Monate verändert und wenn ja, wie?
Mühlenhoff: Die Bedürfnisse haben sich dahingehend geändert, dass die Klient:innen, die jetzt erst seit Kurzem in Deutschland sind, mehr von dem Kriegsgeschehen vor Ort mitbekommen haben. Das heißt nicht unbedingt, dass die Folgen oder Folgestörungen schlimmer sind; denn jeder Mensch hat eine andere Widerstandsfähigkeit. Aber das Erlebte hat unter Umständen bereits länger gedauert, wie zum Beispiel wenn jemand fünf Monate in einem Luftschutzbunker gesessen hat. Das heißt, dass das seelische Gepäck, das jemand mit sich trägt, anders gefüllt ist und vielleicht auch anders „schwer“ wiegt.

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