Aktuelles
Armut und Aufstieg – wie geht das zusammen?
07. März 2025
Ausgebucht bis auf den letzten Platz – das gibt es bei Lesungen nicht so häufig. Einer der „es geschafft“ hat, ist Jeremias Thiel. Am Donnerstagabend hatte das SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech den 24-jährigen Bestsellerautor eingeladen, aus seinem Buch „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss“ zu lesen.
Von SOS-Kinderdorf zum Stipendiaten
Wie er „es geschafft“ hat und warum er diese Worte gar nicht so gerne hört, ist eines der zentralen Themen Thiels. Für ihn wurde das Aufstiegsversprechen wahr: Er wuchs in einer von Armut geprägten Familie auf. Eine spielsüchtige Mutter, ein depressiver Vater – ein Zuhause, in dem Geborgenheit und Struktur fehlen. Mit elf Jahren zieht er die Notbremse. Er hält die Armut und Vernachlässigung nicht mehr aus und bittet das Jugendamt um Hilfe. Der Weg führt ihn in eine Jugendwohngruppe des SOS-Kinderdorfes Kaiserslautern. Zum ersten Mal erlebt er, wie es ist, wenn Erwachsene Verantwortung übernehmen, Struktur vorgeben und fördern. Hier beginnt sein ungewöhnlicher Bildungsweg: Abitur als Stipendiat an einem internationalen College, ein Bestsellerbuch, ein Studium an einer renommierten Universität in den USA.
Doch was Jeremias Thiel an diesem Abend bewegt, ist nicht sein persönlicher Erfolg, sondern die Erkenntnis, dass er zu den wenigen Ausnahmen gehört. In Interviews oder Talkshows hieße es gelegentlich, er hätte „es geschafft“. Oder man fragt ihn, wie das möglich sei. „Mir ist das eigentlich unangenehm.“ Denn ohne die Hilfe vieler Menschen außerhalb seiner Familie wäre es nicht möglich gewesen. Sein Werdegang sei nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Eine Ausnahme, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass soziale Mobilität in Deutschland nicht selbstverständlich ist, dass Bildung, beruflicher und Lebenserfolg nach wie vor stark von der Herkunft abhängen.
Betroffenen Kindern eine Stimme geben
Jeremias Thiel hatte die Kraft, sich Unterstützung zu suchen, und das Glück, Menschen zu finden, die ihm neue Perspektiven eröffneten. Doch er weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. „Kinderarmut in Deutschland ist ein Riesenthema“, schreibt Thiel in seinem Buch und verweist auf Studien, die zeigen, dass betroffene Kinder von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind und wenig Chancen auf sozialen Aufstieg haben. „Armut, wie ich sie als Kind erlebt habe, ist geprägt von Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Ausweglosigkeit.“ Viele Familien sähen keinen Ausweg, weil sie nicht wüssten, wie ein anderes Leben aussehen kann. Diese Unwissenheit, die in Resignation umschlagen kann, liege auch an der sozialen Segregation, am fehlenden Kontakt zu denjenigen, die ihnen ein anderes, besseres Leben vorleben könnten.
Den Saal füllen, das Publikum berühren und zu einer Diskussion anregen – all das hat Jeremias Thiel am Donnerstagabend „geschafft“. Und viel wichtiger: Er hat denen eine Stimme gegeben, die kaum gehört werden. Kindern, Jugendlichen und Familien, die trotz Armut und schwieriger Lebensverhältnisse auf gleiche Chancen für alle hoffen und gesellschaftlich teilhaben wollen.