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Jahresbericht 2025
Im Fokus

Interview: Vorstandsmitglied Georg Falterbaum über Selbstverständnis und Innovationskraft

SOS-Kinderdorf: Herr Falterbaum, Veränderung zeichnet den SOS-Kinderdorfverein seit jeher aus. Was braucht eine Organisation, um beweglich zu bleiben?
Georg Falterbaum: Zunächst die Überzeugung, etwas bewirken zu können. Wir müssen als Organisation Freiraum schaffen, damit mutige Veränderung geschehen kann. Die Welt dreht sich weiter – darauf wollen wir gezielt und spontan reagieren. Zu dieser Haltung gehört auch, aus Fehlern zu lernen.
Wie wichtig ist Zuversicht dabei?
Sie ist essenziell. Wir haben den Mut, unseren Weg selbstbewusst in die Zukunft zu gehen, wenn wir von etwas überzeugt sind. Denken wir an die Weiterentwicklung unserer Betreuungsformen: Die klassische Kinderdorffamilie ist ein prägendes und identitätsstiftendes Element unserer Arbeit. Gleichzeitig haben wir unser Angebot in der stationären Jugendhilfe konsequent weiterentwickelt. Kinderdorffamilien bieten wir weiterhin an, auch wenn es nicht leicht ist, geeignetes Personal zu finden. Viele Kinder und vor allem Jugendliche profitieren heute stärker von alternativen, familienähnlichen Angeboten. Deshalb lebt der weit überwiegende Teil der von uns stationär betreuten jungen Menschen in Wohngemeinschaften. Mut ohne Machen ist nur halb so viel wert wie Mut mit Machen.
„Wir haben den Mut, unseren Weg selbstbewusst in die Zukunft zu gehen, wenn wir von etwas überzeugt sind. 
Wenn Sie auf 70 Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken: Welche Momente haben besonders viel Mut verlangt?
Da gibt es viele Beispiele. Nehmen Sie die geflüchteten Menschen 2015: Wie spontan und engagiert die Einrichtungen damals gehandelt haben – das war wirklich bemerkenswert. Wir haben einfach gemacht. Ähnlich mutig haben wir zu Beginn des Ukrainekriegs agiert. Aber auch die Umsetzung einiger unserer Angebote verlangt Mitarbeitenden mitunter viel Mut ab. Ich denke beispielsweise an diejenigen, die auch im Zuge zunehmend radikaler Positionen in der Gesellschaft jeden Tag für das Thema Demokratiebildung einstehen.
Im Herbst 2025 sind durch mediale Recherchen schwerwiegende Vorwürfe im Kontext von SOS-Kinderdorf Österreich öffentlich geworden. In der Berichterstattung wurden dabei auch Vorwürfe gegen SOS-Mitgründer Hermann Gmeiner thematisiert, die viele Menschen sehr bewegt haben. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wie alle unsere Mitarbeitenden im SOS-Kinderdorf e. V. haben auch mich diese Ereignisse sehr betroffen gemacht. In dieser Zeit spüre ich umso stärker, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen: für unseren Verein, für die vielen Menschen, die hier jeden Tag ihr Bestes geben, und für alle Kinder, Jugendlichen und Familien, die uns anvertraut sind. Wir haben klargemacht, dass wir jegliche Art von Übergriffen, egal von wem sie begangen werden, verurteilen. Wir stehen unverändert hinter der guten pädagogischen Grundidee von SOS-Kinderdorf; die Gründerzeit von damals definiert aber bei Weitem nicht mehr unsere Arbeit von heute.
Wie kann das Vertrauen der Menschen in SOS-Kinderdorf gestärkt werden?
Vertrauen entsteht, wenn unsere Haltung auch durch Taten sichtbar wird – durch ehrliches Handeln und Konsequenz. Dazu gehört für uns auch, offen mit dem Geschehenen umzugehen. Gleichzeitig wollen wir die großartige Arbeit in den Mittelpunkt stellen, die unsere Mitarbeitenden jeden Tag leisten. Konkret arbeiten wir aktiv an notwendigen Veränderungen, die sich mit zentralen Fragen zu Geschichte, Macht- und Entscheidungsstrukturen sowie Fragen von Identität, Haltung und Leitbild beschäftigen. Ziel ist es, fundierte Verbesserungen für die zukünftige Ausrichtung des Vereins abzuleiten. Unser Anspruch ist es, sichtbar zu machen, dass wir als sozialer Träger modern, stabil und zukunftssicher aufgestellt sind.
Was zeichnet den heutigen SOS-Kinderdorf e. V. aus?
Was uns auszeichnet, ist, dass wir uns kontinuierlich mit der Gesellschaft verändern: mit Angeboten, die Kinder, Jugendliche, Familien und Menschen mit Behinderung stärken. Wir sind heute vielfältiger, reflektierter und professioneller denn je. Das dürfen und sollten wir mit Selbstbewusstsein nach außen tragen. Unsere Vielfalt ist unsere Stärke – und die Grundlage dafür, dass wir wirksam für Kinder und Familien arbeiten können.
„Was uns auszeichnet, ist, dass wir uns kontinuierlich mit der Gesellschaft verändern.“