Demokratie will gelernt sein
Mit einer Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen engagierte sich der SOS-Kinderdorfverein 2024 für die Stärkung der Demokratie und gegen Rassismus.
Es ist ein fröhlicher Haufen, der mittags in den Jugendtreff „Kella“ in der Sachsendorfer Oberschule in Cottbus strömt. Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren verbringen hier ihre Mittagspause, spielen Tischtennis oder erledigen ihre Hausaufgaben. Trotzdem ist der Jugendtreff „Kella“ mehr als eine Tagesbetreuung. „Wir machen hier demokratische Arbeit“, sagt Sozialpädagoge Oliver Lehmann. „Weniger auf einer politischen als auf einer menschlichen Alltagsebene.“
Im täglichen Austausch lernen die Schüler*innen, wie sie trotz unterschiedlicher Herkunft oder Meinung gut miteinander auskommen, Konflikte lösen und einander mit Respekt begegnen. Oder wie sie eine Bewerbung schreiben, Lehmann und seine Mitstreiterinnen Judith Oelsch und Claudia Weigend unterstützen die Jugendlichen dabei. Bis zu 80 Schüler*innen nutzen das Angebot des Jugendtreffs „Kella“, einige von ihnen sind erst vor ein paar Jahren nach Deutschland geflohen.
Fitmachen für die Wahlkabine
Wie kann sich der SOS-Kinderdorfverein selbst noch stärker gegen Rassismus und für Demokratie positionieren? Diese Frage brachte 2024 viel in Bewegung. „Wir achten Einmaligkeit und leben Vielfalt“, heißt es im Leitbild des Vereins. Dieses Verständnis sowohl nach innen als auch nach außen zu tragen, zählte im Superwahljahr 2024 zu den zentralen Themen des Vereinsengagements und spiegelte sich in zahlreichen Aktionen.
- Beschäftigte aus den Einrichtungen und der Geschäftsstelle entwickelten in der neu gegründeten, vereinsweiten Aktionsgruppe #wirsinddemokratie gemeinsam Inhalte zur Stärkung der Demokratie und Vielfalt. Sie erarbeiteten eine eigene Intranet-Seite, entwarfen eine Plakat- und Social-Media-Kampagne und halfen mit Tipps zu Podcasts, Büchern oder Musik zum Thema Vielfalt und Antirassismus.
- Auch die Einrichtungen des Vereins intensivierten ihr Engagement in Sachen Demokratiebildung erneut. Robert Werkmeister ist in Gera in der neu geschaffenen Fachstelle für Familien- und Demokratiebildung des SOS-Kinderdorfes Thüringen tätig. In Workshops, Aktionstagen oder offenen Gesprächsgruppen vermittelt er Kindern und Jugendlichen, wie das politische System funktioniert, wie Mitbestimmung geregelt ist und warum Politik interessant sein kann. Im Kinderdorfparlament des SOS-Kinderdorfes Gera treffen sich die gewählten Haussprecher*innen der Wohngruppen, um Anliegen, Sorgen und Wünsche der Betreuten zu besprechen und an die pädagogischen Fachkräfte heranzutragen.
Auf Augenhöhe mit jungen Menschen
„Entscheidend ist, im Austausch zu bleiben“, sagt Nicole Bethke, Einrichtungsleitung des SOS-Kinderdorfes Berlin. Dieses sieht sich als hauptstädtische Einrichtung des SOS-Kinderdorfvereins in einer besonderen Verantwortung für Demokratieförderung bei jungen Menschen. „Darum schreiben wir politische Bildung hier schon immer groß. Wir haben dafür verschiedene Instrumente entwickelt, die gut funktionieren“, so Bethke. Etwa einen Arbeitskreis für politische Bildung, in dem verschiedene Bereiche des Kinderdorfes mitwirken und die Themen dann zurück in die Einrichtungsteile tragen. Zusätzlich greifen Projekte gezielt die politischen und gesellschaftlichen Anliegen junger Menschen auf. Jeweils zum Jahresende treffen sich dann interessierte Jugendliche in der Berliner SOS-Botschaft für Kinder und bearbeiten das ausgewählte Thema in unterschiedlichen Workshops.
Auch mit seiner Botschaft für Kinder setzt sich der SOS-Kinderdorf e. V. seit 2015 gezielt dafür ein, jungen Menschen in der Hauptstadt eine Plattform zu bieten. Zu den Angeboten zählte 2024 der im Juli gelaunchte „Kinderrechte-Wahlkompass“ für die Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg: Anhand von rund 30 Punkten konnten junge Wähler*innen mit diesem Tool überprüfen, welche Parteien sich wie für die Rechte und Anliegen von Kindern und Jugendlichen einsetzen.
Beteiligung ist das A und O
Die Erfahrung, gehört zu werden, auch als junger Mensch eine Stimme zu haben, sich beteiligen zu können und so einen Unterschied zu machen: Vor allem diese Aspekte standen auch 2024 bei den demokratiefördernden Projekten des SOS-Kinderdorf e. V. im Vordergrund. „Junge Menschen sind Expert*innen für ihre Lebenswelt“, bringt es Justine Heumann auf den Punkt. Sie ist beim SOS-Kinderdorf Vorpommern als Jugendsozialarbeiterin für Demokratie und Beteiligungsprozesse im Familienzentrum in Grimmen tätig. In ihrer sozialraumorientierten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus dem gesamten Landkreis Vorpommern-Rügen geht es Heumann vor allem darum, konkrete Lösungsansätze zu finden, um die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen vor Ort zu verbessern. Das gilt für ihre Freizeit ebenso wie für Bildungsperspektiven und ganz generell die Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen.
„Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie muss immer wieder neu geübt und verbessert werden“, betont Sebastian Prinz, Beteiligungsmoderator im SOS-Kinderdorf Vorpommern. „Durch Partizipationsangebote können junge Menschen positive Erfahrungen mit Politik und gesellschaftlicher Teilhabe sammeln und ihre persönlichen Kompetenzen aufbauen. Das stärkt am Ende das bürgerschaftliche Engagement und kann zur Entwicklung einer ganzen Region beitragen.“ Demokratiebildung ist immer auch Zukunftsbildung – für den SOS-Kinderdorfverein bleibt sie schon deshalb ein zentrales Thema.