100996_SOS-Kinderdorf Palästina_(c) Mahammad Al Baba.Jpg
SOS-Kinderdorf in Palästina
Interview mit Programmdirektorin Reem Alreqeb
Zwischen Zelten spielen Kinder barfuß im Staub, lachen und toben – ein Versuch, dem Alltag etwas Normalität zu geben. Helferinnen und Helfer eilen durchs Camp, tragen Kanister, suchen nach Essen. Aus den Zelten sind Gespräche von verzweifelten Müttern über fehlende Windeln und Wasser zu hören, Handys klingeln, das Radio rauscht, manchmal herrscht nur Stille. Nachts durchbricht Weinen die Ruhe.
„Die Lage im SOS-Kinderdorf Camp ist extrem belastend“, sagt Reem Alreqeb, Programmdirektorin von SOS-Kinderdorf Palästina. Seit Monaten lebt sie gemeinsam mit Hunderten von Menschen in einem Zeltlager in Chan Yunis im Gazastreifen. In unserem Gespräch berichtet sie aus erster Hand, wie sich das Leben im Camp gestaltet, wie das Team vor Ort arbeitet und welche Momente Hoffnung geben.

Interview

SOS-Kinderdorf: Reem, du lebst jetzt seit Monaten im SOS-Kinderdorf-Zeltcamp in Chan Yunis. Wie hat sich dein Leben seit der Eskalation des Konflikts 2023 verändert? 
Reem Alregeb: Es hat sich grundlegend verändert. In den ersten Wochen nach der Eskalation konnten wir die Familien aus dem SOS-Familienstärkungsprogramm in Gaza nicht mehr persönlich besuchen. Stattdessen hielten wir unter nahezu unmöglichen Bedingungen telefonisch Kontakt und unterstützten sie aus der Ferne. 
Drei Monate nach Beginn der Eskalation zog ich mit meiner Familie ins SOS-Kinderdorf Rafah. Die Situation dort war zwar nicht ideal, aber besser als für meine Verwandten, die in andere Landesteile flüchten mussten. 
Acht Monate später musste das gesamte SOS-Kinderdorf Rafah erneut umziehen – diesmal nach Chan Yunis. Dort errichteten wir gemeinsam das SOS-Kinderdorf-Zeltcamp. Seither leben und arbeiten wir in Zelten, unter extrem schwierigen und instabilen Bedingungen. Wir versuchen weiterhin, Kindern und Familien Schutz und Betreuung zu bieten. 
Wie sieht das Zelt aus, in dem du aktuell lebst? 
Das Zelt ist klein und spartanisch. Ein paar Matten auf dem Boden, Plastikbehälter für Essen und Wasser, und wenig persönliche Gegenstände, die wir retten konnten. Am Tag wird es unerträglich heiß, nachts ist der Wind kalt. Es gibt kaum Privatsphäre, jeder Laut hallt nach. 
Wie sieht dein Tagesablauf aktuell aus?  
Meine Tage sind alles andere als gewöhnlich. Ich wache meist um 5 Uhr morgens zum Gebet auf, oft nach einer Nacht mit wenig Schlaf. Danach gehe ich ins provisorische Büro, um Batterien für unsere Internetverbindung zu laden. Gemeinsam mit meinem Team bewältigen wir zahlreiche logistische Hürden: kaum Gas zum Kochen, zu wenig Treibstoff, ständige Stromausfälle. Die Kommunikation leidet auch darunter, das erschwert die Koordination zusätzlich. Im Laufe des Tages sind wir ganz im Einsatz für die Menschen: ein Kind mit einem dringenden Anliegen, eine besorgte Mutter, es ist ein ständiger Balanceakt. Zum Sonnenuntergang kehren wir erschöpft in unsere Zelte zurück. Aber der Tag ist noch nicht vorbei. Wir versuchen, das Nötigste an Lebensmitteln zu beschaffen. Und wenn die Nacht anbricht, hoffen wir auf etwas Ruhe. 
Was brauchen die Kinder und Eltern derzeit am dringendsten? 
Lebensmittel, Hygienekits, Wasser, aber auch psychologische Unterstützung. Viele Kinder zeigen Anzeichen von Traumata: Einnässen, Rückzug, Aggressivität. Mütter sind völlig überfordert, tragen unsichtbare Lasten. Sie brauchen Stabilität, Routinen und das Gefühl, dass jemand für ihr Überleben und ihre Würde kämpft. 
Wie unterstützt ihr derzeit die Menschen im SOS-Kinderdorf-Zeltcamp? 
Derzeit unterstützen wir rund 200 Menschen innerhalb unseres Camps in Chan Yunis mit der Unterbringung in Zelten, Nahrung und Wasser. Wir betreuen Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Organisationen. Zudem helfen wir etwa 1.000 Menschen aus dem Umfeld des Camps, sauberes Wasser aus unserem eigenen Brunnen zu erhalten. Weitere Aktivitäten sind psychosoziale Betreuung, Gruppen- und Einzelberatung sowie die Verteilung von Hygiene-Kits. Unser Bildungsteam betreut derzeit über 1.200 Kinder, versorgt sie mit Schulmaterial und organisiert regelmäßige Freizeitprogramme. Seit Beginn des Konflikts im Oktober 2023 haben wir mehr als 35.000 Menschen erreicht.
 
Woher nimmst du Hoffnung und Motivation, täglich weiterzumachen? 
Von den Kindern. Ihrem Lachen, ihren Zeichnungen, ihrer Widerstandsfähigkeit. Wenn ein Mädchen mir eine Papierblume bastelt oder ein Junge seinen einzigen Keks mit mir teilt, weiß ich, warum ich hier bin. Kraft gibt mir meinem Team, das unermüdlich arbeitet, obwohl viele selbst schwere Verluste erlitten haben. Und natürlich gibt mir meine Familie Kraft. Zu wissen, dass sie bei mir und in Sicherheit ist, auch wenn die Bedingungen hart sind. Ich trage Verantwortung, nicht nur für die Kinder unter unserer Obhut, sondern auch für meine eigenen Liebsten. Ihre Nähe erinnert mich daran, dass wir selbst in den schlimmsten Zeiten etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. 

Zur Person

Reem Alreqeb arbeitet seit 2022 bei SOS-Kinderdorf Palästina – zunächst als Projektkoordinatorin, inzwischen als Programmdirektorin. In dieser Rolle unterstützt sie das Team in allen Aufgabenbereichen und sorgt für reibungslose Abläufe.
Vor Ausbruch des aktuellen Konflikts war sie vor allem für die Bedarfsanalyse zuständig, besuchte regelmäßig die verschiedenen Angebote und überprüfte deren Wirkung. Sie kennt SOS-Kinderdorf schon seit ihrer Kindheit. Ihre berufliche Aufgabe ist für sie längst zur persönlichen Mission geworden: das Leben von Kindern ein Stück besser zu machen.