Der Alltag im Gazastreifen ist geprägt von Angst, Verlust und Unsicherheit – besonders für Kinder. Im Zeltcamp von SOS-Kinderdorf Palästina werden Kinder betreut, und bestmöglich unter den herausfordernden Bedingungen unterstützt. Baker Awad ist Psychologe im SOS-Camp in Chan Yunis. Im Interview spricht er von seinen Erfahrungen und Beobachtungen.
Wie äußern sich die psychischen und emotionalen Probleme bei Kindern und Jugendlichen?
Baker Awad: Viele Kinder und Jugendliche zeigen Angst und innere Anspannung, oft begleitet von ständiger Sorge um die Sicherheit ihrer Familien. Häufig treten Panikattacken, Schlafstörungen und Albträume auf, die das Sicherheitsgefühl weiter schwächen.
Ebenso verbreitet sind tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Viele Kinder verlieren den Spaß an Aktivitäten, die sie früher gerne gemacht haben. Das kann zu Rückzug und Isolation führen. Manche sind schnell gereizt und zeigen aggressives Verhalten. Wiederkehrende traumatische Gedanken und Erinnerungen belasten den Alltag zusätzlich. Vor allem bei Kindern zeigen sich auch körperliche Reaktionen wie Bettnässen, die für ihr Alter gar nicht mehr typisch sind.
Die schwerwiegendsten Probleme stehen im Zusammenhang mit Hunger und Mangelernährung. Fehlende Grundversorgung führt zu körperlichen und seelischen Problemen. Besonders bei Kindern, Frauen und älteren Menschen. Manche Kinder werden von ihren Familien gezwungen, zu stehlen oder riskante Wege auf sich zu nehmen, um Hilfsgüter zu beschaffen.
Welche Auswirkungen hat speziell der Verlust von Eltern oder die Trennung von Familien?
Eltern geben ihren Kindern Sicherheit, emotionale Unterstützung und Orientierung. Wenn sie nicht mehr da sind, führt das bei Kindern häufig zu Angst, Unsicherheit und Schwierigkeiten, ihre Gefühle angemessen auszudrücken. Kinder ohne Eltern brauchen deshalb regelmäßige psychologische Hilfe, liebevolle Zuwendung und feste Tagesabläufe, die ihnen Sicherheit und Halt geben.
Wie versucht ihr im Team, den Betroffenen zu helfen?
Die meisten Kinder haben ständig Angst vor Bombardierungen und dem Tod. Daher schaffen wir sichere Räume in Notunterkünften und richten kinderfreundliche Bereiche ein. Außerdem schulen wir Eltern, damit sie ihre Kinder emotional unterstützen und Stabilität können.
Wir helfen ihnen, ihre Gefühle auszudrücken: Viele Kinder tragen traumatische Erfahrungen in sich, wissen aber nicht, wie sie darüber reden können. Gruppenangebote mit Spielen, Malen oder Geschichtenerzählen können helfen; für zurückgezogene Kinder sind individuelle Sitzungen sinnvoll.
Wir stärken die familiäre Unterstützung: Vertreibung und der Verlust von Angehörigen haben tiefe Lücken hinterlassen. Eltern werden in Gruppensitzungen geschult, um den Kontakt und das Vertrauen zwischen ihnen und ihren Kindern zu stärken.
Wir schaffen Routinen: Viele Kinder sind unruhig, weil sie nicht mehr zur Schule gehen und ihren Alltag nicht mehr leben. Einfache Tagesprogramme, Wettbewerbe und Freizeitaktivitäten im SOS-Camp können ein Gefühl von Kontinuität vermitteln.
Wir stärken Hoffnung und Resilienz: Kinder brauchen die Botschaft, dass ihr Leben wertvoll ist und sie eine Zukunft haben. Das kann durch Spieltherapie und Geschichten unterstützt werden.
Was sind eure Herausforderungen in der psychologischen Nothilfe?
Uns fehlen Fachkräfte und die nötigen Ressourcen. Außerdem kommen wir sehr schwer an alleinstehende oder unbegleitete Kinder heran. Soziale und kulturelle Barrieren, wie die Stigmatisierung psychologischer Hilfe, erschweren die Unterstützung zusätzlich. Die Kinder erleben immer wieder traumatische Situationen. Das verzögert den Heilungsprozess. Es ist wichtig, sie langfristig zu begleiten.
Wird psychische Gesundheit in der humanitären Hilfe ausreichend priorisiert?
Nein. In Krisensituationen liegt der Fokus auf dem Überleben – Nahrung, Unterkunft, Medizin. Psychische Unterstützung wird oft als zweitrangig betrachtet, obwohl sie entscheidend für langfristige Heilung ist. SOS-Kinderdorf Palästina arbeitet aktiv daran, psychosoziale Hilfe in seine Nothilfeprogramme zu integrieren.
Was macht Ihnen aktuell Hoffnung?
Ich habe Hoffnung, wenn ich sehe, wie Kinder trotz ihrer traumatischen Erlebnisse versuchen, ihre Gefühle zu zeigen und ihr normales Leben weiterzuführen. Kleine Fortschritte – etwa in Familientherapien oder Gruppensitzungen – zeigen, dass Heilung möglich ist. Auch die Unterstützung von allen Menschen, die im Camp wohnen, gibt mir Hoffnung. Ich glaube fest daran, dass sich die Kinder langfristig und mit genug Unterstützung erholen können.
