„Ich habe keine Angst mehr“
Meine Mama ist in Kolumbien, aber ich weiß nicht genau, wo“, sagt Deiver. Der Dreizehnjährige spricht mit fester Stimme, sein Blick ist auf den Boden gerichtet. Er ist in Venezuela geboren und lebt dort mit seinen zwei jüngeren Geschwistern bei seiner Großmutter Lisbeth. „Mein Vater arbeitet in den USA. Bei meiner Mama wissen wir nicht, was sie genau macht.“ Deivers Vater unterstützt die Kinder und Lisbeth finanziell, aber nicht regelmäßig. Kontakt besteht, aufgrund der Entfernung aber nur über Telefonate.
„Ich war besorgt und verängstigt“
Großmutter Lisbeth ist Deivers Halt. Sie bereitet das Frühstück vor, hört zu und tröstet die Kinder, auch wenn sie selbst müde ist. Die Verantwortung allein zu tragen, ist nicht immer leicht. Manches bleibt auf der Strecke. So wächst Deiver früh in die Rolle eines Ersatzvaters hinein.
„Ich war besorgt und verängstigt. Vor allem wegen meiner Mama, weil wir nicht wussten, wo sie ist. Aber ich musste stark sein und ein Vorbild für meine Geschwister.“
Während er das erzählt, legt seine Oma ihm den Arm um die Schulter und sagt: „Er war immer der Kleine, der viel zu früh groß sein musste.“
Ein Alltag am Limit
Drei Kinder zu versorgen ist teuer, deshalb muss Lisbeth viel arbeiten. Sie putzt und kocht für andere Familien, arbeitet zeitweise auf dem Markt und als Assistentin in einer SOS-Kinderdorffamilie. Deiver und seine Geschwister sind währenddessen nach der Schule oft allein, abends kommt Lisbeth erschöpft und gestresst zurück. Da niemand ihm bei den Hausaufgaben helfen kann, kommt Deiver im Unterricht nicht mehr gut mit, auch die Konflikte mit seiner Großmutter nehmen zu. Durch ihre Arbeit weiß Lisbeth, dass das Familienzentrum von SOS-Kinderdorf Unterstützung bietet. Als sie bemerkt, dass die Kinder immer mehr an Gewicht verlieren, wendet sie sich dorthin und bekommt Hilfe.
„Dieser Ort verändert“
Deiver und seine Geschwister bekommen von SOS-Kinderdorf zu Beginn gesunde und ausgewogene Mahlzeiten, bis sie nach rund acht Monaten wieder ein angemessenes Gewicht erreicht haben. Lisbeth nimmt an Schulungen zu Ernährung, Hygiene und Krankheitsvorbeugung teil. „Dieser Ort verändert“, erzählt Deiver. „Als ich herkam, mochte ich das Lernen nicht.“ Er hat Schwierigkeiten in der Schule, das Lesen fällt ihm schwer. Mit gezielter Nachhilfe holt er auf, wird sicherer und gewinnt an Selbstvertrauen. Wie auch seine Geschwister erhält er therapeutische Unterstützung: „Ich war früher sehr schüchtern, jetzt traue ich mich zu sprechen.“ Besonders stolz ist Deiver auf den Computerkurs, den er im SOS-Familienzentrum abgeschlossen hat: „Ich lernte Word und Excel kennen und wie ich am PC richtig tippe, kopiere und einfüge.“ In der Schule stehe das leider nicht auf dem Lehrplan.
Neue Möglichkeiten
Lisbeth lernt in Therapien, Gefühle zuzulassen und ihre Strenge abzulegen. Einen von SOS-Kinderdorf organisierten Kurs in Schokoladenherstellung nutzt sie als neue Perspektive. Inzwischen verdient sie mit Aufträgen aus der Gemeinde ein zusätzliches Einkommen. Deiver besucht heute die Oberstufe, ist zielstrebig und sagt: „Ich will Kinderarzt werden, weil es wichtig ist, Kindern zu helfen.“ Seine Großmutter nickt stolz und bestätigt: „Was er sich vornimmt, das schafft er auch.“ Bis es so weit ist, geht Deiver etwa einmal pro Woche ins SOS-Familienzentrum. „Vielleicht brauche ich noch mehr Computerkurse“, sagt er grinsend. „Für mich ist es wichtig, viel zu lernen, damit ich eine gute Zukunft habe. Der Junge, der vor zwei Jahren hierherkam, ist jetzt ein anderer.“
