Nationaldirektorin Ilvania Martins: „Wir haben erst den Anfang dieser Tragödie erlebt“
Auch Wochen nach den schweren Erdbeben vom 24. Juni in Venezuela ist das ganze Ausmaß der Katastrophe noch immer nicht absehbar. Mehr als 5.200 Menschen sind nach bisherigen Angaben ums Leben gekommen, fast 18.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren. Während Rettungskräfte weiterhin nach Vermissten suchen, erschweren anhaltende Nachbeben die Situation zusätzlich.
SOS-Kinderdorf Venezuela unterstützt betroffene Kinder und Familien seit dem ersten Tag – mit psychologischer Hilfe, Sachleistungen und kinderfreundlichen Räumen. Im Gespräch berichtet Ilvania Martins, Nationaldirektorin von SOS-Kinderdorf Venezuela, über die Lage vor Ort, die größten Herausforderungen und den langfristigen Unterstützungsbedarf.
Zur Lage in Venezuela
SOS-Kinderdorf: Frau Martins, wie erleben Sie die Situation derzeit in den betroffenen Gebieten?
Ilvania Martins: Wir haben erst den Anfang dieser Tragödie erlebt. Jetzt werden wir beginnen, das ganze Ausmaß und die Folgen zu sehen. Die Rettungsmaßnahmen dauern noch an, Trümmer werden weiterhin beseitigt, und Familien hoffen noch immer, ihre Angehörigen lebend zu finden.
Die Erdbeben liegen inzwischen einige Wochen zurück. Wie wirkt sich die Situation weiterhin auf die Menschen aus?
Die Unsicherheit ist nach wie vor sehr groß. Nach Einschätzung von Erdbebenexperten können aufgrund der Stärke der tektonischen Plattenbewegungen noch drei bis sechs Monate lang Nachbeben auftreten.
Mitte Juli hatten wir ein Treffen mit der Feuerwehr. Dort wurde uns mitgeteilt, dass offiziell rund 1.300 Nachbeben registriert wurden. Jedes Mal fühlen sich die Menschen an die schweren Erdbeben vom 24. Juni erinnert. Die Angst, Nervosität und Unsicherheit werden dadurch immer wieder neu ausgelöst.
Welche Folgen beobachten Sie insbesondere bei Kindern und Familien?
Wir erleben viele Menschen mit posttraumatischem Stress, Angstzuständen und Panikattacken. Besonders Kinder leiden unter nächtlichen Ängsten. Viele Familien mussten ihre Häuser verlassen, weil diese zerstört wurden, und leben nun in Notunterkünften oder haben ihr Zuhause vollständig verloren.
Deshalb unterstützen wir nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Hauptbezugspersonen. Erwachsene brauchen ebenfalls Hilfe, um mit der Situation umzugehen und sich weiterhin um ihre Kinder kümmern zu können. All das geschieht unter enormem Stress und in ständiger Ungewissheit darüber, was der nächste Tag bringt.
Wie geht es den Kindern und Mitarbeitenden von SOS-Kinderdorf Venezuela?
Den Kindern in unseren SOS-Kinderdörfern und Programmen geht es den Umständen entsprechend gut. Wir bemühen uns, ihnen durch gemeinsame Aktivitäten möglichst viel Alltag und Routine zu geben.
Gleichzeitig unterstützen wir auch unsere Mitarbeitenden. Sie erhalten psychologische Begleitung, und wir haben dafür gesorgt, dass Betreuungspersonen, deren Familien außerhalb der betroffenen Gebiete leben, ihre Angehörigen besuchen konnten. Aber jeder Mensch in Venezuela erlebt gerade eine äußerst schwierige und belastende Zeit.
Wie unterstützt SOS-Kinderdorf Venezuela die betroffenen Menschen?
Unsere Teams sind seit dem ersten Tag im Einsatz. Wir haben eine kostenlose Hotline für psychologische Erste Hilfe eingerichtet. In Caracas, La Guaira und Aragua bieten wir zusätzlich persönliche psychologische Unterstützung an. Bisher konnten wir Sachhilfepakete verteilen. Sie enthalten Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente und weitere dringend benötigte Güter. Außerdem haben wir in der Nähe unserer bestehenden Programme kinderfreundliche Räume eingerichtet, in denen Kinder Schutz, Betreuung und Stabilität finden.
Arbeiten Sie dabei mit anderen Organisationen zusammen?
Ja, SOS-Kinderdorf Venezuela stimmt seine Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit verschiedenen nationalen Organisationen ab. Die Koordination ist aufgrund der großen Zerstörung und der schwierigen Situation vor Ort nicht einfach. Trotzdem ist sie entscheidend, damit die Hilfe möglichst wirksam bei den betroffenen Menschen ankommt.
Was ist derzeit die größte Herausforderung für Ihre Arbeit?
Der Bedarf ist enorm. Wir benötigen vor allem zusätzliche Fachkräfte, insbesondere für psychosoziale Unterstützung. Unsere größte Herausforderung besteht zudem darin, ausreichend finanzielle Mittel zu erhalten, damit wir unsere Hilfe schnell ausweiten und noch mehr Familien und Kinder erreichen können.
Welche Botschaft möchten Sie der internationalen Gemeinschaft mitgeben?
„Bitte vergesst uns nicht. Die Aufmerksamkeit der Welt richtet sich schnell auf andere Krisen. Doch wir stehen erst am Anfang dieser Tragödie. Die materiellen Schäden sind enorm, und Kinder und Familien werden noch lange Unterstützung brauchen.”
