Was mit einem Computer begann
Um zwei Uhr nachts riecht das ganze Haus nach Kuchen. Anthony (22) erinnert sich an Mehl auf den Wangen, mit seinen Geschwistern in der Küche. „Weihnachten“, sagt er heute, „das war unsere schönste Tradition. Jedes Jahr haben wir gemeinsam gebacken, bis spät in die Nacht.“ Sein Zwillingsbruder Antonio, dem er zum Verwechseln ähnlich sieht, denkt bei seiner Kindheit an Geburtstage: „Da unternahmen wir immer etwas Besonderes, nur wir als Familie. Das mochte ich sehr.“ Mit fünf Jahren kommen die Brüder in das SOS-Kinderdorf Kingston, an die Zeit davor erinnern sie sich kaum. In einem Land, in dem soziale Ungleichheit und Armut vielen Kindern hochwertige Bildung erschwert, erhalten sie dort verlässliche Förderung.
Ein Haus voller Wärme
Antonio spricht von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit in seiner Kindheit: „Unsere Geschwister sind bis heute unsere engsten Freunde. Wir verstehen uns blind und sind gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen.“ Kurz hält er inne. „Ich glaube, unsere Freunde außerhalb des SOS-Kinderdorfs können diese Verbindung nicht verstehen.“ Im SOS-Kinderdorf werden sie gefördert: Sie besuchen die Grundschule, anschließend eine weiterführende Schule, ebenfalls von SOS-Kinderdorf geführt. Sie wachsen ohne Armut auf und konzentrieren sich auf das, was wirklich zählt: lernen, neugierig sein, ihre Interessen entdecken „In der Schule gab es einen Computerraum“, erzählt Anthony. „Dort lernten wir viel über Software und Hardware.“ Die Brüder tüfteln zu Hause weiter und lernen immer mehr über Computer. In staatlichen Schulen wird der Fokus oft nicht auf digitale Themen gelegt.
Vom Hörsaal nach Tennessee
Anthony entscheidet sich nach dem Schulabschluss für ein Studium in Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.
Das Studium fordert ihn, macht ihm aber auch Spaß. „Es war anspruchsvoll, aber nicht so, dass ich schlaflose
Nächte hatte“, sagt er. Im Rahmen eines Austauschprogramms reist er in die USA, um dort Arbeitserfahrung zu sammeln. Er erzählt: „Ich war in Tennessee und arbeitete als Rettungsschwimmer, danach in Massachusetts als Hotelrezeptionist.“ Die USA kannte er
zuvor nur aus Filmen. Heute arbeitet Anthony als Consultant bei einem großen Bauunternehmen Kingstn. Nicht sein ursprünglicher Plan, erzählt er: „Ich wollte immer in einer Bank arbeiten, etwas Schönes und Elegantes. Aber jetzt mag ich Bau und Maschinen. Ich entwickle mich weiter.”
Zukunft am liebsten in Jamaika
Antonio wählt einen anderen Weg. Er studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften und möchte kreativ arbeiten. Ob Sportjournalismus oder Grafikdesign, er weiß noch nicht genau, in welche Richtung er nach dem Studium gehen will. Klar ist nur: Auch für ihn soll es ein digital ausgerichteter Job sein. Aktuell leben die Zwillinge zusammen in einer Wohnung in Kingston. Mit ihren Studiengängen stehen den beiden viele Türen offen, auch international. Trotzdem wollen sie in Jamaika bleiben. Die Verbindung zu ihren Geschwistern, zu ihrem Land und zum SOS-Kinderdorf in Kingston ist stark. Regelmäßig kommen sie dort zu Besuch. „Manchmal spielen wir mit den Kindern, hängen mit ihnen ab und geben ihnen einen Rat“, sagt Anthony. „Vor allem sagen wir ihnen, dass alles gut wird. So wie bei uns.“
