„Ich möchte, dass Kinder gehört werden“
Kinder und Jugendliche erleben ihren Alltag anders als Erwachsene. Trotzdem werden Entscheidungen oft ohne sie getroffen. Damit sich das ändert, gibt es in vielen SOS-Kinderdörfern weltweit Kinder- und Jugendräte. Dort können junge Menschen ihre Anliegen einbringen, Verantwortung übernehmen und Veränderungen anstoßen. Eine von ihnen ist die 19-jährige Rolande aus Benin.
„Ich will, dass die Stimmen von Kindern und Jugendlichen gehört werden.“
Wenn Rolande das sagt, klingt es selbstverständlich, doch hinter dieser Aussage steckt eine beeindruckende Geschichte. Die heute 19-Jährige lebt seit ihrem fünften Lebensjahr im SOS-Kinderdorf Natitingou in Benin. Nachdem ihre Mutter gestorben war, konnte ihr Vater sich nicht mehr um sie und ihre sechs Geschwister kümmern. Heute besucht sie die weiterführende Schule und steht kurz vor ihrem Abschluss.
Außerdem engagiert sie sich seit sechs Jahren im Kinder- und Jugendrat, war bereits Vorsitzende des Gremiums und wurde 2024 zur Vertreterin der Kinder im Verwaltungsrat von SOS-Kinderdorf Benin gewählt. Als sie in den Kinder- und Jugendrat gewählt wurde, war sie die Jüngste:
„Wenn wir zu den Treffen gingen, hörte man oft nicht auf die Kinder. Die Älteren setzten sich durch, das wollte ich ändern.“
Sauberes Wasser für alle
Heute koordiniert sie die Arbeit des Gremiums. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern sammelt sie Ideen, verteilt Aufgaben und prüft, welche Projekte umgesetzt werden können. Für ihr Engagement wurde sie 2024 zur Vertreterin der Kinder im Verwaltungsrat von SOS-Kinderdorf Benin gewählt. Dort bringt sie die Anliegen der Kinder direkt in wichtige Entscheidungen ein.
Der Kinder- und Jugendrat setzt sich nicht nur für die Kinder im SOS-Kinderdorf ein, sondern auch für Menschen in den umliegenden Gemeinden. Zurzeit engagiert sich das Gremium für Familien, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. „Manche Kinder sind gezwungen, Wasser aus Sümpfen oder Wasserlöchern zu holen. 2022 ist ein kleines Kind sogar ertrunken, weil es Wasser von dort holen wollte und nicht zurückkam“, erzählt Rolande. Deshalb setzt sich der Kinder- und Jugendrat für den Bau weiterer Brunnen ein und arbeitet an Vorschlägen, wie diese finanziert werden können. Ziel ist es, Kindern den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen und sie vor Krankheiten zu schützen.
Mitbestimmung verändert Leben
Dass sich das Engagement lohnt, hat Rolande selbst erlebt. So konnten die Mitglieder des Kinder- und Jugendrats bereits mehrere Verbesserungen anstoßen. Beispielsweise, dass junge Menschen früher auf ihren Auszug aus dem SOS-Kinderdorf vorbereitet werden. „Früher wurden die Jugendlichen nur sechs Monate vorher informiert. Heute passiert das ein Jahr vorher. Wenn man ein Jahr vorher Bescheid weiß, kann man sich einfach besser auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten.“
Auch ein eigenes Radioprogramm geht auf die Initiative des Kinder- und Jugendrats zurück. Zudem entwickelte das Gremium während der Covid-19-Pandemie ein Projekt, das Jugendlichen digitale Kompetenzen vermittelt und sie beim Einstieg ins Berufsleben unterstützt. Mehrere junge Menschen haben dadurch bereits eine Arbeitsstelle gefunden.
Ein Traum mit großer Wirkung
Die Erfahrungen im Kinder- und Jugendrat haben Rolande geprägt. Heute interessiert sie sich besonders für Politik und möchte nach der Schule Jura studieren. Ihr großes Ziel formuliert sie ohne Zögern:
„Ich will später in die Politik gehen und über Kinderrechte sprechen.“
Ihr Vorbild ist Marie-Elise Gbèdo, die erste Frau, die in Benin für das Präsidentenamt kandidierte.
Besonders am Herzen liegen ihr die Rechte von Mädchen und Frauen. Viele Mädchen würden noch immer früh verheiratet oder hätten keinen Zugang zu weiterführender Bildung – vor allem in den ländlichen Regionen des Landes. Sie sagt:
„Ich will Frauen verteidigen, die verletzlich sind und nicht für sich selbst sprechen können. Weil ihnen die Mittel fehlen, werden sie vor Gericht oft nicht ernst genommen.“
Ob Rolande eines Tages tatsächlich Präsidentin von Benin wird, kann heute niemand wissen. Eines hat sie jedoch schon heute erreicht: Sie setzt sich mit großem Engagement dafür ein, dass Kinder gehört werden – und zeigt, wie viel junge Menschen bewegen können, wenn Erwachsene ihnen zuhören und ihnen Verantwortung zutrauen.
Benin in Zahlen
- Bevölkerung:15 Millionen
- Fläche: 112.622 km²
- UN-Human-Development-Index (2025): Platz 173 von 193 Ländern
- Nur 18 % der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem und direkt verfügbarem Trinkwasser.
- 36,2 % der Bevölkerung leben in Armut.
- 30 % der Kinder schließen die Grundschule nicht ab.
Quelle: UNICEF (2026): Africa’s Children 2026 Statistical Compendium; World Food Programme: Benin Annual Country Report 2025.
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