Aberglaube ist weitverbreitet
Nicht immer geht die „Heilung“ so zügig vonstatten wie bei der kleinen Marie. Andere Heiler lassen sich viel Zeit, oft dauert die Prozedur mehrere Wochen oder sogar Monate. Bei einem Heiler in Bori beispielsweise leben fünf Kinder, die zur Austreibung ihres Hexenkind-Makels allein in seinem Haus übernachten. Kostenpunkt für ihre Familien: jeweils 20.000 Francs, was etwa 30 Euro entspricht. Außerdem sind eine Ziege, ein Huhn, Salz und Chilischoten als Opfergaben zu entrichten. Ein stattlicher Preis, den sich in einem Land wie Benin längst nicht jede Familie leisten kann.
Viele „Hexenkinder“ in Afrika werden verstoßen
Auch deshalb werden nicht alle betroffenen Kinder zu einem „Heiler“ gebracht. In ländlichen Regionen in Benin, Nigeria oder Kongo ist es bis heute üblich, dass Eltern sie von einem sogenannten „Fixer“ töten lassen. "Das ist nichts anderes als eine Hexenverfolgung", erklärt Sozialarbeiterin Fidèle Chabi Guiya. „Früher wurden viele von ihnen ermordet, heute geben die Eltern sie oft einfach weg oder die Kinder werden von Aktivisten gerettet, die sie dann aufnehmen oder in Waisenhäuser bringen.“
Die junge Frau, selbst im siebten Monat schwanger, arbeitet für SOS-Kinderdorf in Benin und hat uns auf dem Weg zu dem Heiler in Paracou begleitet.
SOS-Kinderdorf sensibilisiert Familien
SOS-Kinderdorf thematisiert die Themen „Hexenkinder“ und „Rituelle Kindstötung“ in seiner Familienstärkung und leistet Überzeugungsarbeit bei den Familien. Außerdem schulen wir Kinderdorfmütter und andere Mitarbeitende von SOS-Kinderdorf. Darüber hinaus betreiben wir Lobbyarbeit. Dafür arbeiten wir mit 120 Nichtregierungsorganisationen zusammen, die sich ebenfalls in Benin um Kinder kümmern. Mindestens 14 betroffene Kinder konnte SOS-Kinderdorf in der jüngeren Vergangenheit in alternativen Einrichtungen unterbringen.
SOS-Kinderdorf nimmt sich der "Hexenkinder" an
Auch in den SOS-Kinderdörfern in Benin leben einige der sogenannten verhexten Kinder. Zum Beispiel Romaric. Der 12-Jährige wurde von seinen Eltern verstoßen. Er selbst hat daran keine Erinnerung und weiß nichts von seinem Schicksal als „Hexenkind“. Eine Bekannte aus dem Dorf rette ihm damals das Leben und gab ihn bei SOS-Kinderdorf ab, da war Romaric gerade einmal zwei Jahre alt.
Seine SOS-Mutter Geneviève schüttelt traurig den Kopf: „Unfassbar, dass so viele Menschen in Afrika wider besserem Wissen diesem Aberglauben anhängen. Wie kann ich denn mein eigenes Kind der Hexerei bezichtigen und weggeben oder sogar töten? Wenn Romaric nicht hier bei uns untergekommen wäre, ich weiß nicht, was aus ihm geworden wäre.“
Geneviève ist eine liebevolle, aber strenge Mutter. Alle Kinder müssen im Haus ihren Pflichten nachkommen, auch Romaric. Der Junge würde zwar lieber gleich mit dem Fußball losziehen, wenn er aus der Schule kommt, aber Hausaufgaben machen und dann noch etwas Küchenarbeit haben Vorrang.
Guido ist heute Lehrer
Am Nachmittag kommt Guido zu Besuch. Der 26-Jährige ist heute Lehrer an einer Schule in Natitingou. Auch er war ein sogenanntes „Hexenkind“, wurde mit den Füßen voran geboren. Heute führt er ein selbständiges Leben und besucht regelmäßig seine SOS-Mutter, der er so viel zu verdanken hat. „Ich habe hier so viel Liebe bekommen, das hätten meine echten Eltern auf gar keinen Fall besser machen können, aber die wollten mich ja nicht haben“, lacht der 26-Jährige und legt den Arm um die massige Gestalt seiner „Mama“.
Offizielle Zahlen gibt es nicht
Das Phänomen der „Hexenkinder“ findet sich auch in anderen afrikanischen Ländern, wie Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel. Es gibt keine offiziellen Zahlen, aber manche Menschen und Teile der Gesellschaft scheinen nach wie vor zu akzeptieren, dass dieser Aberglaube existiert. In Paracou, im Umfeld des „Heilers“, den wir gemeinsam mit Fidèle besuchen, sind sich die Frauen jedenfalls ganz sicher, dass es Hexerei und „Hexenkinder“ gibt. Selbst nach den „Heilungen“ muss dann oft eine neue Familie oder ein Waisenhaus für die Kinder gesucht werden, weil die biologische Familie und die Gemeinschaft sich weigern, das Kind oder den Jugendlichen zurückzunehmen.
SOS-Kinderdorf arbeitet in Paracou mit einer lokalen Organisation zusammen, die sich um die Aufnahme der Kinder kümmert. In ihrem Waisenhaus leben ca. 35 Kinder: „Hexenkinder“, Aidswaisen oder Kinder aus extrem armen Familien. „Keiner kennt hier die genaue Geschichte des anderen und es werden auch keine Fragen gestellt“, erzählt Madame Justine Zossoungbo, die Leiterin der Einrichtung. „Wir nehmen die Kinder auf und unterstützen sie. Manchmal vermitteln wir sie zu SOS-Kinderdorf, andere bleiben während ihrer gesamten Kindheit hier.“
Nicht alle Kinder haben so viel Glück wie Marie
Im Hinterhof beim „Heiler“ hat sich Marie von dem Schrecken schnell erholt und dreht sich auf die andere Seite. Dem Mädchen ist zum Glück nichts passiert. Ob hier gerade jemand „geheilt“ wurde ist für uns nicht ersichtlich – wovon auch? Marie läuft zum Spielen mit den anderen Kindern auf den Innenhof.
Der Aberglaube und Status als Hexe bzw. "Hexenkind" reißt viele Kinder in Afrika von ihren Familien fort oder in den Tod. Viele leben in Angst. Die „Tradition“ lebt trotz vieler kritischer Stimmen, auch aus Benin selbst, immer noch weiter. Und so haben nicht alle Kinder in Benin, Nigeria oder anderswo in Afrika das Glück, so wie Guido oder Romaric von SOS-Kinderdorf gerettet zu werden.