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Projektkoordinator Abdulfetah Adem

Wassersituation in Äthiopien im Fokus

Wassermangel in Äthiopien

In vielen Regionen Afrikas bleibt der Regen aus. Die Menschen haben nicht genug zu trinken. Am Horn von Afrika, besonders in Äthiopien, ist die Situation verheerend. Abdulfetah Adem ist Projektkoordinator für Nothilfemaßnahmen bei SOS-Kinderdorf Äthiopien und erzählt in einem Interview über die Probleme, die sich aus dem Wassermangel ergeben, und welche Hilfe SOS-Kinderdorf bietet.
Welchen Herausforderungen steht Äthiopien in Bezug auf Wasser aktuell gegenüber?
Zunächst einmal möchte ich erwähnen, dass unser Land reich an Wasserressourcen ist. Trotzdem gibt es zu wenig und die Qualität ist schlecht. Das hat vor allem mit den regionalen Schwankungen der Niederschlagsmenge zu tun. In manchen Teilen des Landes regnet es viel zu viel und anderswo sehr wenig bis gar nicht. Hinzu kommen Dürreperioden und Überschwemmungen. Die meisten Menschen in ländlichen Gebieten sind auf die Versorgung durch Flachbrunnen, Tiefbohrungen und Quellen angewiesen. Bei extremen Regenfällen wird das Wasser in den Brunnen schnell verschmutzt und ist damit unbrauchbar.  
Welche Auswirkungen hat die Wasserknappheit?
Laut einer Studie von Water.org verfügen etwa 42 Prozent der Bevölkerung Äthiopiens über sauberes Trinkwasser. Lediglich 11 Prozent haben Zugriff auf sanitäre Einrichtungen. In den ländlichen Gebieten des Landes sinken diese Zahlen sogar noch weiter. Das führt zu gesundheitlichen Problemen bei den Menschen und Tieren. Durch die mangelnde Hygiene verbreiten sich Krankheiten viel schneller aus.
Fehlendes Wasser kann außerdem zu Ernährungsunsicherheit führen, da es für die Landwirtschaft essenziell ist. Ohne ausreichende Bewässerung können Pflanzen nicht gedeihen, was zu Ernteausfällen führt.
Darüber hinaus sind Tiere auf Wasser angewiesen, sei es zum Trinken oder zur Bewässerung der Weiden. Wenn diese Ressource knapp wird, führt das zu einem Rückgang der Viehbestände und zu einem Mangel an tierischen Produkten wie Milch und Fleisch.
Inwieweit beeinflussen die Konflikte im Land die Wasserversorgung der Menschen im Land zusätzlich?
Die Abhängigkeit der Menschen vom Wasser wird in bewaffneten Konflikten absichtlich ausgenutzt. Die für die Trinkwasserversorgung erforderlichen Systeme werden beispielsweise angegriffen. Wenn der Mindestbedarf in manchen Gebieten dann nicht mehr gedeckt ist, führt das zu weiteren Konflikten innerhalb der Bevölkerung. Man kann sagen, dass Wasser immer eine große Rolle bei Konflikten spielt.
Inwieweit ist SOS-Kinderdorf Äthiopien von der Situation betroffen?
Nicht alle, aber viele der Standorte von SOS-Kinderdorf haben Probleme mit der Wasserversorgung. Dazu gehört zum Beispiel das SOS-Kinderdorf in Harar. In dieser Region ist es bereits das dritte Jahr mit unterdurchschnittlichen Regenfällen.
Für die Kinder und Mitarbeitenden im SOS-Kinderdorf wird das Wasser zu einer immer knapperen Ressource – sie sind auf Wassertransporte aus anderen Regionen des Landes angewiesen. Aber auch das wird zunehmend schwieriger, da das Wasser überall knapper wird.
Wie hilft SOS-Kinderdorf bei fehlendem Wassermangel?
Um den Herausforderungen entgegenzuwirken, haben wir hier in den letzten Jahren verschiedene WASH-Projekte* durchgeführt. Damit konnte der Zugang zu sauberem Wasser für den häuslichen Gebrauch in vielen Regionen verbessert werden.
In den letzten vier Jahren haben wir etwa 60.000 gefährdeten Menschen, wie den Binnenvertriebenen im Osten Äthiopiens, geholfen, Zugang zu WASH-Diensten zu bekommen. Das haben wir durch die Sanierung und den Bau von handgegrabenen Brunnen und Flachbrunnen erreicht.
Darüber hinaus wurden Wasserfilter bereitgestellt und den Gemeinden geholfen, ihre Wasserversorgungssysteme langfristig zu erhalten und zu verbessern. Dazu gehörten zum Beispiel auch Reparaturarbeiten.
Im SOS-Familienstärkungsprogramm unterstützen wir betreute Familien weiterhin, indem wir ihnen monatlich eine zuverlässige Wasserversorgung bieten. Das kostet circa 78 Euro im Monat. Zudem bieten wir Familien, die in der Landwirtschaft arbeiten, Unterstützung durch dürreresistentes Saatgut. Die Pflanzen wachsen besser und sind nicht mehr so empfindlich.

* „WASH“ steht für „Water, Sanitation and Hygiene“ (Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene)

Zur Person

Abdulfetah Adem arbeitet seit 2023 als nationaler Projektkoordinator für Nothilfemaßnahmen bei SOS-Kinderdorf Äthiopien. Zuvor war er bereits in verschiedenen Funktionen für SOS-Kinderdorf in der Region Harar tätig. In seiner derzeitigen Position beaufsichtigt er sektorübergreifende Nothilfeprojekte und betreut die Nothilfeteams. Seine Verantwortung ist es, effektive Nothilfemaßnahmen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit, sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen zu gewährleisten.