Armut in Äthiopien
SOS-Kinderdorf Äthiopien
Armut in Äthiopien

Etalem kämpft gegen das Leben auf der Straße

Wie sieht der Alltag in einem Slum aus? Für Etalem und ihre zwei Söhne ist jeder Tag eine Herausforderung. Sie wohnen zusammen in einer winzigen Hütte in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Während Etalem arbeiten geht, sind ihre Söhne allein. SOS-Kinderdorf hilft den drei in ihrer prekären Lage mit seinem Familienstärkungsprogramm.
Der Lärm der Straße dringt durch die Ritzen von Etalems Wellblechhütte. Die Luft im Inneren ist heiß und stickig. Das Licht einer winzigen Glühbirne beleuchtet die von Staub bedeckte Matratze. Dort sitzt Etalem mit ihren beiden Söhnen Aaron* (7) und Amadi (5). Die drei leben in Autobestera, einem Slum in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Der Vater der Kinder ließ Etalem im Stich, als sie mit Amadi schwanger war. Eltern hat sie keine mehr.

Das Phänomen der Straßenkinder

„Am schwierigsten für mich ist es, meine Miete zu bezahlen“, sagt Etalem. Obwohl sie in einer winzigen Hütte lebt, zahlt sie jeden Monat rund 50 Euro. Für ihre Verhältnisse ist das enorm viel. Die Familie nutzt die Gasse vor der Hütte zum Kochen und Duschen, vor den Augen aller Nachbarn. „Morgens verkaufe ich Kerzen und danach putze ich Häuser. Es ist immer zu wenig Geld da“, so Etalem. „Meine Söhne müssen essen, was ich mir leisten kann. Sie haben sich noch nie ausgewogen ernährt.“ Niemand kann auf die Kinder aufpassen, während ihre Mutter arbeitet. Sie versucht trotzdem, ihre Söhne von der Straße fernzuhalten.
Der Slum Autobestera liegt in der Nähe eines Busbahnhofs. Unbegleitete Kinder aus allen Teilen des Landes kommen jeden Tag dort an, um in Addis Abeba nach Arbeit zu suchen. Der Slum ist deswegen für seine hohe Zahl an Straßenkindern bekannt. Sie haben eine unsichere Zukunft. Es herrschen Gewalt und Kriminalität in Autobestera. Etalem weiß, dass dies eine gefährliche Umgebung für ihre Söhne ist: „Ich habe Angst, dass Diebe ins Haus kommen und meine Kinder bedrohen, wenn ich weg bin. Oder dass sie ein Feuer verursachen, denn es gibt lose elektrische Leitungen in der Hütte."

„SOS-Kinderdorf hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen“

2022 meldete Etalem ihre Kinder in einer von SOS-Kinderdorf betriebenen Kindertagesstätte an. Dort bekamen sie während der Schulferien Essen und Kleidung, lernten und spielten mit anderen Kindern. „Für mich war es eine große Hilfe“, sagt die Mutter heute. „Ich konnte unbeschwert arbeiten, ohne mir darüber Gedanken zu machen, ob Aaron und Amadi auf der Straße sind.“ Außerdem unterstützte SOS-Kinderdorf die Familie mit psychologischer Betreuung für die Jungen. „Früher wurden die beiden immer gefragt, warum sie keinen Vater haben. Das hat sie psychisch belastet. Dank der Hilfe sind sie heute viel ausgeglichener“, so Etalem.
Auch Etalem bekam psychologische Hilfe. Zudem wurde sie vom Familienstärkungsprogramm finanziell unterstützt und erhielt Schulungen zu Erziehungsfragen. Dadurch lernte sie, wie sie ihren Jungen trotz der schwierigen Umstände emotionale Stabilität vermitteln kann. Seitdem hat sie eine stärkere Bindung zu ihren Söhnen aufgebaut.
Auch wenn Aaron und Amadi wieder in die Schule gehen, kommt Etalem immer noch regelmäßig in die Kindertagesstätte, um sich von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern beraten zu lassen. „Dieses Projekt hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen“, sagt sie. „Es hat mich gestärkt und mir meine Hoffnung zurückgegeben!“
* Die Namen der Kinder wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Straßenkinder in Addis Abeba

In Addis Abeba leben mehr als fünf Millionen Menschen – 80 Prozent davon in Slums. Dort ist die Infrastruktur schlecht, es fehlt an Strom- und Abwassersystemen. Es gibt rund hunderttausend Straßenkinder, die in diesen Verhältnissen leben. Sie sind besonders anfällig für körperlichen Missbrauch und Gesundheitsprobleme. Zudem werden sie sozial abgelehnt, von der Gesellschaft verachtet und ihrer Grundbedürfnisse beraubt. Viele Kinder greifen schon in jungen Jahren zu Alkohol und Drogen, um mit der harten Realität und den täglichen Diskriminierungen fertig zu werden. 
In den nächsten Jahren wird sich die Lage in Äthiopien noch verschlechtern. Durch innere Konflikte, die anhaltende Dürre und die dadurch verursachte Hungersnot verschärft sich die Situation weiter. Immer mehr Menschen sind dadurch gezwungen, auf der Straße zu leben.