Christoph und Steffen lachen sich an

Geschwister im Herzen

Als Kinder kommen Christoph* und Steffen* aus unterschiedlichen Familien in das SOS-Kinderdorf Niederrhein. Zwischen den beiden entsteht schnell eine enge Freundschaft, die zur Wahlverwandtschaft wird. Fragt man heute nach der Beziehung der beiden, ist die Antwort eindeutig: „Wir sind Brüder“.
Die erste Begegnung, sie sah fast genau so aus wie auf dem Foto, das heute noch in den Alben von Christoph und Steffen klebt: Zwei Jungen auf einem Kettcar. Der sechsjährige Steffen, dunkle Haare, T-Shirt, in die Kamera blinzelnd, tritt in die Pedale. Christoph, zehn Jahre alt, blond, Brille sitzt im Anhänger. „Das war, glaube ich, mein dritter Tag im Kinderdorf, da haben wir uns auf dem Spielplatz kennengelernt“, erinnert sich Steffen.
Einige Monate vor dieser Begegnung hatte das Jugendamt entschieden, dass Steffen nicht mehr bei seiner Mutter leben konnte. Nach einer langen Suchterkrankung hatte sich die Alleinerziehende, auch ihrem Kind zuliebe, zu einem Entzugsprogramm entschlossen. Doch die Entwöhnung von den Drogen ist für sie anstrengend. Um sich voll auf ihre Heilung zu konzentrieren, kommt Steffen, nach Zwischenstationen in einem Kinderheim und einer Pflegefamilie, im Sommer 2009 ins SOS-Kinderdorf Niederrhein. Der zehnjährige Christoph lebt da schon vier Jahre in dem Dorf mit den Klinkerbauten am Rand von Kleve. Christophs Eltern stritten viel: „Da hat es irgendwann nicht mehr geklappt mit der Familie“, fasst der heute 22-Jährige die Gründe für seinen Umzug knapp zusammen.

Eine Freundschaft entsteht

Die beiden Jungen fühlen sich sofort wohl im Kinderdorf und schließen schon kurz nach ihrer ersten Begegnung Freundschaft – so schnell und unkompliziert wie es nur Kinder können: „Wir haben festgestellt, wir mochten beide Fußball und den FC Bayern. Da dachte ich: ‚Der mag das Gleiche, der ist cool, das passt‘“, sagt Steffen lachend.
Anfangs leben beide noch in verschiedenen Familien, doch als Steffen ein Wechsel in Christophs Familie angeboten wird, muss er nicht lange überlegen. Steffen zieht zu Christoph ins Haus O des Dorfes, wo sich Kinderdorfmutter Anne von da an um die beiden und drei weitere Kinder kümmert.
Beide haben glückliche Erinnerungen an die nächsten Jahre. Besuche im Zoo, Geburtstagsfeiern, Ferien auf dem Bauernhof: Auf fast allen Fotos aus dieser Zeit sieht man Steffen und Christoph fröhlich lachen. Und auch aus dem Alltag im Kinderdorf können sie lebhafte Geschichten erzählen: Davon wie sie gemeinsam einen Plan entwickelten, um heimlich an die Süßigkeiten in der Speisekammer zu kommen. Oder davon wie Steffen mit einem Elektro-Bausatz für Kinder einen Kurzschluss an einer Steckdose verursachte. „Den Knall habe ich bis in mein Zimmer gehört“, erinnert sich Christoph und beide grinsen.
Auch der Spielplatz, auf dem sich Christoph und Steffen zum ersten Mal trafen, ist ihnen im Gedächtnis geblieben. Die Schaukel wird zum Lieblingsplatz und Rückzugsort der beiden im Kinderdorf: „Hier konnten wir auch mal allein sein, um zu Beispiel über die Erzieher zu tratschen“, erinnert sich Steffen.

Erinnerungen und Auszüge

Aus den beiden Jungen wird in dieser Zeit ein eingeschworenes Team. „Wir waren uns eigentlich immer einig und haben uns auch nie schlimm gestritten“, erzählt Christoph und Steffen ergänzt: „Und wenn es Streit mit anderen gab, war Christoph immer auf meiner Seite.“
Doch Christoph und Steffen bleiben, anders als viele anderen, nicht bis zur Eigenständigkeit im Kinderdorf. Als Steffen 12 Jahre alt ist, ist seine Mutter stabil genug, um ihren Sohn wieder bei sich aufzunehmen. Steffen wird rückgeführt, wie es im Behördendeutsch heißt. Er verbringt jetzt mehr Zeit bei seiner Mutter. Auf den Fotos in Christophs Album aus dieser Zeit taucht er immer seltener auf. Bis zu seinem endgültigen Auszug aus dem Kinderdorf.
Doch auch Christoph bleibt nicht mehr lange im Haus O. Ein Jahr nach Steffens Auszug geht er zurück zu seinem Pflegevater, der sich schon vor der Unterbringung im Kinderdorf zeitweise um ihn gekümmert hatte.

Aus Freunden wird Familie

Nach dem Abschied vom Kinderdorf haben Steffen und Christoph zunächst keinen Kontakt, beide versuchen sich in ihrem neuen Alltag einzuleben. Doch irgendetwas fehlt. „Ich wusste zu Hause oft nicht so richtig, wohin ich gehöre. Denn eigentlich, dachte ich, gehöre ich ins Kinderdorf“, schildert Steffen. Schließlich fasst er sich ein Herz und nimmt Kontakt zu Christoph auf. Und fast wie bei ihrer ersten Begegnung auf dem Spielplatz sind sich die beiden sofort wieder sehr nah. Da steht fest, was fehlte, war nicht nur ein Spielgefährte aus dem Kinderdorf sondern ein Teil der eigenen Identität, ein Teil der Familie. Schon bald sehen sich Steffen und Christoph nicht mehr als Freunde, sondern als Geschwister.
„Dass das so ist, musste nie wirklich ausgesprochen werden, das war klar“, erklärt Steffen und ergänzt: Für mich ist Familie nicht Blut, sondern das was man fühlt und für mich ist das Christoph.“ Der wiederum glaubt: „Das Gefühl von Familie, kommt bei uns auch durch unsere gemeinsame Vergangenheit und durch das, was wir zusammen erlebt haben.“ Denn niemand anders kann so gut nachvollziehen, warum ein bestimmtes Lied im Radio beide zum Lachen bringt oder welche Erinnerungen mit dem Freizeitpark verknüpft sind in dem beide vor wenigen Monaten zum ersten Mal seit ihrer Kindheit zusammen waren. Auch bei Sorgen und Problemen ist für Christoph und Steffen der Bruder oft der erste Ansprechpartner. „Das macht ja auch Familie aus: Das man füreinander da ist“, sagt Steffen.

Bald trennt beide nur noch der Rhein

Und so wird die eigentlich ungewöhnliche Geschichte der beiden auch anderen gegenüber ganz einfach: „Wenn ich über Steffen spreche, sage ich: mein Bruder“, erklärt Christoph und Steffen nickt. Dass es sich um eine Wahlverwandtschaft handelt und wie diese zustande gekommen ist, wissen nur engere Freunde: „Meiner Freundin zum Beispiel habe ich natürlich von meiner Vergangenheit erzählt und davon, dass Christoph ein SOS-Bruder ist. Aber sonst erkläre ich das eigentlich nicht“, so Steffen.
Derzeit sehen sich Steffen und Christoph ungefähr alle zwei Wochen. Wenn es etwas Dringendes zu besprechen oder erledigen gibt öfter. Doch schon bald könnte der Kontakt noch intensiver werden. Denn in wenigen Wochen wird Steffen aus Oberhausen in Christophs Stadt nach Duisburg ziehen. Trennen wird die Brüder dann „nur noch der Rhein“, wie Steffen lachend sagt. Und als Umzugshelfer ist Christoph schon fest eingeplant. In einer Familie ist man eben füreinander da.
* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert.