Bewohner der Dorfgemeinschaft Hohenroth mit Füßen im Meer
Menschen mit Beeinträchtigung auf Reisen

Ein Urlaub für alle

Die Hausfreizeiten der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth ermöglichen es Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, unbeschwerte Urlaubstage zu genießen. Wie wichtig so ein Urlaub auch für das Gemeinschaftsgefühl ist, zeigt sich bei einer dieser Fahrten in den hohen Norden.
Neugierig nähern sich die Schafe der Gruppe vor dem Zaun. Sie schnüffeln, schauen, blöken. Dann streckt Ulli ihre Hand aus und krault eines der Tiere, dass die Berührung sichtlich zu genießen scheint. „So wollig warm“, stellt die 34-Jährige fest, bevor sich auch die Hände ihrer Begleiter über und durch den Zaun schieben, um die Schafe zu streicheln. „Wie süß“, freut sich der 22-jährige Paul über die zutraulichen Tiere, während Melanie mit dem Handy Fotos von den Tieren knipst. „Für mein Album“, sagt sie stolz. Schon jetzt scheint festzustehen, dass der heutige Ausflug in den Haustierpark Werdum ein voller Erfolg werden wird.
Es ist ein sonniger Tag Ende September in Ostfriesland und der vierte Urlaubstag von Ulli, Paul, Melanie und den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern von Haus 8 der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth. In Hohenroth leben und arbeiten Erwachsene mit kognitiver Beeinträchtigung, die in sogenannten Hausgemeinschaften untergebracht sind und betreut werden. Sie arbeiten in verschiedenen Arbeitsbereichen. Ulli beispielsweise arbeitet vormittags in der Landwirtschaft und nachmittags im Café und Hofladen. Paul ist ganztätig in der Landwirtschaft tätig. Doch heute liegen über 500 Kilometer zwischen Hohenroth in Bayern und der Gruppe aus dem Haus 8. Denn die Hausgemeinschaft ist auf Ferienfreizeit. Diese Fahrten ermöglicht die SOS-Dorfgemeinschaft jeder Wohngruppe in Hohenroth regelmäßig als gemeinschaftliche Auszeit.
Denn nicht für alle Hohenrother sind Urlaube selbstverständlich. Zwar können sich alle Bewohnerinnen und Bewohner der SOS-Dorfgemeinschaft freinehmen, doch nicht alle sind selbstständig genug, um in einer fremden Umgebung ohne Unterstützung zurechtzukommen. Gibt es dann keine nahen Angehörigen, sind Reisen für sie nicht zu organisieren. Die Hausfreizeiten sind deswegen eine ideale Gelegenheit für die Bewohner und Bewohnerinnen der SOS-Dorfgemeinschaft, dem Alltag zu entfliehen und Neues kennenzulernen. Vor allem aber ermöglichen sie es ihnen, eine besondere Zeit als Gruppe zu verbringen.

Eine Hausgemeinschaft wie eine Familie

„Der Urlaub ist für uns so wichtig, wie er es auch in normalen Familien ist“, erklärt Stefanie Reusch, während Ulli und Paul die Schafe kraulen. Reusch ist Betreuerin im Haus 8 in Hohenroth und begleitet mit ihrem Kollegen Markus Wessely auch die Hausfreizeit. Die beiden Heilerziehungspfleger arbeiten schon länger in der Dorfgemeinschaft, aber erst seit einem Jahr gemeinsam in Haus 8. Für die beiden ist es somit die erste Hausfreizeit. „Aber ich merke jetzt schon, wie gut solche Fahrten unseren Bewohnerinnen und Bewohnern tun“, sagt Reusch, „wir alle lernen uns gerade noch einmal ganz anders kennen und entdecken ganz neue Facetten aneinander.“
Die Gruppe ist inzwischen von den Schafen an den Eseln und Ziegen vorbei weiter zur Streichelwiese gezogen. Hier kann man direkt zu den verschiedenen Schafarten ins Gehege, ganz ohne Zaun dazwischen. An einem Automaten hat Markus Wessely zuvor Futter für die Tiere gekauft, in kleine Pappbecher abgefüllt und an die Gruppe verteilt. „Haltet die Becher hoch, sonst reißen die Tiere sie euch aus der Hand“, gibt er allen noch als Tipp mit.
Doch die Schafe sind hungrig und nicht gerade schüchtern und so ist das Futter schnell aufgebraucht. Trotzdem: „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt der 43-jährige Uwe, nachdem Melanie ein Gruppenfoto von allen auf der Streichelwiese gemacht hat. Dann geht die Erkundung des Haustierparks weiter. Die Hohenrother füttern Ziegen, bestaunen die großen Poitou-Esel und freuen sich über das Gewusel im Mäusekäfig.

Arbeit, die sich lohnt

Um die Mittagszeit herum verlässt die Gruppe dann den Haustierpark und macht sich auf zu einem Café mit angeschlossener Mühle ganz in der Nähe. Hier haben die Betreuer mehrere Tische für die Gruppe in einem Nebenraum des Cafés reserviert. Doch zuerst wird die Mühle erkundet und Hohenrotherin Melanie schießt etliche Handyfotos ihrer Mitbewohner und Mitbewohnerinnen vor und in der Mühle. Dann holen sich alle Kaffee und Kuchen und lassen fröhlich den Vormittag Revue passieren. Stefanie Reusch freut sich zu hören, wie gut der Tag bisher bei allen ankam: „So viel positives Feedback ist für uns natürlich auch eine schöne Bestätigung“, sagt sie.
Denn auch wenn sie und ihr Kollege fast genauso entspannt wirken wie der Rest der Gruppe, bedeutet so eine Hausfreizeit für die beiden Betreuer auch jede Menge Arbeit. „Klar ist es anstrengend. Es gibt immer etwas zu organisieren, oder jemanden, der Unterstützung braucht“, sagt Markus Wessely. Auch vorab müsse so eine Urlaubsfahrt für elf Menschen gut geplant werden. Insbesondere wenn Aktivitäten, Verpflegung und Unterkunft auch behindertengerecht sein müssen. Schwierig seien laut Wessely zum Beispiel Restaurants mit Selbstbedienung oder lange Wartezeiten. „Aber auch ein Hotel mit Hunderten anderen Gästen wäre für manche Bewohner eine zu große Herausforderung gewesen“, erklärt Wessely. Stattdessen wohnt die Gruppe während des Urlaubs in einem für sich gelegenen Ferienhaus im Nordseeheilbad Bensersiel. „Da haben wir Platz und einen Garten, wir können zusammensitzen, lachen und laut sein und es stört niemanden“, so Wessely. Für ihn lohnt sich die Mühe, die ihm und seiner Kollegin die Hausfreizeit manchmal macht: „Wenn wir schöne Momente schaffen können, die allen in Erinnerung bleiben, dann ist es fast egal, wie viel Arbeit wir damit hatten.“

Gemeinsam stark

Nach einer ausgiebigen Mittagspause entschließt sich die Gruppe zu einem Strandspaziergang. Das Meer ist nur wenige Gehminuten von der Unterkunft entfernt und für die Bewohnerinnen und Bewohner eine echte Attraktion. Denn einige von ihnen waren vor der gemeinsamen Hausfreizeit noch nie an der Nordsee und sind besonders von den hier deutlich sichtbaren Gezeiten beeindruckt.
Für Hohenrotherin Annegret allerdings ist der Weg zum Strand nicht ganz so einfach. Sie muss sich noch von einem Unfall erholen, kann ihr Bein nicht voll belasten und braucht deswegen Krücken und für längere Strecken einen Rollstuhl. Doch auch sie soll den Spaziergang natürlich nicht verpassen und ihr Mitbewohner Paul bietet gerne an, sie gemeinsam mit Stefanie Reusch im Rollstuhl zu schieben. Die Heilerziehungspflegerin freut sich sehr über die Hilfsbereitschaft des jungen Mannes. „Es ist toll zu sehen, wie sich das Gemeinschaftsgefühl auf so einer Reise entwickelt. Die Bewohner wachsen als Gruppe richtig zusammen und nehmen Rücksicht aufeinander“, sagt Reusch. Gestern zum Beispiel war die Gruppe in einem Freizeitpark. „Da haben alle darauf geachtet, dass jeder auch die Sachen machen kann, die ihm oder ihr Spaß machen“, erzählt sie. Als Erinnerung an diesen schönen Tag tragen einige der Frauen aus dem Haus 8 heute die Freundschaftsringe, die sie sich zusammen im Souvenirshop des Freizeitparks gekauft haben.

Reisefreuden und Heimweh

Am Strand weht eine ostfriesische Brise und auch sonst ist es zu kalt, um schwimmen zu gehen. Aber „Füße baden“, wie Paul es nennt, will sich die Gruppe nicht nehmen lassen. Also werden Schuhe und Socken ausgezogen und Hosen hochgekrempelt. Ulli und Melanie gehen zuerst ins Wasser, dann folgt Paul mit seiner Mitbewohnerin Liv an der Hand. Lediglich Uwe und Annegret bleiben am Strand. Ihm ist das Wasser zu kalt und sie kann wegen ihrer Verletzung nicht ins Meer. Stattdessen genießen die beiden die Aussicht. Annegret freut sich über ein paar Schiffe, die sie am Horizont sieht. Und Uwe klingt sehr zufrieden, als er sagt: „Es ist so ruhig hier. Man kann richtig die Seele baumeln lassen. Einfach mal an nichts denken, was einen sonst beschäftigt.“
Irgendwann fällt Betreuerin Stefanie Reusch auf, dass Hohenrotherin Lisa sich etwas von der Gruppe abgesondert hat. Die junge Frau ist schon den ganzen Nachmittag in gedrückter Stimmung. Sie vermisst ihren Freund, der in Hohenroth geblieben ist. Gerne hätte sie ihn in der Mittagspause angerufen, konnte ihn aber nicht erreichen. Jetzt steht sie abseits im Wasser und wirkt traurig. Stefanie Reusch geht zu ihr, redet mit ihr und nimmt sie schließlich in den Arm. Danach ist die Laune bei Lisa schon wieder etwas besser. Markus Wessely, der die Szene beobachtet hat, sagt: „Heimweh gibt es immer wieder mal. Das gehört auch einfach dazu. Aber wir können da eigentlich immer ganz gut unterstützen und trösten.“

Momente, die bleiben

Nachdem alle ihre Socken und Schuhe wieder angezogen haben, geht es zum Spielplatz an der Strandpromenade. Hier war die Gruppe gestern schon und einige von ihnen freuen sich schon den ganzen Tag auf Schaukel, Flying Fox und Klettergerüst. Insbesondere der 22-jährige Paul ist beim Anblick der Geräte fast nicht mehr zu halten. Der Flying Fox hat es ihm besonders angetan. „Wettrennen“, fordert er seine Mitbewohner und Mitbewohnerinnen heraus und saust schon kurze Zeit später mit wehenden Locken und lautem Lachen die Seilrutsche hinab. Markus Wessely beobachtet die Gruppe beim ausgelassenen Toben. „Jetzt können sie sich noch mal richtig auspowern“, sagt er lachend. Er freut sich sehr darüber, wie gelöst und unbeschwert alle Bewohnerinnen und Bewohner von Haus 8 in diesem Moment wirken. „Diese Freude zu sehen, die oft von ganz einfachen Sachen kommen kann, ist auch für uns etwas ganz Besonderes“, sagt er und Kollegin Stefanie Reusch ergänzt: „Das gibt einem wirklich viel zurück.“
Die Gruppe bleibt bis zur Dämmerung gemeinsam auf dem Spielplatz, tobt, lacht und trägt einen regelrechten Flying-Fox-Wettkampf aus. Dann machen sich die Hohenrother auf den Rückweg zu ihrer Unterkunft, wo sie schließlich müde und glücklich ankommen. Den Rest des Abends wollen sie beim Grillen ausklingen lassen. Dafür beginnt Markus Wessely Fleisch und Salate vorzubereiten und den Grill anzuheizen. Währenddessen besprechen alle noch einmal die Pläne für die restlichen Urlaubstage. Morgen wollen sie mit der Fähre auf die Insel Langeoog, darauf freut sich Paul schon ganz besonders. Ulli hatte sich Minigolfspielen gewünscht und alle Bewohner möchten sich noch beim Bogenschießen ausprobieren. Doch auch schon jetzt war die Hausfreizeit ein voller Erfolg, da sind sich alle einig. Betreuer Markus Wessely ist sich sicher: „Davon werden wir noch Monate zehren, wahrscheinlich bis zur nächsten Hausfreizeit.“