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Einer von wenigen

Der moderne SOS-Kinderdorfvater

Früher managte Marc Bässler Golfclubs, heute eine SOS-Kinderdorffamilie. Es gibt kaum andere Männer, die diese Rolle übernehmen. Warum hat sich Bässler dafür entschieden?
Entschlossen legt Marc Bässler die wenigen Meter auf die Bühne zurück. Etwa 100 Leute in Stuhlreihen klatschen. Ein Mann ergreift das Wort, er spricht schwäbischen Dialekt.
„Es ist eine Besonderheit in der Geschichte des SOS-Kinderdorfs Württemberg, dass wir nach 65 Jahren einen SOS-Kinderdorfvater für uns gewinnen“, 
sagt Rolf Huttelmaier, der Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfs. 
Es ist Anfang Oktober in Oberberken, einem Stadtteil von Schorndorf, als Bässler vom Einrichtungsleiter offiziell begrüßt wird. Die Herbstsonne durchflutet den Saal. Bässler trägt eine schwarze Hose, ein Sakko, ein Paar Sneaker, dazu ein T-Shirt. 
Der 48-Jährige Bässler kümmert sich seit zwei Monaten um vier Kinder zwischen 5 und 16 Jahren. Er lebt gemeinsam mit ihnen in einem Haus. Unterstützung bekommt er von drei pädagogischen Fachkräften und einer Hauswirtschaftskraft. 37 SOS-Kinderdorffamilien gibt es im Verein. Es ist eine Branche mit einem sehr hohem Frauenanteil, Bässler ist einer von drei SOS-Kinderdorfvätern.* 
Die Kinder leben bei SOS-Kinderdorf, weil sie in der Vergangenheit Vernachlässigung, Gewalt oder emotionalen Missbrauch erfahren haben – sie zählen zu den mehr als 72.800 Kindern in Deutschland, die laut dem Statistischen Bundesamt jährlich in ihrem Wohl gefährdet sind. 

Zweifel und Zukunftspläne

Zurück im Haus von Bässlers SOS-Kinderdorffamilie läuft Leo**, lilafarbene Crocs und Dino-T-Shirt, an Marc Bässlers Beinen hoch. Er hält sich dabei an seinen Händen fest. Am Bauch stößt er sich ab, macht eine Rückwärtsrolle und landet mit den Beinen um Bässlers Hüfte. Die beiden lachen. Bässler habe das Gefühl, dass die Kinder Vertrauen zu ihm gefasst hätten. Er sagt:
„Sie geben ehrliche, ungeschönte Rückmeldung. Es kommt aus dem Herzen.“
Die Aufgabe des SOS-Kinderdorfvaters ist eine langfristige, Bässler hat vor, sie 15 Jahre zu übernehmen, erzählt er. Davor habe er abgewogen, was es für sein Leben bedeuteten würde – mit allen Ängsten, Unsicherheiten, Chancen und Risiken. Er habe alle Zweifel zerstreuen können, sagt er. Eigene Kinder hat Bässler nicht, aber zwei „Töchter“, wie er sie nennt, die Kinder seiner ehemaligen Partnerin, 19 und 21 Jahre alt. 
Seinen Lebensstil versucht Bässler so gut es geht beizubehalten. An freien Vormittagen schwingt er den Golfschläger oder trifft sich mit Freunden zum Kaffeetrinken. Zweimal pro Woche trainiert er im Fitnessstudio. 
Die freien Wochenenden verbringt Bässler in seinem Wohnmobil. Er liebe das Reisen, die Freiheit, sagt er. Bevor Bässler seinen Job als SOS-Kinderdorfvater antrat, hat er sechs Monate im Wohnmobil gelebt. Das solle auch sein Ruhestand sein, sagt er. 

Vom Geschäftsmann zum Erzieher 

Marc Bässler wird in Schwaikheim geboren, rund 25 Kilometer entfernt vom SOS-Kinderdorf. Nach dem Abitur macht er eine Ausbildung zum Werbekaufmann, studiert danach Sportmanagement und wird Clubmanager eines Golfclubs. 
80-Stunden-Woche, arbeiten, wenn andere frei haben. Bässler merkt: „Das ist langfristig nicht gut für mich“ und beginnt eine Ausbildung zum Bankkaufmann. 
Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich. Er begleitet Ferienfreizeiten und gründet eine soziale Fußballschule für Kinder. Die Ehrenämter machen Bässler mehr Spaß als sein Hauptjob bei der Bank. 
Über den Fußball lernt er Kinder aus dem SOS-Kinderdorf kennen. Er informiert sich über den Verein – ihm gefällt das Konzept des Kinder- und Jugendhilfeträgers. So gut, dass er 2014 eine Ausbildung zum Erzieher in der SOS-Kita am Wasserturm beginnt. Danach arbeitet er mehrere Jahre in Kitas und der Jugendhilfe. 2025 startet er schließlich als SOS-Kinderdorfvater. „Es war ein bisschen wie nach Hause zu kommen“, sagt er. 
Wenn man Bässler zusieht, wie er mit den Kindern umgeht, hat man das Gefühl, dass er angekommen ist. Er wirkt wie der Rastlose, der im SOS-Kinderdorf ein Stück Ruhe gefunden hat. Bässler lacht viel, hört den Kindern zu. Die Kinder umarmen ihn, als wüssten sie: Hier ist jemand, der sie auf ihrem Weg begleitet.

Mut und Anerkennung

Bässlers Erziehungsstil ist ein wenig anders. „Es ist ein Stil, der sehr gut in die heutige Zeit passt“, findet Volker Grimm, Bereichsleiter und Bässlers Chef. Der Alltag ist bei ihm klar strukturiert: Eine Spielhalle bündelt Spielsachen, die Kinderzimmer bleiben frei davon, ein Whiteboard strukturiert den Tagesablauf. Das Mittagessen unter der Woche wird von einer regionalen Cateringfirma geliefert.
Unter der Woche kümmert sich Bässler morgens allein um die Kinder. Er macht Frühstück, schmiert Pausenbrote und begleitet die Kinder in die Kita oder zum Schulbus. Die Vormittage nutzt er für sich oder erledigt Organisatorisches: Finanzplanung, Terminkoordination, Hilfeplangespräche mit dem Jugendamt und den Eltern. Ab dem Mittag stoßen die pädagogischen Fachkräfte hinzu. Am Abend ist Bässler wieder allein für die Kinder da. 
„Den Job als Mann zu machen, erfordert Mut“, 
sagt Bässler. Es gäbe auch kritische Stimmen. Mitarbeitende aus dem SOS-Kinderdorf, die anfangs seine Fähigkeiten und Methoden anzweifelten, Bekannte, die sich nicht tief genug mit der Arbeit beschäftigt hätten. „Dann hat man die Vorstellung, dass man sein Leben aufgibt“, sagt Bässler. Das sei nicht so, meint er.  
Er findet, dass soziale Berufe gesellschaftlich weniger anerkannt seien als andere. Seine Freunde hätten seine Entscheidung, Erzieher zu werden, in finanzieller Sicht „seltsam“ gefunden. 
Auch die Frage des Geschlechts mache einen Unterschied, sagt Bässler. Das habe er schmerzlich gelernt. In seinem ersten Job in der Kita habe er nicht wickeln dürfen – die Eltern hätten nicht gewollt, dass das ein Mann übernimmt. „Das ist hart“, sagt er. 
Vom Fußball- und Basketballplatz, wenige hundert Meter vom Haus entfernt, kann Marc Bässler den gelben Wasserturm am Eingang des SOS-Kinderdorfs sehen. Er hat die Hände locker in den Hosentaschen vergraben. Seine Augen sind feucht. Er erzählt von dem Moment, der ihn in seiner Entscheidung bestärkte, Erzieher zu werden. 
In einer Ferienfreizeit sei ein Mädchen dabei gewesen, das kurz zuvor seine Mutter verloren hatte. „Ich hatte Schiss davor. Wie geht man mit so etwas um?“ Am Ende der Reise habe das Mädchen gesagt, dass es der schönste Urlaub gewesen sei, den sie je hatte. „Solche Momente sind unbezahlbar“, sagt Bässler.
* Stand: November 2025.
** Name zum Schutz der Privatsphäre geändert.