SOS-Kinderdorfmutter: eine Lebensaufgabe
Ines Freiheit kümmert sich seit Kurzem in Vollzeit um Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern leben können. Sie ist SOS-Kinderdorfmutter im SOS-Kinderdorf Harksheide. Wie hat sich ihr Leben verändert? Und was ist nach rund 70 Jahren vom Ursprungskonzept der Kinderdorffamilie geblieben?
Auf den ersten Blick unterscheidet sich Ines Freiheits Familie nicht von der einer gewöhnlichen Ein-Eltern-Familie. Freiheit weckt die drei Kinder jeden Morgen, fährt den Ältesten zur Schule, kocht Mittagessen für alle und bringt die Geschwister abends zu Bett in dem kleinen Bungalow im Norden Hamburgs, in dem sie seit August wohnen. Alles ganz normal – und doch so anders. Denn die dreijährige Milena*, der fünfjährige Adam* und der 9-jährige Jakob* sind nicht Freiheits biologische Kinder und auch sonst nicht mit ihr verwandt.
Freiheit ist eine von sechs SOS-Kinderdorfmüttern, die im SOS-Kinderdorf Harksheide arbeiten und leben. Sie kümmert sich hauptberuflich und rund um die Uhr um die drei Geschwister, die zu ihrem Schutz aus der Familie genommen wurden und nicht bei ihren Eltern bleiben konnten. Auf die Stelle stößt Freiheit zufällig im Internet. Von der Idee, als Kinderdorfmutter zu arbeiten, ist sie sofort fasziniert. „Ich dachte: Das würde ich gerne machen, das wäre mein Traum“, erzählt die zierliche Frau, die ihre braun-grauen Haare in einem lockeren Zopf zusammengebunden hat. Freiheit trägt ein saphirblaues Kleid, ihre Stimme ist sanft. Es scheint, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen.
Für den Job verlässt Freiheit ihren Lebensmittelpunkt Dresden, dort wohnen auch ihre zwei erwachsenen Söhne. Die Meinung ihrer leiblichen Kinder sei ihr wichtig gewesen. Diese seien zwar nicht begeistert gewesen, hätten ihr aber auch nicht abgeraten. „Sie haben gesagt: Wenn du das willst, dann mach es.“
Und das tut Freiheit auch. Die heute 51-Jährige bewirbt sich bei SOS-Kinderdorf – und hat Erfolg. Als Integrationsfachkraft und Gruppenerzieherin in einer Kita und ausgebildete Heilpädagogin bringt sie gute Voraussetzungen mit. Ab September 2023 läuft Freiheit zunächst im SOS-Kinderdorf Worpswede unweit von Bremen in verschiedenen Kinderdorffamilien mit. Parallel belegt sie ein Einführungsprogramm für Berufseinsteiger im stationären Bereich.
Aber ist es wirklich der richtige Weg? Freiheit hadert zwischenzeitlich mit der Entscheidung. Will sie mit Anfang 50 wirklich eine berufliche Veränderung wagen und Hunderte Kilometer weg von ihrer Heimat ziehen, während Freunde und Familie in Dresden bleiben? Freiheit traut sich. Nach einem Jahr in Worpswede wechselt sie ins SOS-Kinderdorf Harksheide und tritt dort schließlich im August 2024 ihre Stelle als Kinderdorfmutter an. Sie bereut ihre Entscheidung nicht, sondern strahlt:
„Ich bin so glücklich. Das hier ist der Ort, wo ich hingehöre. Das ist mein Platz.“
Ein (fast) ganz normaler Alltag
Gleich ist Mittag. Auf dem Herd in der Küche köchelt eine Bolognese-Soße. Das einstöckige Haus mit großzügiger Terrasse hat Freiheit selbst eingerichtet. Es ist gemütlich geworden. Im hellen, offenen Wohn- und Essbereich finden sich viele Möbel aus Wildkirschenholz, über dem großen Esstisch baumeln von Kinderhand gebastelte Kürbisse, Äpfel und Sterne aus Papier, ein Ofen spendet Wärme an kalten Tagen.Drittklässler Jakob hilft Kinderdorfmutter Freiheit beim Eindecken, der fünfjährige Adam ist aufgedreht und kann es kaum erwarten, dass die Nudeln auf den Teller kommen, Milena reibt sich müde die Augen. Mit am Tisch sitzt auch die 24-jährige Florentin Lüthke. Die gelernte Erzieherin nimmt Freiheit im Alltag zeitweise die Kinderbetreuung ab und erledigt auch sonst ähnliche organisatorische Aufgaben. Eine Hauswirtschaftskraft greift den beiden Frauen bei Bedarf zusätzlich unter die Arme. Auch der regelmäßige Austausch mit den anderen Kinderdorfmüttern, dem Fachdienst und der einrichtungseigenen Kinderschutzbeauftragten ist wesentlicher Bestandteil der Arbeit.
70 Jahre SOS-Kinderdorffamilie
Als im Februar 1957 die erste SOS-Kinderdorfmutter Gisela Hokenroth ihre Arbeit in Dießen am Ammersee aufnahm, stand ihr noch kein Team aus weiteren pädagogischen Fachkräften zur Seite. Die Kinderdorfmutter qualifizierte sich damals aus „reiner Mütterlichkeit“ als solche, eine spezielle oder pädagogische Ausbildung war zunächst nicht gefragt.
1976 professionalisierte SOS-Kinderdorf das Verfahren und setzte eine zweijährige Ausbildung in der vereinseigenen Mütterschule voraus. Ende der 90er-Jahre wurde schließlich eine berufsbegleitende oder bereits absolvierte Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin zur Pflicht. Kümmerte sich eine SOS-Kinderdorfmutter bis in die 70er-Jahre um bis zu neun Kinder, sind heute in den Familien maximal sechs untergebracht. Und auch Kinderdorfväter sind willkommen, sich zu bewerben.
Die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben hat sich ebenfalls positiv entwickelt. Eine Ehe oder Partnerschaft ist kein Hindernis, seit 1980 können Kinderdorfmütter verheiratet sein. Und auch eigene Kinder unter vier Jahren können die Kinderdorfmütter- oder -väter in die Familien mitbringen.
Ein Job bis zur Rente
Nach dem Mittagessen verschwinden die Kinder in ihre Zimmer, Jakob nutzt seine tägliche einstündige Medienzeit und spielt auf dem Tablet, Adam baut in seinem Zimmer mit Lego-Steinen, die dreijährige Milena macht Mittagsschlaf. Am Nachmittag treffen sie sich häufig draußen mit anderen Kinderdorfkindern.
Zeit für Freiheit, sich gemeinsam mit Lüthke um den Haushalt zu kümmern. Freiheit macht zudem Abrechnungen, hält das Budget im Blick, organisiert Termine und Hilfeplangespräche mit dem Jugendamt und den Eltern. Es ist immer etwas zu tun. Zu viel? Für Freiheit nicht:
„Ich mag diese Kinder, ich mag diese Aufgabe. Natürlich ist es auch anstrengend, aber es gibt so viele Momente, die einfach so schön sind.“
Damit Freiheit einen freien Tag pro Woche hat, übernimmt Lüthke jeden Freitag eine 24-Stunden-Schicht. Sie springt auch ein, wenn Freiheit in den Urlaub fährt. Freie Tage verbringt die Kinderdorfmutter meist in ihrer privat gemieteten Wohnung im Nachbarort. „Ich genieße das sehr, dass ich hinter mir die Tür zumachen kann. Ich kann für mich sein.“ An einem ihrer ersten freien Tage habe sie sich einen Wellnesstag gegönnt, erzählt sie weiter.
Zwei Stunden später hüpfen Freiheit, Jakob und Adam in Socken auf dem Trampolin, das die Kinderdorfmutter im Vorgarten aufgebaut hat, Milena schläft noch. Jakob lässt sich auf den Po fallen, springt bäuchlings von links nach rechts. Die drei lachen zusammen, Adam schmiegt sich immer wieder an seine Kinderdorfmutter. Auch wenn sie sich erst seit wenigen Monaten kennen, scheinen insbesondere die Kleinsten bereits eine Bindung zu Freiheit aufgebaut zu haben.
„Meine Wunschvorstellung ist, die Kinder zu begleiten, bis sie erwachsen sind. Dass ich sie dann mit ruhigem Gewissen ins eigene Leben entlassen kann und ich weiß, sie waren hier gut versorgt. Und ich gehe dann ins Rentenleben“, meint Freiheit. Ob sie das Gefühl habe, etwas aufzugeben? „Ich wusste, was auf mich zukommt. Und ich habe mich ja ganz bewusst dafür entschieden. Ich vermisse nichts, sondern für mich ist das ein Abschnitt im Leben, der eben herausfordernd, aber auch schön ist.“
*Namen der Kinder zum Schutz der Privatsphäre geändert.
