Geboren im falschen Körper
Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt haben in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erfahren. Nichtsdestotrotz sind noch immer viele Menschen aus der LGBTQIA+-Community von Diskriminierung, Ausgrenzung, sogar Gewalt betroffen. SOS-Kinderdorf fördert Menschen in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung. Ein Besuch im Mehrgenerationenhaus Merzig und dem SOS-Kinderdorf Saar.
Jo* ist erst vier Jahre alt, als ihm klar wird, dass er im falschen Körper steckt und „sein Inneres mit dem Äußeren nicht übereinstimmt.“ Trotzdem unterdrückt der heute 59-Jährige über Jahrzehnte hinweg seine wahren Gefühle. Nach außen lebt er als lesbische Frau, doch innerlich ist er zerrissen und kämpft gegen den gesellschaftlichen Druck an, der ihn spüren lässt, nicht der Norm zu entsprechen. Jo ist transident – er kann sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.
Der Tod seiner langjährigen Partnerin markiert nach Jahren voller Verdrängung und Leid schließlich den Wendepunkt in Jos Leben. Mit fast 60 fasst er den Entschluss, zu dem zu stehen, was er von klein auf versucht hatte, von sich zu schieben. Ab sofort will Jo als Mann leben: „Ich hab’ immer mehr gemerkt, dass ich es nicht mehr wegdrücken kann, es für mich in Angriff zu nehmen. Dass ich es wahrscheinlich am Ende meines Lebens bereuen werde.“
Zwei Jahre später sitzt Jo am Tisch bei „Trans*Anders“, einer Selbsthilfegruppe für transidente Menschen aus der Region – die erste ihrer Art im Saarland. Die ehrenamtliche Leitung hat Maraike Kuster inne – sie ist selbst transident und kann deshalb die Sorgen und Fragen der Teilnehmenden gut nachvollziehen und wertvolle Hilfe und Tipps geben. In der Gruppe tanken Betroffene wie Jo das nötige Selbstvertrauen, um sich auch in der Öffentlichkeit in dem für sie richtigen Geschlecht zu zeigen. Seit Mitte 2020 stellt SOS-Kinderdorf die Räumlichkeiten im Mehrgenerationenhaus in Merzig für das Angebot.Die Seele befreien
Während manche Teilnehmende – wie Transmann Jo – noch ganz am Anfang ihrer Reise stehen und sich noch nicht oder nur teilweise geoutet haben, leben andere bereits im Alltag in ihrem neuen Geschlecht und haben ihren Geburtsnamen abgelegt. Nicht jede transidente Person entscheidet sich für eine geschlechtsangleichende Operation, einem zum größten Teil nicht mehr umkehrbaren Eingriff. „Der eine braucht mehr, der andere weniger, um in seinem Wunschgeschlecht anzukommen. Da spielen viele Dinge eine Rolle wie Gesundheit, Krankheit oder Alter“, erklärt Leiterin Maraike Kuster. Die Geschlechtsangleichung fange schon damit an, sich selbst so zu akzeptieren, wie man sich fühle.
Maraike Kuster begann ihren geschlechtsangleichenden Weg bereits vor zehn Jahren. Heute vermittelt sie z.B. auch an Psychotherapeut*innen, die die für transidente Menschen so wichtigen Gutachten ausstellen dürfen – diese sind unter anderem Voraussetzung, um eine Geschlechtsangleichung beginnen zu können. Maraike Kuster weiß auch, welche Endokrinolog*innen es in der Nähe gibt. Das sind jene Ärzt*innen, die sich auf Hormonbehandlungen spezialisiert haben, einer der ersten Schritte der physischen Transition. In der Selbsthilfegruppe tauschen die Teilnehmenden sich aus und können alles, was sie momentan bewegt, ansprechen. Wie gehe ich mein Outing bei der neuen Arbeitsstelle an? Wie läuft die geschlechtsangleichende OP ab? Wo finde ich gute Binder, um die Brust abzuschnüren? „Durch die Gespräche ist man sehr verbunden, man kann über alles reden“, berichtet Stefanie, die seit Anfang an dabei ist. Früher habe sie alles mit sich ausgemacht, die Gruppe habe ihr sehr geholfen. „Es hilft einem, die Seele zu befreien.“ Auch Jo fühlt sich gut aufgehoben: „Die Gruppe bestärkt mich auf meinem Weg, ich kann hier wertfrei ich sein.“
Vielfalt im SOS-Kinderdorf
Eine etwa 15-minütige Autofahrt vom Mehrgenerationenhaus entfernt liegt das SOS-Kinderdorf Saar. Hier wachsen Kinder und Jugendliche auf, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in der Familie leben können. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität spielen auch gerade wegen der wachsenden Medienpräsenz eine immer größere Rolle in der Einrichtung. Die 15-jährige Bewohnerin Chiara* macht sich für die Belange der LGBTQIA+-Community stark. Dazu zählen neben transidenten Menschen auch Personen, die lesbisch, schwul, bisexuell, queer, intersexuell oder asexuell sind. Zu ihrem engsten Freundeskreis gehören homosexuelle und transidente Menschen, deshalb wünscht sich das Mädchen mehr Akzeptanz und weniger „Hater“ in der Gesellschaft. „Weil jeder Mensch gleichberechtigt ist und gleichbehandelt werden sollte“, findet sie.
Bei Fragen können sich die Kinder und Jugendlichen aus den SOS-Kinderdorffamilien jederzeit an Stefanie Pfaff und ihre Kollegin aus dem pädagogischen Fachdienst wenden. Im Alltag ploppten diese immer mal wieder auf, erklärt die Sozialpädagogin: „Entweder geht es um einen Schulkameraden, der sich geoutet hat oder um eine Person auf Instagram, die sich besonders darstellt“. Im Büro des Fachdiensts steht die sogenannte SEXperten-Box; eine eigens von SOS-Kinderdorf konzipierte Sammlung an Materialien und Informationen zu sexueller und geschlechtlicher Identität, sexueller Bildung, aber auch zu verschiedenen Lebens- und Familienformen. Die Inhalte spiegeln auch die Grundhaltung des SOS-Kinderdorfs Saar wider: „Der moderne Begriff der sexuellen Bildung umfasst, dass es verschiedenste Identitäten unter uns Menschen gibt, diese können auch fluide sein und sich im Laufe des Lebens verändern“, erklärt Fachkraft Pfaff.
Endlich vollständig fühlen
Zurück im Mehrgenerationenhaus. Für Selbsthilfegruppenteilnehmerin Stefanie ist es die letzte Hürde auf einer langwierigen, steinigen Reise. Sie will sich endlich „vollständig“ fühlen. In wenigen Tagen steht das Vorgespräch für ihre geschlechtsangleichende OP in einer Klinik in Baden-Württemberg an. Im Termin muss die Transfrau zahlreiche Dokumente vorlegen, die bezeugen, dass die 57-Jährige in den letzten Jahren etliche Stunden in Behandlungszimmern und auf Ämtern verbracht hat und sich unter anderem mithilfe von Maraike Kuster durch den Behördendschungel gekämpft hat. Die Aktenmappe ist dick – darin finden sich Gutachten über Stefanies psychotherapeutische Begleittherapie, ihre Hormonbehandlung oder die Vornamens- und Personenstandsänderung. Doch für Stefanie war es das alles wert: „Jetzt bin ich endlich da, wo ich sein will.“
* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert.
