Junge und Mutter kuscheln
Rückführung

Eine zweite Chance für die Familie

Zurück nach Hause

Wenn Kinder aus der Familie genommen werden, ist das für alle Beteiligten ein einschneidendes Erlebnis. Doch nur die wenigsten Familien bleiben dauerhaft getrennt, oft ist nach einiger Zeit eine Rückführung der Kinder möglich. In der Rückführungsberatung des SOS-Kinderdorfs Bremen werden die Familien bei der Wiederzusammenführung unterstützt. 
Das Brot, das Louis* aus seiner Lunchbox in der großen Pause holt, hat grünblaue, pelzige Stellen – schon wieder Schimmel. Geld, um sich etwas anderes zu kaufen, hat der Siebenjährige nicht. Wieder vergeht ein Schultag, an dem er mit knurrendem Magen im Klassenzimmer sitzt. An Konzentration ist da nicht zu denken. Der Junge ist sehr zurückhaltend, schüchtern, ein unsicheres Kind. Klein, blass und dünn. Louis kommt häufig zu spät in den Unterricht, an manchen Tagen taucht er gar nicht erst auf. Er ist der Junge, der im Winter eine Sommerjacke trägt. Der Junge, dem niemanden einen Regenmantel oder Schirm mitgibt, wenn es regnet. Seinen Lehrerinnen und Lehrern ist längst klar: zu Hause stimmt etwas nicht. Sie sind auch diejenigen, die das Jugendamt kontaktieren. 
Zuhause offenbaren sich prekäre Zustände. Die Wohnung ist verdreckt, das Geschirr stapelt sich im Spülbecken in der Küche, die Mülleimer quillen über, es riecht unangenehm. Die Mutter hortet Dinge, überall liegen Kuscheltiere herum, nicht stubenreine Welpen hinterlassen ihre Spuren. Ein Krisendienst bringt die Wohnung zur Überbrückung auf Vordermann. Das Jugendamt macht der Mutter klar, dass eine Herausnahme des Jungen langfristig nicht abzuwenden ist. Die Mutter zeigt sich kooperativ ‒ kurze Zeit später kommt Louis in eine Kinderwohngruppe des SOS-Kinderdorfs Bremen. Trotz allem soll der Junge wieder zurück zu seiner Mutter. Er soll nach einer gewissen Zeit rückgeführt werden. 

Überforderung führt zu Kindeswohlgefährdung 

Louis‘ Fall ist beispielhaft für 37.880** Kinder, die wegen einer Kindeswohlgefährdung jährlich aus ihren Familien genommen werden müssen. Gründe dafür können Gewalt, sexueller oder psychischer Missbrauch oder wie bei Louis Vernachlässigung durch Überforderung sein. 
„Beim näheren Hinsehen stellt man dann oft fest, dass zum Beispiel eine psychische Erkrankung oder einfach auch biografische Belastungen bei den Eltern vorliegen, die so eine Überforderung auch erklären“, meint Johanna Schneider, sie ist Psychologin im Fachdienst bei SOS-Kinderdorf Bremen und hilft Familien in der Eltern- und Rückführungsberatung dabei, wieder zueinanderzufinden und somit langfristige Fremdunterbringungen abzuwenden. 
Auch Louis´ Mutter stößt bei der Erziehung ihres Sohnes an ihre persönlichen Grenzen. Die 29-Jährige ist alleinerziehend, Louis Vater spielt keine Rolle im Leben der kleinen Familie. Die Mutter leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wenige Monate zuvor war Louis kleiner Bruder am plötzlichen Kindstod verstorben. Seitdem ist die Mutter antriebslos, innerlich leer, emotional abgestumpft. Sie zieht sich aus ihrem Sozialleben zurück, schafft es kaum aus dem Bett, und kann keine Energie aufbringen, um sich ausreichend um Louis zu kümmern. 
Gerade bei vorübergehenden psychischen Erkrankungen sei eine Rückführung ein realistisches Ziel, so Schneider. Bei Louis ist von Anfang an klar, dass die Trennung von Mutter und Sohn nur vorübergehend sein soll. Voraussetzung ist, dass die Mutter gemeinsam mit SOS-Kinderdorf an ihren Problemen arbeitet und therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt.

Die erste Phase: Elternberatung

Die Mutter wünscht sich nichts sehnlicher als ihren Sohn wieder zu sich zu holen, doch in den ersten Monaten nach der Trennung tut sie sich schwer. Die Termine mit Schneider verschläft die Frau oft und auch die externen Therapiesitzungen nimmt sie nur unregelmäßig wahr. „Man muss versuchen, die Eltern für eine Mitarbeit zu gewinnen. Damit sie ein bisschen rauskommen und sich nicht mehr mit dem Rücken zur Wand gedrängt sehen“, meint Schneider. Die SOS-Mitarbeiterin übt mit der Mutter Pünktlichkeit und entwickelt mit ihr Methoden, damit sie wieder mehr Struktur und Ordnung in ihren Alltag bringen kann. 
Während die Mutter an ihren Problemen arbeitet, lebt Louis in einer Wohngruppe von SOS-Kinderdorf. Mindestens jedes zweite Wochenende verbringt er mit seiner Mutter. 
Große Fortschritte macht die Mutter, als sie sich in die therapeutische Behandlung einer Tagesklinik begibt. Die Frau wird verlässlicher und es nun auch, ihren Sohn angemessen zu versorgen. Nach rund einem Jahr kommt das Jugendamt schließlich zum Entschluss, dass keine Kindeswohlgefährdung mehr vorliegt und Louis Rückführung eingeläutet werden kann. 

Rückführungsberatung

„Dann werden die Besuchskontakte ausgeweitet und die Eltern übernehmen sukzessive mehr Termine“, erklärt Schneider. Die Mutter begleitet Louis zum Sportverein, Arzt oder geht zu Elternabenden. 
Gleichzeitig geht die Elternarbeit in eine Rückführungsberatung über, die sich nicht nur an die Eltern, sondern auch an das Kind richtet. Die Familien werden auf das zukünftige Zusammenleben vorbereitet. „Wir wollen die Kommunikation zwischen den Eltern und Kindern fördern“, erklärt Schneider. In Familienkonferenzen sollen die Kinder sich trauen, Dinge bei den Eltern anzusprechen und die Familie üben, Konflikte friedvoll zu lösen. 
Mit großem Willen und der Hilfe von SOS-Kinderdorf versucht Louis‘ Mutter ihre Lebenssituation zu verbessern. Als die Mutter es schließlich schafft, ihren Sohn auch regelmäßig pünktlich in die Schule zu schicken, ist Schneider und dem Jugendamt klar: Louis kann wieder zurück zu seiner Mutter. 

Die Rückführung: Happy End? 

Bei Louis beschließt das Jugendamt die Rückkehr gemeinsam mit SOS-Mitarbeiterin Schneider nach zehn Monaten. „Ihnen ging es nicht gut mit der Fremdunterbringung. Der Junge hatte darunter gelitten, er hatte eine sehr starke Bindung zu seiner Mutter und zu seiner Familie. Da war klar, er gehört dahin“, erinnert sich Schneider.
Eine Rückführung bedeutet nicht, dass Kinder in optimale Zustände zurückgeführt werden, oft werden die Familien danach noch eine gewisse Zeit durch ambulante Hilfen oder einen Erziehungsbeistand begleitet. Auch Louis und seiner Mutter steht ein Sozialpädagoge von SOS-Kinderdorf noch rund drei Jahre ambulant zur Seite. 
Es ist ein ganz normaler Freitagnachmittag, als Louis wie in den letzten Monaten von seiner Mutter aus der Kinderwohngruppe abgeholt wird, um mit ihr gemeinsam das Wochenende zu verbringen. Nur dieses Mal wird er nach dem Wochenende nicht mehr zurückkehren, sondern bei seiner Mutter bleiben. 
*Name und Details zum Schutz der Person geändert. 
**hiervon ausgerechnet sind rund 28.564 Inobhutnahmen aufgrund der Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge.