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SOS-Kinderdorf Lippe
„Wir versuchen, die Menschen zusammenzubringen“

Hilfe im Viertel

In der sogenannten Britensiedlung in Detmold unterstützt das
SOS-Kinderdorf Lippe
und die Stadt Detmold mit Quartiersarbeit die Menschen seit Anfang 2023. Die Projektbeteiligten berichten über die Herausforderungen und Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen.
Frau Prick, Sie sind die Hauptverantwortliche für die Quartiersarbeit. Was ist Ihre Aufgabe?
Astrid Prick:
Ich arbeite als Sozialpädagogin in diesem Projekt. Meine Aufgabe ist es, die Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen im Quartier zu erfassen, das Projekt bekannt zu machen und Angebote zu kreieren. Darüber habe ich auch Natali Sudermann von der Bürgerstiftung kennengelernt im Rahmen der Ukrainehilfe. In einem Teil des Viertels sind auch ukrainische Flüchtlinge untergebracht. Und da Natali auch der Sprache mächtig ist und Kontakte hat, haben wir begonnen, gemeinsam Angebote auf die Beine zu stellen.  
Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen der Bürgerstiftung und SOS-Kinderdorf konkret aus?
Natali Sudermann:
Da ist eine ganz tolle Zusammenarbeit entstanden. Im Grunde ging es anfangs darum, die Bedarfe zu erfahren, die die Menschen haben und in erster Linie Unterstützung anzubieten. Zum Beispiel Übersetzer und Übersetzerinnen zu finden, zu Behörden zu begleiten oder Arzttermine zu machen. Aber auch über die Bürgerstiftung haben wir viele Projekte gestartet und ein Begegnungscafé eröffnet. Das läuft immer noch sehr gut. Wir haben auch einen Psychologen gefunden, der psychologische Hilfe auf Ukrainisch anbietet. Im Rahmen des Cafés haben wir viele Aktionen veranstaltet, zum Beispiel haben wir ukrainisches Essen auf dem Weihnachtsmarkt verkauft und Spenden gesammelt, die dann in die Ukraine gingen.

Warum ist die Quartiersarbeit gerade hier in der Britensiedlung so wichtig?
Prick:
Die Britensiedlung ist eine ehemalige Wohnsiedlung von Soldaten und deren Angehörigen ‒ ein innerstädtisches Konversionsgebiet, wie es offiziell heißt. Als die Briten abgezogen sind, standen viele Häuser leer. Und das verändert sich gerade. Es wurden schon ganz viele Häuser renoviert, saniert, verkauft oder vermietet. Es wurden zum Beispiel auch eine neue Kita und ein Nachbarschaftshaus errichtet. Auf der anderen Seite gibt es viele Zuzüge und Wegzüge. Es passiert hier gerade sehr viel und das soll durch die Quartiersarbeit unterstützt werden.
Michael Koch: Bis 2014 lebten die Briten relativ isoliert im Quartier, es gab wenig Austausch mit der restlichen Bevölkerung. Mit dem Abzug gab es erst einmal einen riesigen Leerstand und es entstand ein großer Bedarf an sozialer Infrastruktur, vor allem mit den Flüchtlingswellen 2015/16 und 2022. Die Quartiersarbeit hilft, diese Entwicklungen zu begleiten und die unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen.
Wie sieht die Quartiersarbeit konkret aus?
Prick: Es passiert von allem etwas. Es gibt zwei feste Öffnungszeiten, Montagvormittags und Donnerstagmittags, zu denen die Menschen einfach hierherkommen können und ich anwesend bin. In den Ferien haben wir schon ein Spielplatz-Angebot veranstaltet, dann hatten wir den Tag der Nachbarn und zuletzt ein großes Sommerfest mit über 300 Besucherinnen und Besuchern. Wir waren aber auch mit mobilen Infoständen unterwegs, um die Quartiersarbeit bekannt zu machen. Außerdem sprechen wir die Menschen direkt an und fragen, was sie sich im Stadtteil wünschen.

Koch: Unser Ansatz ist, gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern etwas zu entwickeln. Wir versuchen die Menschen zusammenzubringen und etwas zu erschaffen, das allen zugutekommt. Besonders die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit ist hier sehr wichtig, da es in diesem Stadtteil lange Zeit wenig soziale Infrastruktur gab. Ein großes Defizit besteht insbesondere im Bereich der Angebote für Jugendliche. Gerade in einem Stadtteil, der sich stark verändert, fehlen oft feste Anlaufpunkte und Freizeitangebote für junge Menschen. Vor dem Hintergrund ist es sehr wichtig, zu schauen, welche Bedarfe vorliegen und wie wir sie durch eigene Angebote oder Kooperationen decken können.
Andrea Habig: Der allererste Schritt besteht darin, dass die Leute dieses Büro überhaupt als Anlaufstelle wahrnehmen. Das dort jemand ist, der Fragen beantwortet, der sie auch so nimmt, wie sie sind und sie sehen, dass etwas für sie getan wird. Dadurch können sie irgendwann selbst sagen: Ich will auch etwas in diesem Quartier bewirken. Das ist ein Nehmen und Geben.

Wie geht es weiter, wenn jemand mit einem konkreten Anliegen zu Ihnen kommt?
Prick:
Ich höre mir das zunächst einmal an und schaue, was ich tun kann. Kann ich selber helfen? Oder ist es etwas, was anderorts besser bearbeitet werden kann? Ich beantworte dann oder leite weiter.
Koch: Die Herausforderung in der Quartiersarbeit liegt darin, Ansprechpartner für alle möglichen Lebensbereiche zu sein. Dabei ist es essenziell zu wissen: Wen kann ich denn ansprechen? Die Netzwerkstruktur ist sehr wichtig, um auf die unterschiedlichen Anliegen angemessen reagieren zu können.
Weswegen kommen die Menschen zur Beratungsstelle?
Prick:
Ein ganz großes Thema quer durch alle Altersgruppen hinweg ist, dass es ke
ine Begegnungsmöglichkeiten gibt, nicht mal ein Café. Krabbelgruppen sind auch sehr gefragt sowie Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene und Sportangebote.
In Detmold gibt es einen Kita-Navigator, das heißt, wenn ich einen Kitaplatz möchte, muss ich das dort rechtzeitig anmelden. Für viele Menschen mit Migrationshintergrund ist das nicht machbar. Da habe ich die Anmeldung mit einigen Müttern gemacht.
Oder wir hatten zum Beispiel einen Fall, wo ein Junge Diabetes hatte und keinen Schulplatz gefunden hat. Da haben wir die Kontaktstelle für Ausländer in der Stadt eingeschaltet und jetzt hat er einen Platz. Ich hatte auch jemanden, der eine Wohnung gesucht hat und habe ihn unterstützt. Er hat inzwischen eine Wohnung gefunden.
Sudermann: Oder jemand bekommt spontan eine Wohnung, die eingerichtet werden muss. Da haben wir einer alleinstehenden Frau mehrere Ehrenamtliche vermittelt. Sie haben von A bis Z alles in die Hand genommen und zum Beispiel nach einer Küche geschaut und diese auch eingebaut.
Verschiedene Kulturen bedeuten auch unterschiedliche Bedürfnisse. Wie entsteht so ein Gemeinschaftsgefühl?
Prick:
Wir versuchen Begegnungsmöglichkeiten in einem ganz informellen, niederschwelligen Rahmen zu etablieren. Das Nachbarschaftspicknick zum Beispiel oder eine Foto-Safari für Kinder. Wenn man bei den Kindern ansetzt, geht es immer etwas einfacher als bei den Erwachsenen. Wir bieten Dinge im kleinen Kreis an, sodass die Bewohner und Bewohnerinnen zunächst einmal die direkten Nachbarn und Nachbarinnen kennenlernen.  
Koch: Es geht auch eher darum, Impulse zu setzen, die die Menschen aus der Nachbarschaft selbst weiterentwickeln. Die Quartiersarbeit soll ein Motor für die Eigeninitiative der Bewohnerinnen und Bewohner sein.

Über die Gesprächspartner*innen

Astrid Prick ist Sozialpädagogin im SOS-Kinderdorf Lippe und gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Stadt Detmold für die pädagogische Quartiersarbeit zuständig.
Andrea Habig ist Bereichsleiterin für die Jugendberufshilfen im SOS-Kinderdorf Lippe. Sie betreut sieben verschiedene Maßnahmen für junge Menschen unter 25 Jahren.
Natali Sudermann arbeitet bei der Bürgerstiftung Detmold und war dort ein Jahr lang für die Ukrainehilfe verantwortlich.
Michael Koch ist Soziologe und verantwortlich für die Sozialplanung der Stadt Detmold.