Neustart in Deutschland
Mohanad ist 2015 vor dem Syrienkrieg nach Deutschland geflüchtet. Neun Jahre später steht er kurz vor der Einbürgerung und hat sich mithilfe von SOS-Kinderdorf Lippe ein glückliches Leben aufgebaut.
Es hat geklappt. Mohanad ‒ dunkle gegelte Haare, Brille, selbstbewusst, er lacht viel ‒ wird studieren. Im Oktober wird er das erste Mal im Hörsaal in der Uni sitzen und sich Vorlesungen über Betriebswirtschaft anhören. Darauf hat der 27-Jährige lange hingearbeitet. Vor neun Jahren flüchtete Mohanad aus Syrien nach Deutschland, seit eineinhalb Jahren arbeitet er im SOS-Kinderdorf in Schwalenberg als Verwaltungskraft.
Flucht vor dem Krieg in Syrien
Bomben, Raketen, die Flucht in den Keller, um sich vor den Angriffen zu schützen – wenn Mohanad von seinen letzten Jahren in Syrien erzählt, erinnert er sich vor allem daran zurück. Seit 2011 wütet in Syrien Krieg, Millionen Menschen haben seither das Land verlassen. Auch Mohanad und seine Familien entschließen sich 2015 zu gehen. Mohanad flieht unmittelbar nach seinem Schulabschluss im Sommer aus seiner Heimatstadt Damaskus. „Ich habe mein Ergebnis bekommen und bin dann quasi direkt hierhergekommen“, erzählt er. Er ist damals 19 Jahre alt.
24 Tage dauert die Flucht für Mohanad und neun weitere Verwandte und Freunde, darunter sein Vater und sein Neffe. In rund drei Wochen legen sie mehrere Tausend Kilometer zurück. Zu Fuß, mit dem Bus, Auto, Boot, Schiff, legal, illegal, mit oder ohne Schmuggler. Die Flucht führt sie über den Libanon, die Türkei, Mazedonien, Serbien und Ungarn schließlich nach München. Niemand wird verletzt, alle kommen gesund in Deutschland an. Mohanad erinnert sich:
„Gott sei Dank war Sommer, das Wetter war gut. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das im Winter gewesen wäre. Mein Cousin ist einen anderen Weg gegangen, bei ihm war es ganz schlimm.“
Starthilfe von SOS-Kinderdorf
In Deutschland kommt Mohanad mit seinen Angehörigen zunächst für einige Monate in Stuttgart und Heidelberg in Asylunterkünften unter. „Dann mussten wir woanders hinziehen, nach Freudenstadt. Das war immer ein Hin und Her. Und dann nach Detmold“, erklärt er.
Der Anfang in Deutschland ist für Mohanad eine Herausforderung, er spricht kein Wort Deutsch, das macht die Kommunikation im Alltag ohne Dolmetscher unmöglich. In den ersten Jahren konzentriert sich Mohanad fast ausschließlich aufs Deutschlernen.
In dieser Zeit kommt er das erste Mal mit dem SOS-Kinderdorf Lippe am Standort Detmold in Berührung – als Teilnehmer des Programms Get started*, das jugendlichen Migranten und Migrantinnen dabei hilft, sich im fremden Land zurechtzufinden und sich beruflich zu orientieren. Auch hier besucht Mohanad Deutschkurse und lernt die Kultur und das Leben in Deutschland bei gemeinsamen Ausflügen kennen. Mohanads Mühe zahlt sich aus: Heute spricht er fast perfekt Deutsch.
Danach fühlt sich Mohanad bereit für den nächsten Schritt: Er möchte eine Ausbildung beginnen, das SOS-Kinderdorf Lippe unterstützt ihn bei der Suche. Nach einem Praktikum bekommt Mohanad einen Platz als Kaufmann für Büromanagement in Detmold. „Die Ausbildung hat mir Spaß gemacht“, meint Mohanad. Während der dreijährigen Ausbildung bleibt er in engem Kontakt mit SOS-Kinderdorf. Die Mitarbeitenden helfen ihm bei den Vorbereitungen auf die Prüfungen. Im ersten Test habe er noch eine Fünf gehabt. „Ich war sehr traurig“, erinnert sich Mohanad. „Danach hat es sich verbessert. Meine Noten waren danach tipptopp.“
Vom Teilnehmer zum Mitarbeiter
Nach der Ausbildung will Mohanad eigentlich direkt studieren: „Das ging erst mal nicht, weil ich eine Zugangsprüfung abschließen musste. Ich habe es dreimal versucht und am Ende habe ich die Prüfung bestanden.“ Doch es kommt anders als gedacht: Statt zu studieren, wählt Mohanad einen anderen Weg.
Mohanad jobbt damals im Restaurant seines Bruders, der auch in Detmold lebt. Während einer Schicht klingelt das Telefon. Es ist Anton Schuff, Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfs in Schwalenberg im Kreis Lippe. „Er hat mich gefragt: Ich habe ein Angebot für Sie. Haben Sie Interesse, hier in der Verwaltung zu arbeiten?“ Mohanad beschließt das Studium erst einmal ruhen zu lassen und Geld zu verdienen. Er sagt zu und beginnt vier Tage die Woche bei SOS-Kinderdorf zu arbeiten.
„Rechnungen bearbeiten, Telefonate führen, Wirtschaftsbücher rechnerisch prüfen, E-Mailverkehr an alle Mitarbeiter, falls es neue Infos gibt. Das sind meine Hauptaufgaben.“
Träume verwirklichen in Deutschland
Heimweh nach Syrien hat Mohanad nicht. „Mir gefällt das Leben nicht mehr dort. Damals war Syrien echt ein schönes Land, jetzt ist die Situation ganz schlimm geworden.“ Er ist froh, in Deutschland zu sein.
„Das Leben ist jetzt auf jeden Fall zu 100 Prozent besser. Ich habe meinen Job, mein Zuhause, Träume, die ich verwirklichen kann.“
Langfristig will Mohanad aber nicht in Deutschland bleiben. Er vermisse die Sonne. „Ich bin ein Mensch, der Sonne liebt, weil ich aus Syrien komme“, meint er. „Mein Plan ist, dass ich in zehn Jahren vielleicht in einem anderen Land wohnen werde. Aber Syrien steht leider nicht zur Wahl, vielleicht in einem anderen arabischen Land.“
In Deutschland hat er geschafft, wovon viele Migranten und Migrantinnen träumen. Mohanad hat eine Ausbildung abgeschlossen, Berufserfahrung gesammelt und steht kurz vor der Einbürgerung. Erste Tests dafür hat er schon bestanden. Und auch privat ist er glücklich. Er ist verlobt und seine Familie wohnt ebenfalls in Deutschland. Die beiden Brüder in Freudenstadt, seine Schwester und Eltern in Hildesheim.
„Meine Familie ist da. Was braucht man mehr?“, meint er. Mohanad ist dankbar für die Unterstützung, die er von SOS-Kinderdorf bekommen hat. „Ich bin froh, dass ich zu SOS-Kinderdorf gegangen bin. Meine Zeit hier war geprägt von wertvollen Erfahrungen“, sagt er. Nun will er weiterziehen und sich beruflich weiterentwickeln. Das BWL-Studium ist der erste Schritt.
*Das Projekt Get started ist inzwischen ausgelaufen, dafür bietet das SOS-Kinderdorf Lippe andere Orientierungs- und Jugendberufshilfen für Geflüchtete an, wie beispielsweise das Projekt Lernen, Orientieren, Unterstützen (LOU).
