Im SOS-Kinderdorf Berlin hat eine im doppelten Sinne „kleine“ Version der klassischen SOS-Kinderdorffamilie eröffnet. In der Gruppe leben nur drei Kinder, von denen keines älter als drei Jahre ist. Wie gut das funktioniert, zeigt sich vor Ort.
Idas* Lieblingsspielzeug ist rot, hat vier Räder und wird von der Dreijährigen nur selten aus der Hand gegeben. „Feuer, Feuer“, wiederholt sie und hält stolz ihr Modell eines Feuerwehrautos hoch. Seit kurzem ist das kleine Mädchen mit den hellen Locken absolut fasziniert von allem, was mit der Feuerwehr zu tun hat. „Wenn wir unterwegs sind, und irgendwo ist die Feuerwehr, müssen wir immer stehen bleiben“, sagt auch Idas SOS-Kinderdorfmutter Lea und lacht.
Es ist zehn Uhr morgens in einer Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Moabit. Ida, ihr einjähriger Bruder Mika* und Kinderdorfmutter Lea sind schon länger wach. Die Kleinkinder sind Frühaufsteher. Doch dass die Kinder nach dem Aufwachen so aktiv sind wie heute, ist auch für ihre Kinderdorfmutter noch neu. Bis vor kurzem sei Ida morgens einfach still in ihrem Bett liegen geblieben, sagt Lea. „Sie hat wohl die Erfahrung gemacht, dass ohnehin niemand kommt, wenn sie ruft.“
Denn Idas und Mikas Eltern waren mit der Fürsorge für ihre Kinder überfordert. Oft wurden die Kleinkinder nicht ausreichend versorgt. Als klar war, dass es für alle so nicht weitergehen konnte, wurden die Geschwister vom Jugendamt aus der Familie genommen. Seit dem vergangenen Sommer leben sie mit Lea in einer ganz besonderen SOS-Kinderdorffamilie.
Zum einen deshalb, weil es erst die dritte Kinderdorffamilie des SOS-Kinderdorfs Berlin überhaupt ist, vor allem aber, weil in dieser SOS-Kinderdorffamilie alles etwas anders ist als beim klassischen Modell. Denn Kinderdorfmutter Lea wird in der Moabiter Altbauwohnung insgesamt maximal drei Kinder betreuen. Sonst kommen in SOS-Kinderdorffamilien zwischen vier und sechs Kinder unter - auch wenn die Maximalbelegung auch andernorts nur selten erreicht wird. Die kleine Gruppengröße ermöglicht es außerdem, auch besonders kleine Kinder aufzunehmen. Bald soll zu Ida und Mika ein drittes Kind stoßen, ein zweijähriger Junge. Ein Kennenlerntermin mit Lea steht bereits. Die Gruppe wäre dann vollständig.
Gut betreut in der Kleingruppe
Anika Chouaya ist Bereichsleitung für die stationären Angebote des SOS-Kinderdorfs Berlin. Sie kann erklären, warum ein Angebot wie die „Mini-Kinderdorffamilie“, wie das Projekt hier von allen liebevoll genannt wird, so wichtig ist. „Der Bedarf an Plätzen für Kleinkinder ist riesig. Doch so kleine Kinder brauchen eine sehr intensive Betreuung. Das funktioniert in größeren Gruppen nicht“, sagt sie. Ähnliches gelte auch für Kinder mit besonderen Förderbedarfen oder Verhaltensauffälligkeiten, weshalb man sich beim SOS-Kinderdorf Berlin schon länger gewünscht hat, besonders kleine SOS-Kinderdorffamilien anbieten zu können. Dass dieser Wunsch jetzt Wirklichkeit wurde, hängt auch mit geänderten Bestimmungen des Landes Berlin zusammen.
Denn wie überall in Deutschland schreibt auch im Stadtstaat eine Rahmenleistungsvereinbarung den Personalschlüssel für stationäre Angebote der Kinder- und Jugendhilfe vor. „In der Vergangenheit hätten wir für eine Gruppe mit drei Kindern einfach nicht genügend Stellen bekommen“, erklärt Anika Chouaya. Doch im Sommer 2023 wurde die Vereinbarung überarbeitet und die sogenannten familienanalogen Gruppen, zu denen die SOS-Kinderdorffamilien zählen, haben eine große Verbesserung erfahren und können seitdem flexibler gestaltet werden. Und so ging die Mini-Kinderdorffamilie knapp zwei Jahre nach Änderung der Vereinbarung mit einem Team aus vier Personen an den Start. Neben Kinderdorfmutter Lea, die in der Regel sechs Tage die Woche die Hauptbezugsperson für die Kinder ist, arbeiten in der Familie noch zwei Erzieherinnen in Teilzeit und eine Hauswirtschaftskraft. „So können wir die Betreuung auch sicherstellen, wenn jemand in Urlaub ist oder krank wird“, erklärt Anika Chouaya.
Kleine Gruppe, volle Aufmerksamkeit
Für Lea ist es ihr erster Einsatz als SOS-Kinderdorfmutter, das Konzept Kinderdorffamilie ist für die 39-Jährige aber nicht neu: Zuvor hatte sie in einer anderen Berliner SOS-Kinderdorffamilie mehrere Jahre als Erzieherin gearbeitet. Dort, sagt sie, hat sie besonders das familiäre Arbeiten mit den Kindern zu schätzen gelernt. „Es ist nicht nur ein Job, es fühlt sich immer auch ein bisschen an wie ein Zuhause.“
Und so ist auch Leas neue Stelle für sie ein echter Traumjob: „In meinem Umfeld war niemand überrascht, als ich mich auf den Posten der Kinderdorfmutter beworben habe“, erzählt Lea lachend. Die Arbeit mit den Kindern mache ihr Freude, sie möge den Gedanken, sie tagtäglich auf ihrem Weg zu begleiten und für sie da zu sein. Trotzdem gibt Lea ehrlich zu: „Mit sechs Kindern hätte ich den Job nicht gemacht.“ Denn auch zu zweit bräuchten Ida und Mika viel Aufmerksamkeit. Das liege zum einen an ihrem Alter, aber auch an ihrer Vorgeschichte. Beide seien bei ihrer Aufnahme in die SOS-Kinderdorffamilie entwicklungsverzögert gewesen und hätten starke Sprachschwierigkeiten gehabt. Die Kleinkinder gut und altersgerecht zu fördern, brauche Zeit und Ressourcen.
Auch umfasst der Job der SOS-Kinderdorfmutter schon lange viel mehr Aufgaben als nur die reine Kinderbetreuung. Termine mit dem Jugendamt müssen organisiert, die Kinder zu Therapieangeboten und Förderprogrammen gebracht werden, außerdem gilt es Kontakte zur Herkunftsfamilie und das eigene Team zu managen. „Ich weiß, mit mehr Kindern hätte zumindest ich das nicht geschafft“, sagt Lea.
Aber in der Kleingruppe haben sie und ihr Team bereits erste Erfolge erzielt. Mika hat seinen Entwicklungsrückstand inzwischen fast vollständig aufgeholt, bei seiner großen Schwester allerdings merke man die Jahre der fehlenden Zuwendung noch. Bald soll sie in die Kita kommen, dann wird sich zeigen, ob und wie viel Unterstützung sie zusätzlich brauchen wird. Aber dass Ida sich inzwischen traut, morgens auf sich aufmerksam zu machen, sei ein gutes Zeichen, findet Kinderdorfmutter Lea.
Das Dorf in Gedanken
In Berlin leben die Kinderdorffamilien nicht im Dorfverband eines SOS-Kinderdorfes. Wie auch in vielen anderen SOS-Kinderdorfeinrichtungen in größeren Städten sind die stationären Angebote über das Stadtgebiet verteilt. Infrastruktur wie Freizeitangebote und Gruppenaktivitäten, die in klassischen SOS-Kinderdörfern oft direkt auf dem Gelände angeboten werden, fallen für Lea und ihre Schützlinge also weg.
Ganz auf sich gestellt ist die Mini-Kinderdorffamilie trotzdem nicht. Ihre Moabiter Altbauwohnung grenzt direkt an eine Jugendwohngruppe des SOS-Kinderdorfs Berlin an. Die Teams beider Angebote griffen einander oft kollegial unter die Arme, erzählt Lea. Und auch im SOS-Familienzentrum in der Waldstraße sind die SOS-Kinderdorfmutter und ihre Schützlinge oft. Der dortige Spielplatz hat es Ida und Mika besonders angetan und Lea tauscht sich gerne mit ihren Kollegen und Kolleginnen aus, die in den anderen Berliner SOS-Kinderdorffamilien und -Wohngruppen arbeiten. Auch gemeinsame Feste gibt es zum Beispiel in der Adventszeit, denn das Gruppengefühl stärkt alle. Bereichsleitung Anika Chouaya nennt dieses Gefühl auch „Das Dorf in Gedanken.“
Ein ganz normaler Alltag
Inzwischen hat Ida das Feuerwehrauto abgelegt und sich ihrem zweitliebsten Spielzeug zugewandt: einer Eisenbahn aus Holz, die im Wohnzimmer steht. Gemeinsam mit SOS-Kinderdorfmutter Lea und Bruder Mika schiebt die Dreijährige den Zug über die Schienen. Es gibt viel Spielzeug in der Vierzimmer-Wohnung, die auch sonst kindgerecht eingerichtet ist: Teppiche in fröhlichen Farben, Kuscheltiere und viele Holzmöbel. Ein Teil der Einrichtung wurde der Mini-Kinderdorffamilie gespendet. Die Bettchen zum Beispiel, in denen Ida und Mika im gleichen Zimmer schlafen.
Generell ist es Lea wichtig, den Alltag der Mini-Kinderdorffamilie so normal und familiär wie möglich zu gestalten. Auch die Kinder sollen später selbstverständlich Freunde und Freundinnen zu sich nach Hause ins SOS-Kinderdorf einladen dürfen. „Wir sind ja nicht ins Kloster gezogen“, sagt Lea lachend.
Ein Ort zum Aufwachsen
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ida, Mika oder das dritte Kind der Gruppe einmal in ihre Familien zurückkehren können. Denn wie bei allen stationär untergebrachten Kindern und Jugendlichen prüft das Jugendamt regelmäßig, ob die Situation der Eltern sich so verändert, dass sie sich langfristig wieder selbst um ihre Kinder kümmern können.
Für die Geschwister allerdings ist eine Rückkehr zu den Eltern zumindest im Moment sehr unwahrscheinlich. Ihr Wohl wäre unter ihrer Aufsicht gefährdet. Trotzdem haben Ida und Mika regelmäßig Kontakt zu ihrer leiblichen Familie. Alle zwei Wochen kommen die Eltern ihre Kinder besuchen. Sie gehen dann mit ihnen spazieren oder ins SOS-Familienzentrum. „Wir wissen, dass dieser Kontakt trotz allem wichtig ist“, sagt Lea.
Sollte es auch in der Zukunft nicht möglich sein, dass Ida, Mika und das dritte Kind der Gruppe wieder bei ihren Eltern leben, ist alles in der Mini-Kinderdorffamilie darauf ausgelegt, dass die Kinder so lange bei Lea in Moabit bleiben können, bis sie alt genug sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Schon jetzt gibt es zum Beispiel Pläne, wie man in der Wohnung mit einer zusätzlichen Wand aus dem Kinderzimmer der Geschwister zwei Jugendzimmer machen könnte. Und auch SOS-Kinderdorfmutter Lea kann sich zumindest gut vorstellen, alle ihre Schützlinge bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. „Ich finde, wir sind schon jetzt gut aufeinander eingespielt. Wenn diese Bindung noch über viele Jahre wachsen dürfte, fände ich das schön“, sagt sie.
*Namen, Details und Abbildungen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
