„Kinderschutz lebt von Offenheit, Beteiligung und klaren Strukturen“
Um das Wohl der von SOS-Kinderdorf betreuten Kinder und Jugendlichen zu schützen, gibt es seit 2021 in fast jeder Einrichtung des Vereins eine Fachkraft für Kinder- und Betreutenschutz. Eine von ihnen ist Kira Jahn im SOS-Kinderdorf Niederrhein.
Frau Jahn, wie wird man überhaupt Fachkraft für Kinder- und Betreutenschutz?
Die Voraussetzung ist zunächst Berufserfahrung in der sozialen Arbeit und dann absolviert man eine zertifizierte Weiterbildung. Wichtig ist dabei nicht nur das fachliche Wissen, sondern auch das persönliche Interesse am Thema. Kinderschutz kann mit belastenden Situationen verbunden sein. Deshalb braucht es die Bereitschaft, sich intensiv damit auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen.
Wie war Ihr persönlicher Werdegang?
Ich komme aus der Eingliederungshilfe. Viele Jahre habe ich Menschen mit geistiger Behinderung begleitet. Dabei standen Themen wie Entwicklung, Selbstständigkeit und die Stärkung von Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt. Im Kinderschutz geht es ebenfalls darum, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern und gleichzeitig zu überlegen, welcher Schutz notwendig ist, damit sie sich sicher entfalten können. 2024 bin ich dann zu SOS-Kinderdorf Niederrhein gekommen und habe eine sechsmonatige Weiterbildung an der FH Münster zur Fachkraft für Kinder- und Betreutenschutz gemacht.
Was hat Sie persönlich motiviert, sich auf die Stelle zu bewerben?
Zum einen wollte ich mich beruflich weiterentwickeln und neue Herausforderungen annehmen. Zum anderen war mir eine sinnstiftende Tätigkeit wichtig, bei der ich etwas bewegen kann. Kinderschutz ist für mich außerdem ein persönliches Anliegen. Ich bin selbst Mutter und weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder in einem sicheren Umfeld aufwachsen können.
Wie haben Sie sich in die neue Aufgabe eingearbeitet?
Ich habe die verschiedenen Bereiche kennengelernt, Gespräche geführt und mir erklären lassen, wie die Arbeit vor Ort aussieht. Das SOS-Kinderdorf Niederrhein ist eine der größten Einrichtungen mit mehr als 60 Angeboten an über 20 Standorten. Um gute Schutzstrukturen entwickeln zu können, muss man die Herausforderungen des Arbeitsalltags kennen. Erst wenn man die Praxis kennt, kann man passende Strukturen und Angebote entwickeln.
Welche Aufgaben gehören zu Ihrem Arbeitsalltag?
Ein Schwerpunkt ist die Konzeptarbeit. Für die unterschiedlichen Angebote werden Schutzkonzepte entwickelt und regelmäßig überprüft. Außerdem berate und schule ich Mitarbeitende. Wenn sie Auffälligkeiten beobachten oder unsicher sind, unterstütze ich dabei, Situationen einzuordnen und gemeinsam die nächsten Schritte zu planen.
Was ist Ihnen bei der Arbeit mit den pädagogischen Fachkräften besonders wichtig?
Mir ist wichtig zu vermitteln, dass über Unsicherheiten gesprochen werden darf und soll. Niemand sollte mit einem unguten Gefühl allein bleiben. Oft beginnt alles mit einem Bauchgefühl oder einer Beobachtung, die noch schwer einzuordnen ist. Dann ist der Austausch wichtig. Deshalb haben kollegiale Beratung, Teamgespräche und Supervision einen hohen Stellenwert. Ich ermutige die Mitarbeitenden immer dazu, sich Unterstützung zu holen.
Wie können Betreute im SOS-Kinderdorf Niederrhein Vorfälle oder Sorgen melden?
Es gibt feste Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Gleichzeitig sollen Kinder selbst entscheiden können, wem sie vertrauen. Deshalb achten wir darauf, dass Meldewege leicht zugänglich sind und dass es auch im Alltag Möglichkeiten gibt, sich aktiv einzubringen.
Welche Bedeutung hat gerade Letzteres für den Kinderschutz?
Eine sehr große, denn Beteiligung ist ein wichtiger präventiver Ansatz. Kinder lernen dadurch, ihre Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und auszusprechen. Gleichzeitig erfahren sie, dass Erwachsene ihnen zuhören und ihre Anliegen ernst nehmen. Kinder erleben dadurch, dass ihre Meinung zählt und dass sie etwas bewirken können. Das stärkt Vertrauen und Selbstbewusstsein.
Welche Beteiligungsformate haben Sie in Ihrer Arbeit bereits begleitet?
Wir haben verschiedene Möglichkeiten geschaffen, damit Kinder ihre Meinung einbringen können. Dazu gehören anonyme Postkarten für Rückmeldungen und Workshops, in denen Kinder benennen, wo sie sich sicher oder unsicher fühlen. Ein konkretes Ergebnis war zusätzliche Beleuchtung am Fußballplatz, nachdem Kinder dort Unsicherheiten angesprochen hatten. Ergänzt werden diese Angebote durch feste Beteiligungsstrukturen wie das Kinderparlament in unserer In-Kita oder Beteiligungsmentorinnen und -mentoren.
Warum ist die Stelle der Kinder- und Betreutenschutzfachkraft so wichtig?
Sie schafft Verlässlichkeit und Orientierung. Mitarbeitende haben eine feste Ansprechperson und müssen schwierige Fragen nicht allein beantworten. Gleichzeitig sorgen klare Strukturen dafür, dass Kinderschutz im Alltag gelebt wird. Entscheidend sind Offenheit, Austausch und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn alle aufmerksam hinschauen und gemeinsam handeln, können Kinder und Jugendliche wirksam geschützt und in ihrer Entwicklung gestärkt werden.