Leonie steht vor dem Eingang der "LauBE", einem Wohnprojekt des SOS-Kinderdorf Kaiserslautern

Leonies Weg in ein neues Leben

Enttäuschungen, Einsamkeit oder Gewalt: Viele Jugendliche haben keinen leichten Start ins Leben. Unterstützung bekommen sie bei SOS-Kinderdorf in einem Jugendhaus oder in einem betreuten Wohnprojekt. Wie gut das funktioniert, zeigt das Beispiel von Leonie.
Vorbei an dem alten Kastanienbaum, den Büschen mit Vogelbeeren und den Fahrrädern dazwischen. Leonies Herz schlägt viel schneller als sonst, pocht bis hoch in den Hals. Doch sie schluckt die Angst vor dem Ungewissen immer wieder runter. Tue ich das Richtige? Sie muss jetzt mutig sein, keinen Rückzieher machen, sagt sie sich. Sie kann einfach nicht mehr bei ihrer Mutter bleiben. Keinen Tag länger, zu Hause ist es zu schlimm. Die Last von Streit und Sorgen drückt schwer auf ihren schmalen Schultern. Noch einen Schritt, dann steht sie vor der Nummer 78. Dem Eingang des Jugendhauses des SOS-Kinderdorfs Kaiserslautern, ihrem neuen Zuhause. Es ist ein ganz entscheidender Schritt. Der Schritt in ein neues Leben.
Elf Jahre ist dieser Tag nun her. Leonie erinnert sich, als sei es gestern gewesen. „Das war meine Rettung. Zum Glück bin ich diesen Schritt gegangen, sonst wäre ich heute nicht hier“, sagt sie. Heute geht die 23-Jährige denselben Weg zum Jugendhaus mit einem Strahlen im Gesicht. Die junge Frau erinnert sich an ihre turbulente, aber vor allem heilsame Zeit in der Wohngruppe:
„Es gab hier Menschen, die zuhörten. Jemanden, der bei den Hausaufgaben half oder mit mir ein neues Spiel ausprobierte. Ich war nicht mehr allein.“

Die Wohngemeinschaft als Familie

„Wow – hier kommen an jeder Ecke Erinnerungen hoch!“, sagt Leonie beim Betreten des Hauses. Der Flur führt in ein Wohnzimmer mit großen Fenstern zum Garten. „Hier haben wir gelacht, geweint und gestritten“, erzählt Leonie. Die Wohngemeinschaft ist für sie eine richtige Familie geworden.
Gar nicht so einfach, denn in den Wohngruppen treffen unterschiedlichste junge Menschen aufeinander. Sie alle haben in ihrem bisherigen Leben Enttäuschungen, Vernachlässigung oder auch Gewalt erfahren. Gemeinsam mit den Pädagogen versuchen sie, einen Teil des dicken Schutzwalls abzutragen, den sie um ihre Seelen aufgebaut haben.
„Viele Jugendliche haben nie vorgelebt bekommen, wie ein rücksichtsvolles Zusammenleben funktioniert. Dass Regeln nicht einschränken, sondern durch das Chaos hindurchhelfen können“, erklärt Carmen Häßel, Erzieherin im SOS-Kinderdorf Kaiserslautern. Sie hat Leonie nach ihrem Einzug betreut und ihr jeden Tag mehr Mut gemacht.

Aufbruch ins eigene Leben

Leonie blättert durch Carmen Häßels Fotoalbum, die Betreuerin hat darin wichtige Momente ihrer Schützlinge aufbewahrt. „Mein erster Urlaub in Österreich – und hier, meine Weihnachts- und Geburtstagskarten an dich. Das hast du alles aufbewahrt?“, fragt Leonie gerührt und weiter: „Das ist, was ich hier erfahren habe. Carmen war so unglaublich wichtig für mich. Ich habe gespürt: Wenn du jemanden liebst, wirst du auch zurückgeliebt.“ Carmen Häßel schluckt und drückt Leonie an sich. Die Erzieherin ist sehr stolz auf sie.
Leonie schaffte ihren Hauptschulabschluss und entwickelte anschließend richtig Ehrgeiz. „Ich habe mich getraut, an mich zu glauben. Dann hat es auch mit dem Realschulabschluss geklappt“, sagt Leonie. 
Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: Sie findet ihren Traumjob. Zwei Jahre Ausbildung inklusive Fachabitur und Leonie ist heute selbst Erzieherin. Sie wohnt in ihrer eigenen Wohnung, ist auf keine Unterstützung mehr angewiesen.
„Entscheidet war für mich der Auszug aus dem Jugendhaus“, erinnert sie sich. Ein Schritt, der einen ins Straucheln bringen kann. Um auch Volljährige in dieser empfindlichen Übergangsphase in die Selbständigkeit so gut wie möglich zu begleiten, gibt es bei SOS-Kinderdorf Kaiserslautern die LauBE. Das steht für „Lautrer Betreutes Einzelwohnen“, ein Wohnprojekt für Jugendliche und junge Erwachsene. Leonie nabelt sich Stück für Stück ab. Mit der Sicherheit, im Ernstfall immer Rückhalt und Unterstützung bei SOS-Kinderdorf zu bekommen. Rückblickend sagt sie:
„Viele Abläufe und Gewohnheiten aus der Wohngruppe habe ich einfach übernommen – so hat mich in meiner eigenen Wohnung nicht alles überfordert.“

Etwas zurückgeben

Angefangen beim Putzplan über die Führung eines Haushaltsbuchs bis zur Vorbereitung von Mahlzeiten geben ihr die gelernten Strukturen bis heute Sicherheit im Alltag. Genau wie ihr Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr. Jede Woche Dienstag trifft sie sich mit ihren Zug-Kollegen. „Mit acht Jahren habe ich angefangen mitzumachen und heute bilde ich selbst unseren Nachwuchs aus, ich habe so viele geniale Kollegen – wir sind füreinander da, besonders wenn es brennt.“
Und auch der Mittwoch ist bei Leonie oft verplant. Der Tag ist für den offenen Treff in der LauBE reserviert. Bewohner des Wohnprojekts und Ehemalige wie Leonie essen gemeinsam und tauschen sich aus. „Ich hab alles selbst erlebt, da kann ich noch eine weitere Perspektive bieten - zusätzlich zu den Tipps der Betreuer“, sagt Leonie.
Das ist auch der Grund, weshalb sie als Erzieherin in einer stationären Wohngruppe arbeitet: 
„Ich habe die Chance, etwas zurückzugeben. Ich habe im Jugendhaus so viel bekommen: Liebe, Fürsorge und Wertschätzung. Ich weiß, wie sehr es die Jugendlichen brauchen. Deshalb möchte ich so vielen wie möglich in ein glückliches Leben helfen!“

Leonies Weg bis zur Erzieherin


Das Jugendhaus in Kaiserslautern

Aktuell beherbergt das Jugendhaus in Kaiserslautern zwei Wohngruppen mit Platz für jeweils neun Kinder zwischen zwölf und 19 Jahren. Das Gebäude steht wie eine kleine Oase am Stadtrand. Umrahmt von einem Garten mit Schaukeln, Grillplatz und Hochbeeten. Der zweistöckige Reihenhausbau ist auch baulich auf die Anforderungen der schutzbedürftigen Teenager abgestimmt. Clever konzipierte, verschachtelte Wohnbereiche. Unter den Spitzdächern hat jeder ein eigenes gemütliches Zimmer. Die Betreuer kümmern sich im Schichtdienst 24 Stunden um alle Bedürfnisse der Jugendlichen.